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Industriemetalle Fusionsfieber zeigt Beruhigung am Stahlmarkt

27.01.2006 ·  Die geplante Übernahme von Arcelor durch Mittal Steel ist aus Sicht der Wirtschaftsvereinigung Stahl Ausdruck des Potentials der Branche. Für andere Beobachter kommt darin die Beruhigung zum Ausdruck, die die Preise seit Jahresfrist hat fallen lassen.

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Freitag geht es an der Börse bisweilen ruhiger zu. Der letzte Freitag des Januars macht da eine Ausnahme. Nachdem die Aktien der niederländischen Mittal Steel und des luxemburgischen Stahlkonzerns Arcelor zunächst stundenlang vom Handel ausgesetzt waren, ließen die Holländer die Bombe platzen.

Sie kündigten ein Übernahmeangebot in Höhe von 28,21 Euro je Aktie an. Damit wird Arcelor mit 18,6 Milliarden Euro bewertet. Das Angebot stellt den Angaben zufolge eine Prämie von 28 Prozent zum Schlußpreis von Arcelor am Donnerstag dar. Dem vorrangigen Angebot zufolge erhalten Arcelor-Anteilseigner vier Mittal-Aktien und 35,25 Euro in bar für fünf Arcelor-Aktien.

Stühlerücken im Stahlsektor

Das fusionierte Unternehmen würde nach Angaben Mittals eine Pro-Forma- Marktkapitalisierung von rund 40 Milliarden Dollar aufweisen. Für das vergangene Jahr 2005 habe der Pro-Forma-Umsatz der beiden Unternehmen zusammen 69 Milliarden Dollar und das Vor-Steuer-Ergebnis (Ebitda) 12,6 Milliarden Dollar betragen. Das jährliche Stahl-Produktionsvolumen werde bei 100 Millionen Tonnen liegen. Mittal rechnet in Folge eines Zusammenschlusses mit Synergien von einer Milliarde Dollar.

Als ob die Elefantenhochzeit zwischen dem Weltmarktführer und der Nummer zwei nicht genug gewesen wäre, teilte Mittal mit, den kanadischen Produzenten Dofasco, der gerade erst der Übernahme durch Arcelor zugestimmt hat, an den deutschen Stahlkonzern Thyssen-Krupp zu verkaufen - und zwar zu eben jenem Preis den die Düsseldorfer zuletzt für Dofasco geboten hatten, bevor Thyssen-Krupp aus dem Bieterwettstreit ausgestiegen war.

Damit nimmt die Dynamik der Bewegung auf dem Stahlmarkt weiter zu. Der gebürtige Inder Lakshmi Mittal hat bereits in den vergangenen Jahren durch eine Reihe spektakulärer Übernahmen einen Stahlgiganten geschmiedet, der im vergangenen Jahr Arcelor als Nummer eins überholte. Diese Position wäre mit der Übernahme von Dofasco durch Arcelor zumindest bedroht.

Der Stahlmarkt gilt als Boombranche...

Und Thyssen-Krupp hätte die Chance zum Aufholen verpaßt. Denn mit Dofasco hätte der deutsche Anbieter Rang Sechs vor der chinesischen Shanghai Baosteel eingenommen (siehe Graphik). Wie Thyssen-Krupp bekannt gab, war man mit Mittal Steel schon längere Zeit über den Deal einig. Arcelor lehnt dagegen einen Kommentar zu Mittals Übernahmeplänen weiter ab. Laut Mittal hat sich die Arcelor-Führung in Vorgesprächen aber skeptisch zu einer Fusion geäußert.

Gleich wie die Reise nach Jerusalem auf dem Stahlmarkt ausgeht, es zeigt deutlich, wie sehr die Großunternehmen bemüht sind, sich auf dem Markt zu positionieren. Dies ist eigentlich immer ein Anzeichen, daß sich der Markt in der Endphase eines Booms oder gar in einer rezessiven Phase befindet.

Das mag daher überraschen, gilt doch der Stahlmarkt landläufig als unendlicher Boommarkt, auf dem sich die Nachfrage überschlägt. Dieser Eindruck entsteht nicht zuletzt aufgrund der Erfolgsmeldungen der börsennotierten Stahlkonzerne wie Salzgitter, Voestalpine oder eben Thyssen-Krupp.

... doch einiges deutet auf eine Normalisierung hin

Salzgitter etwa kündigte erst am Donnerstag an, daß man 2005 mit einem „exorbitant hohen Gewinn“ abschließen werde. Beim Umsatz sei erstmals die Grenze von sieben Milliarden Euro überschritten werde. Doch die Quartalsergebnisse bis zum dritten Vierteljahr 2005 zeigen bereits einen zyklischen Trend. Konnte bis zum ersten Quartal des Jahres 2005 das Vorsteuerergebnis kontinuierlich um fast das Zehnfache gesteigert werden, so befindet es sich seitdem auf dem Rückzug und lag im dritten Quartal nur noch halb so hoch wie im ersten und sogar 20 Prozent unter dem des vierten Quartals 2004.

Und die jüngste Prognose für das vierte Quartal lag rund zwanzig Prozent unter dem Ergebnis des Vorquartals und rund 37 Prozent unter dem vierten Quartal des vergangenen Jahres. Auch wenn Salzgitter die Stahlpreise erhöht hat und weiter Preisanhebungen nicht ausschließt - die wenigen Marktpreise für Stahl zeigten 2005 eine eindeutige Bewegung - und die ging nach unten.

Stahlpreise auf dem Rückzug

Der zweimal wöchentlich festgestellte „Metal Bulletin Steel Exports Europe Cold Rolled Spot Price“, der am 13. Oktober 2004 noch ein Sechs-Jahres-Hoch bei 690 Dollar verzeichnete, ist seitdem auf 515 Dollar gefallen. Im historischen vergleich ist er damit noch vergleichsweise hoch. 2003 hatte er sein Hoch bei knapp über 400 Dollar verzeichnet.

Auch die Stahlpreise an der Terminbörse in Schanghai SHFE befinden sich seit Frühjahr 2005 auf dem Rückzug. Cold Rolled Coil erreichten im März ein Drei-Jahres-Hoch bei rund 7.500 Yuan. Seitdem ist der Preis fast kontinuierlich auf unter 4.000 Yuan im Dezember gefallen. Stahlträger standen bei über 5.000 Yuan und notieren derzeit bei etwa 3.000 Yuan.

China: Vom Importeur zum Exporteur

Grund dafür ist, daß der chinesische Stahlmarkt mittlerweile erheblich besser im Gleichgewicht ist als noch vor Jahresfrist. Nach Angaben der Macquarie Bank (siehe Graphik) lag der offenbare Verbrauch in China zwischen 1998 und 2004 ständig über der Produktion.

Diese hat jedoch mittlerweile stark aufgeholt und wuchs im vergangenen Jahr, bezogen auf den Gesamtmarkt um 24 Prozent. 42,7 Prozent betrug übrigens der Zuwachs bei Edelstahl, was eine der Basen für den Anstieg des Zinkpreises darstellt. Im Jahr 2005 war der Stahlmarkt daher wenigstens ausgeglichen. Selbst die Angebotslücke bei Roheisen ist um 11,5 Prozent gefallen.

Vor allem aber schlug sich diese Entwicklung deutlich im Außenhandel nieder. Während die chinesischen Nettoimporte bis Ende 2004 noch deutlich bis auf einen Gipfel von über 40 Millionen Tonnen in der Woche wuchsen, brachen diese urplötzlich ein und China wurde sogar zum Nettoexporteur. Im Frühjahr flossen in Spitzenzeiten in einer Woche netto 20 Millionen Tonnen chinesischer Stahl auf den Weltmarkt.

Die Einfuhren von Walzstahl gingen im Gesamtjahr um 11,9 Prozent auf 25,82 Millionen Tonnen zurück, wohingegen die Ausfuhren um 44,2 Prozent auf 20,52 Millionen Tonnen zulegten.

Einfluß auch auf den Zinkpreis möglich

Seit Jahresbeginn haben die Stahlpreise in Schanghai wieder leicht angezogen. Cold Rolled Coil legte rund zwölf Prozent zu, wohingegen Stahlträger kaum reagierten. Optimisten hoffen auf eine Rejustierung des chinesischen Stahlmarktes. Indes könnte es sich auch nur um eine Erholung nach der starken Korrektur handeln.

Die derzeitigen Fusionen sind jedenfalls auch dazu angetan, künftig die Stahlpreise stabiler zu halten, da sie die Wettbewerbsintensität senken. Analyst Thomas Hofmann von der Landesbank Rheinland-Pfalz verweist darauf, daß Arcelor bislang in Zeiten rückläufiger Nachfrage die Produktion gedrosselt und so auf den Sektor stabilisierend gewirkt habe.

Für Rohstoff-Investoren ist das nicht unbedingt eine gute Nachricht. Stahl selbst läßt sich schwer handeln. Indes hängt aber auch der Zinkpreis von der Stahlproduktion ab. Sollte diese sinken, könnte dies auch den bisher so glanzvollen Zinkpreis in Mitleidenschaft ziehen. Denn immerhin käme die neue Mittal Steel auf ein Stahlproduktionsvolumen, das rund ein Viertel der chinesischen ausmacht und so würde es sich bemerkbar machen. Indes ist es ein weiter Weg bis aus dem Fusionsansinnen eine Tatsache wird und dieser dann Konsequenzen folgen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @mho
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