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Industriemetalle Die Mär vom knappen Kupfer

01.09.2006 ·  Nach dem Streik in der weltgrößten Kupfermine hätte das Industriemetall eigentlich teurer werden müssen, schließlich kam es zu erheblichen Produktionsausfällen. Doch so kam es nicht. Denn Kupfer ist nicht so knapp, wie oft behauptet wird.

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„La Escondida“ heißt „Die Versteckte“. Doch in den vergangenen Wochen stand die größte Kupfermine der Welt ziemlich häufig in den Schlagzeilen. Im unwirtlichen Norden Chiles, in der Atacamawüste auf 3.000 Meter Höhe, streikte das Personal. Die Produktion mußte auf 40 bis 50 Prozent ihrer regulären Auslastung heruntergefahren werden, was den Haupteigner BHP Billiton nach eigenen Angaben jeden Tag mehr als zwölf Millionen Euro kostete.

BHP-Chef Charles „Chip“ Goodyear alarmierte die Rohstoffmärkte: Streiks und andere Lieferunterbrechungen würden dazu führen, daß in diesem Jahr 600.000 Tonnen weniger Kupfer gefördert werden wird als noch am Jahresanfang prognostiziert. „La Escondida“ lieferte im vergangenen Jahr gut 1,2 Millionen Tonnen Kupfer, das sind 8,5 Prozent des globalen Kupferbedarfs. Wenn diese Mine nicht arbeitet, so die Theorie, wird das Angebot knapp, der Preis steigt. Doch so kam es nicht.

Der Kupferpreis reagiert kaum auf den Streik

Inzwischen ist der Streik beendet, am späten Donnerstag einigten sich Gewerkschaft und Betreiber der Mine auf fünf Prozent mehr Lohn und eine satte Einmalzahlung. Klar, jetzt reagiert der Markt erleichtert. Aber der Preis für Kupfer-Futures an der Londoner Metallbörse LME fällt am Freitag morgen nur um 0,8 Prozent. Noch erstaunlicher: Seit Streikbeginn am 7. August ist Kupfer 3,6 Prozent billiger geworden, obwohl der Streik tatsächlich spürbare Auswirkungen auf das Kupferangebot haben muß.

Über den Streik wurde zwar viel geschrieben und geredet, der Kupferpreis aber reagierte nicht stärker als sonst und lief im Trend in den vergangenen Wochen eher seitwärts. Das kann als weiteres Argument für die These dienen, daß Kupfer nicht so knapp ist, wie es viele immer noch behaupten.

Chinas Kupfer-Importe schrumpfen

Sicher, die Nachfrage vor allem China ist gigantisch. Wo die Industrie blüht, darf Kupfer nicht fehlen. Das Metall wird zum Beispiel für Stromkabel und Rohre verwendet. „Chinas Nachfrage nach Kupfer hat sich in zehn Jahren verdreifacht, China allein verbraucht ein Fünftel der Weltproduktion“, erklärt Walter Molano von BCP Securities. Und die UBS rechnet aus gutem Grund damit, daß die Nachfrage nach Basismetallen in den beiden nächsten Jahrzehnten weiter steigen wird, vor allem aus den Schwellenländern.

Doch das heißt nicht, daß die Volksrepublik weiterhin die Kupferlager der Welt leert: Im Februar 2004 führte China nach Zahlen von Macquarie Research 169.000 Tonnen Kupfer ein, im Mai 2006 waren es nur noch 57.000 Tonnen, das war der niedrigste Wert seit Mai 2001. Zu erklären ist das vor allem mit einer steigenden Eigenproduktion.

Kunststoff statt Kupfer

Außerdem war der Kupferpreis der wachsenden Nachfrage unverhältnismäßig weit vorausgelaufen. Ein Blick auf den langjährigen Chart zeigt, daß der Markt spekulativ überhitzt war, als Kupfer am 11. Mai in London 8.800 Dollar je Tonne kostete - etwa dreimal so viel wie zwei Jahre zuvor.

Bei diesen Preisen schauen sich die Konsumenten nach Alternativen um. Bei Kabeln läßt sich Kupfer zwar nicht so ohne weiteres ersetzen, aber ein Leitungsrohr muß nicht immer aus Kupfer sein. Warum nicht Kunststoff nehmen, wenn das Industriemetall so teuer geworden ist? Ähnlich argumentierte schon im März die Sempra Metal Group, einer von elf Händlern auf dem Parkett der LME: Der Kupferpreis müßte um etwa 1.500 Dollar je Tonne sinken, um eine sinkende Nachfrage zu verhindern. Damals kostete die Tonne gerade mal 5.000 Dollar, heute sind es weit über 7.000 Dollar (siehe auch: Kupfer ist nur noch für Spekulanten interessant).

Die Kupfer-Lager dürften sich füllen

Auch die Zahlen der International Copper Study Group (ISCG) aus Lissabon sprechen gegen steigende Kupferpreise. In ihrer Statistik listet das von den Kupferproduzenten finanzierte Forschungsinstitut auf, wie viel Kupfer produziert wird und wie sich der Verbrauch entwickelt. Allein im April wurden demnach 16.000 Tonnen mehr produziert als konsumiert. 2005 stand noch ein Defizit von 65.000 Tonnen, im Jahr davor fehlten sogar 902.000 Tonnen. Stimmen die Daten, füllen sich die Lager derzeit.

Selbst die Finanzmarkt-Profis sind sich derzeit alles andere als sicher, wohin die Reise geht. Als Bloomberg vor einer Woche 14 Analysten, Händler und Investoren befragte, ob sie den Kupferpreis fallen oder steigen sehen, konnte das Ergebnis kaum zweideutiger bleiben: Sieben erwarteten steigende Preise, sechs rechneten mit fallenden Notierungen, und einer sagte wenig Veränderung voraus.

Einiges spricht für einen sinkenden Preis

Lohnt es sich also, in Kupfer zu investieren? Vielleicht schon, wie Daten von Thechartstore.com zeigen: Der Kupferpreis kann in nur vier Wochen durchaus um 30 Prozent steigen, so geschehen im April dieses Jahres. Er kann aber auch - wie im Januar 1988 - in nur einem Monat 27 Prozent fallen. Selbst auf lange Sicht ist der Anleger nicht auf der sicheren Seite: Wer im Dezember 1993 Kupfer kaufte und es fünf Jahre später losschlagen wollte, hätte einen Verlust von 20 Prozent realisieren müssen - die Inflation noch nicht mit eingerechnet.

Eine derart hohe Volatilität wollen wohl die wenigsten Privatanleger ihrem Depot antun. Fundamental jedenfalls scheint derzeit mehr für einen tendenziell sinkenden Preis zu sprechen: Kupfer ist offensichtlich nicht so knapp, wie immer wieder behauptet wird. Wenn der Preis spekulativ bedingt trotzdem auf dem derzeitigen Niveau verharrt, wird die Nachfrage spürbar abnehmen. Spätestens das würde den Druck auf sinkende Preise erhöhen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @bemi
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