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Im Gespräch: Richard Gibbs, Chefökonom Macquarie Group „Australiens Zinsen könnten stärker als erwartet steigen“

03.11.2009 ·  Die australische Wirtschaft entwickelt sich vergleichsweise robust. Die Zentralbank des Landes erhöht deswegen die Zinsen. Richard Gibbs, Chefökonom der Macquarie Group, rechnet damit, dass sie stärker steigen könnten als bisher erwartet.

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Die australische Wirtschaft entwickelt sich robuster als vielfach erwartet. Inzwischen ziehen die Immobilienpreise wieder an und am Arbeitsmarkt gibt es in bestimmten Regionen in Ansätzen sogar Engpässe.

Kein Wunder, dass die Zentralbank des Landes den Leitzins nach oben schraubt. Richard Gibbs, Chefökonom der Macquarie Group, rechnet damit, dass das Zinsniveau sogar stärker steigen könnte, als bisher angenommen.

Die australische Zentralbank hat am Dienstag zum zweiten Mal innerhalb von vier Wochen den Leitzins auf zuletzt 3,5 Prozent erhöht. Gibt es so etwas wie einen Boom in Australien?

Ja. Zumindest die Zentralbank hat in ihrem Statement erklärt, die australische Wirtschaft wachse wieder. Sie befand sich sicherlich in einer besseren Positionen als die vergleichbarer Staaten, als sie mit der Finanzkrise konfrontiert wurde. Das hat dazu beigetragen, dass sie schneller und stärker wieder aus der Krise hergehen konnte als andere. In der Konsequenz wird der „geldpolitische Notstand“ aufgehoben und die Zinsen werden normalisiert. Das war wurde von der Zentralbank im Vorfeld so kommuniziert und vom Markt weitgehend antizipiert.

Wo gehen wir hin, ausgehend vom aktuellen Niveau?

Ich denke, die Zentralbank wird den Leitzins in den kommenden drei, vier Monaten auf ein Niveau von etwa vier Prozent anheben. Um abschätzen zu können, wie schnell das gehen wird, beobachten wir die Entwicklung der Konsumentenkredite sowie die am Arbeitsmarkt. Schon in den vergangenen beiden Monaten hat sich die australische Beschäftigungslage verbessert, die Arbeitslosenquote ist gefallen.

Wie werden sich die Konsumenten verhalten?

Ich denke, die Weihnachts- und Silvestersaison wird relativ gut verlaufen. Alleine schon deswegen, weil die Verbraucher im vergangenen Jahr nach dem Kollaps von Lehman und der folgenden Krise ziemlich vorsichtig waren. Nachdem sich die Wirtschaft nicht so schlecht entwickelt hat wie befürchtet und der Arbeitsmarkt robuster ist als offiziell prognostiziert dürfte eine gewisse Konsumneigung kaum überraschen. Die entscheidende Frage ist, ob die Verbraucher die Ausgaben auf ihre Einkommen beschränken oder ob sie von neuem zur Aufnahme von Krediten und zur stärkeren Verschuldung tendieren. Wenn, dann dürfte die Zentralbank besorgt werden und wahrscheinlich schon im Dezember den Leitzins weiter anheben.

Hat die Zentralbank ihre Einstellung insoweit geändert, als sie versucht, die Entstehung neuer Vermögenspreisblasen zu verhindern?

Ich denke schon. Nachdem die Hauspreise wieder zu steigen begannen, wurden die Beihilfen für den Ersterwerb von Häusern reduziert. In der Folge hat der Preisauftrieb nachgelassen und die Aktivitäten in diesem Bereich haben sich etwas beruhigt. Grundsätzlich scheint die Reserve Bank of Australia (RBA) daran interessiert zu sein, die Entstehung von Vermögenspreisblasen in allen Teilen der Wirtschaft zu vermeiden und die Inflationsrate in der Zielzone von zwei bis drei Prozent zu halten.

Was bedeutet die Entwicklung für Börsianer und Devisenhändler?

Die Zinserhöhungen bisher waren moderat und sie kamen nicht überraschend. Sie haben zudem bisher so gut wie keinen Einfluss auf die Gewinnentwicklung der Unternehmen und die Bewertung der Aktien. Im Kern handelt es sich um eine Normalisierung des Zinsniveaus. Gleichzeitig nimmt die fundamentale Nachfrage zu. Das führt insgesamt zu einem weiterhin robusten Ausblick für australische Aktien. Ich denke, sie können im restlichen Jahr noch zwischen drei und fünf Prozent an Wert gewinnen. Diese Einschätzung würde sich dann ändern, wenn die Zentralbank kommunizieren würde, die Zinsen schneller und über den neutralen Zinssatz von etwa 4,25 Prozent hinaus erhöhen zu wollen. Das ist bisher nicht der Fall und ich würde so etwas frühestens im kommen Jahr erwarten.

Der starke Dollar dämpft sicherlich die Entwicklung des Außenhandels. Er hat positive Effekte für die Inflationsentwicklung und erhöht den Druck auf Unternehmen, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu halten. Bisher sind kaum Effekte auf die Gewinnentwicklung der Unternehmen zu beobachten, auch wenn jene Firmen es spüren dürften, die große Teile ihrer Erträge im Ausland erzielen. Darauf dürfte die Zentralbank jedoch achten und den Leitzins nur Schritt für Schritt erhöhen.

In den vergangenen Wochen konnte der Eindruck aufkommen, die Zentralbank sei an einer starken Landeswährung interessiert …

…das muss man sicherlich in einem längerfristigen Zusammenhang sehen, in welchem ein Land, das hohe Kapitalerträge erwirtschaftet auch eine starke Währung haben sollte. Die Zentralbank hat in diesem Sinne über die langfristige Bewertung in einem globalen Zusammenhang geredet, denke ich.

Der neuseeländische Dollar hat ähnlich stark aufgewertet wie der australische. Dabei ist dort die Wirtschaft mit Sicherheit nicht so robust wie in Australien.

Neuseeland hat noch nicht begonnen, das Zinsniveau zu normalisieren. In diesem Sinne ist dieselbe relative Stärke sicherlich nicht gerechtfertigt.

Welche Branchen sind an der australischen Börse besonders interessant?

Die Aktien der Industrieunternehmen haben sicherlich noch gewisse Reize, während es im Einzelhandelsbereich weiterhin positive Unternehmensresultate gibt. Der Rohstoffbereich ist längerfristig alleine schon aus strukturellen Gründen interessant. Australien kann im Kohle- und Gassektor zu einem wichtigen Anbieter werden. Das Gorgon-Gasprojekt ist das größte Infrastrukturunternehmen in der Geschichte Australiens. Es wird entwickelt von den australischen Töchtern von Chevron, Shell und Exxon Mobil. Allerdings werden davon eine Reihe lokaler Unternehmen profitieren. Seien es Bau- und Infrastrukturunternehmen oder die Hersteller von Gasplattformen.

Würden Sie Anlegern empfehlen, australische Anleihen zu verkaufen?

Ich denke, wir sind noch nicht soweit, denn wir haben noch kein Inflationsproblem. Das wird sich erst ändern, wenn das Inflationsziel der Zentralbank gefährdet werden sollte.

Wo liegen die Risiken?

Die Risiken liegen klar in der Lohnentwicklung. In West- und Südaustralischen deuten sich ironischerweise schon wieder Engepässe bei gut ausgebildeten Personen an. Der Arbeitsmarkt hatte sich in den vergangenen Monaten nicht soweit entspannt, als dass die Lohnhöhe kein entscheidender Faktor mehr wäre. Gleichzeitig muss die Entwicklung bei den Vermögenspreise sorgfältig beobachtet werden. Zudem ist die Nachfrage aus dem Ausland nach australischen Produkten vergleichsweise stark. Preisimpulse können also auch von dieser Seite kommen.

Welche Zinsentwicklung erwarten Sie?

Es gibt eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Zinsen in Australien stärker steigen können, als der Markt gegenwärtig antizipiert.

Das Gespräch führte Christof Leisinger

Quelle: @cri
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