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Im Gespräch: Kona Haque, Macquarie „Die Preise für Agrarrohstoffe geraten unter Druck“

 ·  Kurzfristig sollten die Preise sinken, sagt Kona Haque, die seit 15 Jahren die Agrarmärkte analysiert. Sie erklärt, welche Rohstoffe die Investoren bevorzugen und welche Rolle die Spekulanten haben.

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Frau Haque, wie sind die Aussichten für Agrarrohstoffe?

In den vergangenen zwei Jahren hat es viele extreme Wettereinflüsse gegeben. Das hat die Ernten zum Teil stark belastet. Die Preise für die meisten Agrarrohstoffe sind daher erheblich gestiegen, die Landwirte konnten hohe Gewinne erzielen. Denken Sie nur an die Dürre in Russland im Jahr 2010, die einen großen Teil der damaligen Weizenernte vernichtet hatte. Für dieses Jahr gehe ich aber davon aus, dass das Wetter weniger stark verrückt spielt. Die Ernten sollten gut ausfallen. Die Preise werden unter Druck geraten.

Welche Agrarrohstoffe haben Investoren derzeit besonders im Blick?

Da ist zum einen Weizen, da dieser eine starke Gewichtung in den meisten investierbaren Rohstoffindizes hat: Die Lager werden gut gefüllt sein, daher ist auf Sicht von ein bis zwei Jahren mit sinkenden Preisen zu rechnen. Bei Mais ist die Angebotsseite allerdings aufgrund der Ernteausfälle der vergangenen zwei Jahre in den Vereinigten Staaten noch angespannt. In der zweiten Jahreshälfte dürfte sich die Lage entspannen, da wir eine große Ernte erwarten. Daher sollten die Preise sinken. Allerdings gibt es eine hohe Nachfrage nach Biokraftstoffen, für deren Herstellung Mais gefragt ist. Auch der Bedarf in China ist groß, was gelegentliche Preissteigerungsrisiken nach sich ziehen kann.

Und was ist mit Sojabohnen? Die scheinen Anleger zu lieben.

Das stimmt. Der Preis für Sojabohnen ist so hoch wie seit einem halben Jahr nicht mehr. Hintergrund ist, dass die Entwicklung der Sojapflanzen in wichtigen Anbauländern wie Brasilien und Argentinien wegen der Dürre schlecht war. Zudem ist die Nachfrage vor allem in China sehr hoch. Das treibt die Preise. Was die Preisentwicklung angeht, rechne ich damit, dass Soja stärker als andere Rohstoffe wie Weizen anzieht.

Wie sieht es mit Kaffee und Kakao aus?

Wegen eines guten Angebots ist mit sinkenden Preisen zu rechnen. Und für Zucker gilt: In Brasilien, dem wichtigsten Zuckerproduzenten der Welt, werden die Zuckerrohrpflanzen zunehmend älter. Die Folge ist, dass die Welt weniger Zucker aus Brasilien erhalten wird. Das zieht immer einen Risikoaufschlag auf die Marktpreise nach sich.

Wie sind die langfristigen Perspektiven für Agrarpreise?

Wenn wir drei bis fünf Jahre vorausschauen, sind deutlich steigende Preise für Agrarrohstoffe zu erwarten. Die Weltbevölkerung wächst, der Wohlstand nimmt zu. Das bedeutet, dass viele Menschen ihre Essgewohnheiten verändern. Sie wollen mehr Fleisch, das gilt vor allem für China. Und womit füttert man die Tiere? Mit Getreide. Also werden die Preise zulegen. Die Chinesen wollen nicht zurück zu Reis und Weizen. Auch in Indien ändert sich das Essverhalten, dort sind immer mehr Hühnchenfleisch und Milchprodukte gefragt. Dieser Trend gilt übrigens auch für süße Speisen und Süßwaren, also sind mehr Zucker und Kakao nötig. Gleichzeitig steigen die Grenzkosten der Produktion in Ländern wie Brasilien und der ehemaligen Sowjetunion. Wenn die weltweite Nachfrage weiterhin steigt, werden die Kosten ein Niveau erreichen müssen, welches diesen Regionen einen Anreiz bietet, ihre Produktion auszuweiten.

Welche Auswirkungen hat das auf die Landwirte?

Die langfristig steigenden Preise führen zu höheren Investitionen. Besonders in Ländern wie Brasilien, aber auch in Russland kann die Produktivität noch erheblich gesteigert werden. Dazu gehört, dass der Kampf ums Ackerland mittlerweile härter geworden ist. Es ist in manchen Ländern wie China gar nicht mehr so einfach, Landwirtschaftsflächen zu finden. Denn die Städte wachsen schnell, oder es gibt Wasserknappheit und Verschlechterungen der Bodenqualität. Doch der Welt werden die Ackerflächen so schnell nicht ausgehen. Gerade in Südamerika, aber auch in den Vereinigten Staaten und in Russland ist nicht nur das Wetter für die Landwirtschaft gut, es gibt noch viele Expansionsmöglichkeiten für Landwirte.

Dabei nimmt gerade der Maisanbau viel Platz ein.

Im Vergleich zu anderen Agrarrohstoffen ist der Platzbedarf für Mais erheblich. Derzeit werden rund 40 Prozent der amerikanischen Maisproduktion für die Ethanol-Produktion verwendet. Und die Nachfrage nimmt stetig zu. Das kann im Zweifel bedeuten, dass die neu geschaffenen Anbauflächen nicht für alle Pflanzenarten ausreichen. Was am Ende angebaut wird, entscheidet üblicherweise der Preis.

Welche Rolle spielen Finanzanleger bei der Entwicklung der Agrarpreise?

In den vergangenen Jahren hat das Interesse der Investoren an Rohstoffen deutlich zugenommen. Das gilt allen voran für Hedgefonds. Immer mehr Kapital fließt in diese Märkte. Der Großteil des Geldes geht zwar immer noch in die Edelmetalle und den Energiesektor. Doch Agrarrohstoffe werden immer beliebter. Die Zahl der Rohstoff-Fonds nimmt zu. Wenn sie börsengehandelte Indexfonds (Exchange Traded Funds, ETF) kaufen, setzen die Anleger auf steigende Preise.

Welche anderen Formen gibt es, als Anleger an der Preisentwicklung teilzunehmen?

Neben den Rohstoff-Fonds können Anleger auch Aktien von Unternehmen kaufen, die Rohstoffe anbieten. Oder Unternehmen, die zum Beispiel Dünger herstellen. Die Aktienkurse der Düngerhersteller legen in der Regel zu, wenn etwa der Maispreis steigt.

Sind es die Anleger, die die Preise treiben, so dass der Hunger in der Welt zunimmt?

Die Finanzanleger bestimmen die Preisentwicklung maßgeblich mit. Sie sind aber nicht für den Hunger in der Welt verantwortlich. Angebot und Nachfrage sind entscheidend, außerdem das Wetter. Natürlich nehmen die Preisschwankungen am Markt für Agrarrohstoffe zu, wenn es immer mehr Anleger gibt. Allerdings sind Agrarrohstoffe im Vergleich zum Aktienmarkt immer schon risikoreicher gewesen. Sie unterliegen stets größeren Schwankungen. Dabei können sich die Preise der Agrarrohstoffe natürlich in beide Richtungen entwickeln - nach oben und nach unten. Wenn die Preise stark steigen, werden die Anleger kritisiert, sie würden die Preise treiben. Wenn die Agrarrohstoffe billiger werden, gibt es keine Kritik. An den Rohstoffmärkten sorgen die Anleger für mehr Liquidität. Wenn lediglich Rohstoffanbieter und die Verbraucher an den Warenterminbörsen agierten, wäre die Liquidität erheblich niedriger. Und auch die Landwirte brauchen die Terminbörsen, um sich abzusichern.

Sie sprechen mit vielen Großinvestoren, die am Agrarmarkt tätig sind. Was sind deren Sorgen?

Langfristig betrachtet wollen viele Investoren wissen, ob China in den Markt mit gentechnisch veränderten Pflanzen einsteigt. Solche Pflanzen können die Ernten deutlich verbessern. Bisher nutzt China sie nicht. Sollte sich das in den nächsten Jahren ändern, würde sich natürlich auch die hohe Importquote Chinas für Agrarrohstoffe reduzieren. Die Preise für viele Rohstoffe würden dann wohl unter Druck geraten. Ein anderes Thema sind die gesetzlichen Regeln für Biokraftstoffe, beispielsweise in den Vereinigten Staaten und in Deutschland. Die Frage ist, ob solche Regeln erhalten bleiben und eine hohe Nachfrage etwa nach Mais sichern. Gerade in Amerika ist die Kritik an den Subventionen groß. Landwirte, die Vieh halten, sind gegen die Ethanol-Nutzung, weil sie Mais teurer macht.

Das Gespräch führte Tim Höfinghoff.

Quelle: F.A.Z.
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