13.10.2009 · Jörg Radeke vom Centre for Economics and Business Research rechnet für längere Zeit mit tiefen Zinsen und schwachem Wachstum in Großbritannien. Das Land müsse glaubwürdige Maßnahmen gegen die Finanzprobleme präsentieren, erklärt er weiter.
Das britische Pfund ist ziemlich schwach. Jörg Radeke vom Centre for Economics and Business Research rechnet für längere Zeit mit tiefen Zinsen und schwachem Wachstum in Großbritannien. Das Land müsse rasch transparente und glaubwürdige Maßnahmen präsentieren, wie man die Finanzprobleme in den Griff bekommen möchte, erklärt er weiter. Er hält solche allerdings für machbar.
Das britische Pfund ist ziemlich schwach, vor allem gegen den Euro. Wieso?
Die Schwäche lässt sich erstens durch die Unterschiede in den Zinssätzen und den Zinserwartungen erklären. In Großbritannien erwartet man, dass die Zinsen in den kommenden Jahren relativ niedrig bleiben. Wir vom Centre for Economics and Business Research (cebr) rechnen bis Ende des Jahres 2011 mit niedrigen Sätzen und auch danach werden sie voraussichtlich nur allmählich angehoben werden. Dagegen erwartet man, dass die Zinsen in Europa und auch in den Vereinigten Staaten schon früher erhöht werden.
Zweitens wird das britische Wirtschaftswachstum in den kommenden Jahren wohl nur moderat ausfallen. Alleine schon weil die Öffentliche Hand Einsparungen wird vornehmen müssen, dürfte das Wachstum deutlich unter dem Niveau bleiben, welches es vor der Rezession erreicht hatte. Die Wachstumsrate dürfte bei etwa ein Prozent liegen.
Aus welchen Gründen?
Wegen dem so genannten „Deleveraging“. Das heißt, weil die britischen Privathaushalte und auch der Staat ihre Schulden reduzieren und mehr als früher sparen müssen. Ein großer Teil des Wirtschaftswachstums, das wir in den vergangenen Jahren gesehen haben, basierte auf der zunehmenden Verschuldung, die nun zu einem Teil von der Öffentlichen Hand übernommen wurde. Künftig muss der Schuldenberg abgetragen werden. Das bedeutet, die öffentlichen Ausgaben müssen gekürzt und die Steuern müssen teilweise erhöht werden. Fährt man die Investitionen und die öffentlichen Ausgaben zurück, so hat das entsprechende Auswirkungen auf das Wachstum. Und steigt die Sparquote, die zwischenzeitlich negativ war und die mittlerweile bei fünf Prozent liegt, aber weiter steigen dürfte, so gehen die Konsumausgaben zurück.
Sie gehen also davon aus, dass sich das Verhalten der britischen Verbraucher ändern wird?
Die vergangenen Jahre waren nicht gerade durch Nachhaltigkeit geprägt gewesen. Die Bereitschaft ist nicht mehr da, so freigebig Geld zu verleihen wie in der Vergangenheit, als Kredite mit sehr geringem Eigenkapitalanteil möglich waren. Die Gelder werden nicht mehr durch den internationalen Finanzmarkt bereitgestellt und auch die Banken des Landes sind aufgefordert durch die Regulierung, ihre Eigenkapitalquoten zu erhöhen. Das können sie natürlich nur schaffen, indem sie ihre Verschuldung reduzieren und Kredite nur noch nach strengeren Kriterien als früher vergeben.
Auf der anderen Seite stellt die Bank of England den Banken Gelder praktisch umsonst zur Verfügung und der britische Häusermarkt scheint sich nach jüngsten Informationen zumindest optisch stabilisiert zu haben.
Es war recht dramatisch, wie die Hauspreise zum Teil angestiegen sind. Einer der nationalen Hauspreisindizes ist sogar um 1,6 Prozent gestiegen im Monat. Das ist sehr viel und beinahe schon wieder mit früheren Boomzeiten vergleichbar, wenn man es auf das Jahr hochrechnet. Wir denken jedoch, dass es sich dabei nur um ein temporäres Phänomen handelt. Es sind nur sehr wenige Objekte auf dem Markt, während die Nachfrage relativ schnell zurückkommt. Ein Teil davon kommt auch aus Europa, da britische Häuser für dortige Anleger günstig geworden sind, nachdem das Pfund 25 Prozent seines Wertes verloren hat. Allerdings zeigen sich die Preissteigerungen primär im gehobenen Segment, während sie sich im „Einsteigerbereich“ kaum erholt haben.
Die generöse Liquiditätsversorgung der britischen Notenbank ist notwendig geworden, um Unternehmen mit Krediten zu versorgen, die vor der Krise aus dem Ausland gekommen waren und nun nicht mehr verfügbar sind.
Das britische Wirtschaftswachstum wurde in den Jahren des Booms vor allem vom Finanzsektor beflügelt. Lässt er sich wieder beleben?
Die Finanzbranche hat sich zwar gut erholt, wird allerdings nicht mehr so stark werden können wie in der Vergangenheit. Denn erstens gibt es Überkapazitäten und zweitens wird sich die Branche nicht mehr so stark wie in der Vergangenheit verschulden können. Alleine schon aus diesem Grund rechnen wir in den kommenden Jahren nur mit verhaltenem Wachstum.
Wo kann es dann herkommen?
Nachdem das Pfund um rund ein Viertel gefallen ist, wird wohl der Außenhandel davon profitieren können. Britische Produkte sind auf diese Weise in Europa günstiger geworden. Zum Beispiel die Maschinen von JCB oder von Pratt & Whitney.
Die Verschuldung des britischen Staates ist im internationalen Vergleich nach offiziellen Daten relativ gering. Wo ist das Problem, das die Finanzmärkte offensichtlich sehen?
Das stimmt. Wenn man das Verhältnis von Staatsschulden zum Bruttoinlandsprodukt betrachtet, so liegen andere europäische Staaten bisher deutlich höher. Allerdings nehmen sie rasant zu und können bis im Jahr 2014 möglicherweise die Marke von 100 Prozent erreichen. Alleine im laufenden Jahr liegt das Budgetdefizit bei voraussichtlich 12,5 Prozent. Das ist viel, zumal es in den 70er-Jahren, als Großbritannien Notkredite vom Internationalen Währungsfonds benötigte, gerade einmal bei etwa neun Prozent lag.
In den vergangenen Jahren kamen große Teile der Staatseinnahmen aus dem Finanzsektor und aus dem Immobilienmarkt. Genau diese „Bubble-Taxes“ sind nun weggebrochen. Großbritannien hatte allerdings schon ein strukturelles Finanzproblem, als die Wirtschaft noch voll im Schwung war. Der Staat hat einfach viel mehr ausgeben, als er zur Verfügung hatte.
Wird sich das ändern?
Das muss es, sonst würde das Pfund noch weiter fallen als es ohnehin schon gefallen ist. Ein Defizit von 12,5 Prozent ist definitiv nicht mehr tragbar. Sowohl die Konservativen als auch die Labour Party haben angekündigt, dass es Einschnitte geben muss. Wir glauben, dass der Staat in den kommenden fünf Jahren 100 Milliarden Pfund einsparen muss. Wenn die Konservativen bei den kommenden Wahlen an die Macht kommen - wofür die Wahrscheinlichkeit im Moment groß erscheint - wird im Öffentlichen Sektor stark gespart werden. Die Löhne werden beschnitten werden, die Beschäftigung wird reduziert werden, Investitionen werden zurückgefahren und die Ausgaben in anderen Bereichen gekürzt.
Geht's konkreter?
Sehr wahrscheinlich wird die Mehrwertsteuer wieder erhöht werden, die man als Konjunkturmaßnahme auf 15 Prozent gesenkt hatte. Sie wird sehr wahrscheinlich wieder auf 17,5 oder gar 19 oder 20 Prozent angehoben werden. Die Konservativen würden zudem auf den schlanken Staat setzen, nachdem die Beschäftigung in diesem Bereich in den vergangenen Jahren extrem und überproportional angestiegen war. Dagegen soll das Gesundheitswesen im Moment nicht weiter beschnitten werden.
In den Märkten gibt es gewisse Befürchtungen, es könne nach den Wahlen in Großbritannien zu einer Währungskrise kommen.
Natürlich muss man dann rasch transparente und glaubwürdige Maßnahmen präsentieren, wie man die Finanzprobleme in den Griff bekommen möchte. Unsere Berechnungen zeigen - es ist nicht unmöglich. Problematisch könnte es allerdings dann werden, wenn es zu einer inflationären Entwicklung kommen sollte. Denn bisher geht man davon aus, dass die britische Zentralbank die Entwicklung mit tiefen Zinsen begleiten kann. Je schwächer jedoch das Pfund wird, desto teurer werden Energie und Rohstoffe, die importiert werden müssen. Darauf wird man wenig Einfluss haben. Auf der anderen Seite dürfte das Lohnwachstum angesichts des schwachen Arbeitsmarktes kein Problem darstellen und in den kommenden Jahren moderat bleiben.
Was bedeutet das ganze für die Börsen?
Erstens scheint es gegenwärtig kaum Anlagealternativen zu Aktien zu geben. Auf der anderen Seite sind die Gewinnaussichten der Unternehmen bei dem von uns erwarteten moderaten Wirtschaftswachstum in den kommenden Jahren nicht überragend. So stellt sich die Frage, wann die Märkte überbewertet sein werden.
Wie verhalten sich die britischen Banken, vergeben sie wieder Kredite?
Wenn man die Preise, also die Hypothekenzinsen, anschaut, so sieht es gut aus: Sie sind um 45 Prozent gesunken. Das heißt, die finanzielle Belastung der privaten Haushalte, die sich mehrheitlich durch variabel verzinsliche Hypotheken refinanziert haben, ist trotz hohem Verschuldungsgrad deutlich zurückgegangen. Das Kreditangebot hat sich inzwischen etwas erholt, liegt aber volumenmäßig immer noch etwa 60 Prozent (mortgage approvals) unter dem vor der Krise erreichten Niveau. Die Kreditvergabe wird sich nach unserer Einschätzung nur noch moderat entwickeln, da die Banken restriktiver und selektiver als früher geworden sind. Die britischen Unternehmen zahlen derzeit eher Gelder zurück als dass sie neue Mittel aufnehmen. Viele Firmen haben auf der anderen Seite noch Schwierigkeiten, überhaupt an Finanzmittel heranzukommen.
Macht sich die Entlastung der privaten Haushalte beim Konsum bemerkbar?
Ja, die britischen Einzelhandelsumsätze sind noch höher als im vergangenen Jahr. Allerdings wird dieser Effekt nach unserer Einschätzung nachlassen, da die Zinsen nicht mehr weiter fallen können, da die Banken die Zinssätze wohl wieder anziehen werden, da die Arbeitslosigkeit wohl weiter zunehmen wird, da die Löhne nicht oder allenfalls moderat steigen können, da die Preise eher steigen als weiter fallen dürften und weil die Mehrwertsteuer demnächst angehoben werden wird. Das heißt, die positiven Effekte, die wir im vergangenen Jahr gesehen haben, die verdrehen sich jetzt alle ins Gegenteil. Aus diesem Grund sollte man den britischen Einzelhandel mit der notwendigen Skepsis betrachten - und damit auch das gesamtwirtschaftliche Wachstum.
Danke -
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 13.10.2009, 21:04 Uhr
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