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Im Gespräch: Dirk Schumacher, Goldman Sachs „Der Euro steigt bis August auf 1,35 Dollar“

 ·  Dirk Schumacher, der Europa-Volkswirt von Goldman Sachs erwartet eine Beruhigung der Märkte, warnt vor Inflationsdruck aus China und setzt auf Aktien. Europäische Aktien, vor allem die deutscher Unternehmen, seien sehr attraktiv bewertet.

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Dirk Schumacher, der Europa-Volkswirt von Goldman Sachs erwartet eine Beruhigung der Märkte, warnt vor Inflationsdruck aus China und setzt auf Aktien. Europäische Aktien, vor allem die deutscher Unternehmen, seien sehr attraktiv bewertet.

Herr Schumacher, ist die Euro-Krise nach Verabschiedung des Rettungspakets zu Ende?

Die größten Unsicherheiten sollten nun erst einmal verschwinden. Die beeindruckende Größe des Pakets von 750 Milliarden Euro dürfte die Märkte beruhigen - auch wenn natürlich klar ist, dass sie bei Zahlungsschwierigkeiten aller südeuropäischen Länder nicht ausreichen würde, wovon wir aber nicht ausgehen.

Was heißt das für den Euro-Kurs?

Er wird nun wieder steigen, bis Mitte August auf 1,35 Dollar. Nicht zuletzt, weil die nach wie vor robusten Wachstumsaussichten wieder in den Vordergrund treten werden.

Sind dann bald wieder die alten Höchststände von mehr als 1,60 Dollar in Sicht?

Nein, das erwarte ich in den kommenden Jahren nicht. So stark ist die europäische Wirtschaft nicht. Der faire Wert liegt bei 1,20 Dollar. Das heißt, selbst in den vergangenen turbulenten Wochen war der Euro noch hoch bewertet. Für dieses Jahr erwarten wir aber noch keine 1,20 Dollar, eher in zwei bis drei Jahren.

Und warum fällt er nicht weiter?

Die europäische Industrieproduktion wächst rasant, das Unternehmensvertrauen ist hoch - die Zahlen können sich mit Amerika messen lassen. Ich erwarte in diesem Jahr ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,4 Prozent im Euro-Raum. Deutschland mit 2,2 Prozent und Frankreich mit 2,0 Prozent Wachstum werden dabei die Wachstumslokomotiven sein. Der schwächere Euro hilft vor allem den deutschen Exportfirmen.

Die Südländer sind die Bremser?

Sie bleiben als Folge der Sparanstrengungen in der Rezession oder werden wie Spanien wieder in die Stagnation rutschen.

Da werden die Sparbemühungen doch zur Makulatur.

Sparen geht auch in der Rezession. Es gibt auch keine Alternative. Wenn man den Defizitabbau verzögert oder über einen längeren Zeitraum streckt, dann sind die Schulden bis dahin so stark angestiegen, dass die Lage noch instabiler ist.

Werden alle finanzschwachen Staaten es schaffen, sich gesund- zusparen?

Irland ist hier Vorreiter. Sie haben als Erstes mit dem Sparen angefangen, machen das weitreichend und werden vom niedrigen Eurokurs durch ihr exportorientiertes Verarbeitendes Gewerbe profitieren. Die Griechen hingegen haben es am schwersten. Da darf nichts schiefgehen, das heißt, das Wachstum darf nicht stärker als die für 2010 geplanten vier Prozent einbrechen, und die Bevölkerung muss die Sparpläne mittragen.

Und die anderen Südländer?

Spanien hat zwar kein großes Einsparprogramm vorgelegt, aber das Land hat ordentliche Fundamentaldaten ausgewiesen und hat in seinem Programm auch unpopuläre Maßnahmen wie die Kürzung der Gehälter im öffentlichen Dienst beschlossen. Das zeigt den Märkten, dass Spanien es ernst meint. Bis 2013 will Spanien eine Schuldenquote von etwas über 70 Prozent seines Bruttoinlandsprodukt haben - weniger als Frankreich und Deutschland. Portugal hat es schwerer, Defizit und Schulden sind höher. Aber die Bemühungen sind da. In Italien haben sich die privaten Haushalte wenig verschuldet und auch nicht im Ausland. Das Haushaltsdefizit ist zudem vergleichsweise gering.

Wenn der ganze Süden schwächelt, wird die Europäische Zentralbank mit Zinserhöhungen länger als geplant warten?

Wir erwarten die ersten Erhöhungen Anfang des nächsten Jahres, es ist allerdings gut möglich, dass sie später kommen. Die EZB will erst sicherstellen, dass das Finanzsystem nicht mehr anfällig ist. Die vergangenen drei Wochen haben die Gefahr abermals gezeigt.

Warum erhöht sie überhaupt die Zinsen? Droht Inflation?

Die EZB wird die Leitzinsen nicht erhöhen, weil Inflationsgefahr droht. Im Gegenteil: Die Südländer werden sinkende Preise zu verkraften haben, in Irland sehen wir das schon heute. Viele Mitglieder des EZB-Rates sehen das momentane Niveau nur aufgrund der Krise gerechtfertigt. Wenn man mit großer Wahrscheinlichkeit einen Rückschlag ausschließen kann, wird die EZB eine sanfte Normalisierung beginnen, selbst wenn die Inflationserwartungen das noch nicht nötig machen. Die amerikanische Fed wird nächstes Jahr noch nicht erhöhen.

Die EZB wird das auch nicht mehr so leicht können. Nachdem sie beim Rettungspaket vor der Politik eingeknickt ist, wird sie mehr politischen Druck bekommen.

Ich halte die EZB nach wie vor für glaubwürdig und unabhängig. Die Mitglieder des EZB-Rates sind sich im Ziel der Inflationsbekämpfung einig und hatten lediglich unterschiedliche Ansichten über den richtigen Weg in der Euro-Krise.

Könnte Amerika noch mal Ausgangspunkt einer neuen Finanzkrise werden, Stichwort Immobilienmärkte und riesige Verschuldung?

Die Immobilienmärkte belasten das Land weiter, es wird noch etwas brauchen, die Folgen der Blase zu verarbeiten. Daher gehen wir auch von einem unterdurchschnittlichen Wachstum in Amerika in den kommenden Jahren aus. Gleichzeitig macht die Gesundung der Wirtschaft Fortschritte, und die Bilanzen des privaten Sektors sehen nun deutlich besser aus. Der Schuldenstand ist noch ein weites Stück von einer Situation entfernt, in der die Lage instabil würde. Die größere Gefahr sehe ich in China.

Warum?

Wegen des großen Inflationsdrucks, der sich zum Beispiel am Immobilienmarkt zeigt, müssen Regierung und Zentralbank das Wachstum bremsen. Dabei nicht zu stark zu bremsen ist nicht immer einfach. Sinkt das Wachstum zu stark, schwächt das die gesamte Weltkonjunktur.

Der fest an den Dollar gekoppelte Renminbi hält das Land aber attraktiv.

Ja, gegenüber Amerika. Da der Euro aber so stark gefallen ist, hat der Renminbi gegenüber dem Euro seit Januar um 6 Prozent aufgewertet. Dies schwächt die chinesischen Exporteure und hilft den europäischen.

Was empfehlen Sie den Anlegern?

Unser Strategieteam empfiehlt weiter Aktien. Europäische Aktien sind mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund neun auf Basis der erwarteten Gewinne von 2011 sehr attraktiv bewertet. Das Gewinnwachstum ist 2010 mit 38 Prozent stärker als in Amerika mit 33 Prozent. Innerhalb des Euroraumes ist Deutschland der interessanteste Markt. Er profitiert am meisten von einer wirtschaftlichen Erholung in Europa und der Welt. In Amerika bevorzugen unsere Strategen Konsumaktien. Denn sie haben immer noch nicht die Erholung der privaten Nachfrage eingepreist, die besser als erwartet war.

Und bei den Anleihen?

Unser Fokus liegt auf den Schwellenländern. Sie bieten nach Meinung unserer Strategen mehr Rendite für ihr Risiko als in den Industriestaaten.

Insgesamt sind Sie also optimistisch?

Ja, mehr als der Gesamtmarkt.

Das Gespräch führte Dyrk Scherff.

Quelle: F.A.S.
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