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Im Gespräch: Daniel Briesemann, Commerzbank : „Gegenwind für Gold sollte langsam nachlassen“

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In Krisenzeiten hält sich Gold besser, sagt Daniel Briesemann Bild: Commerzbank

In Krisenzeiten ist Gold eine sichere Anlage, jetzt sinkt der Goldpreis. Der Rohstoffanalyst der Commerzbank, Daniel Briesemann, sieht eine Ursache in der sich entspannenden Eurokrise.

          Herr Briesemann, seit Wochen fällt der Goldpreis, am Freitag notierte er sogar erstmals seit einem halben Jahr unter der psychologisch wichtigen Marke von 1600 Dollar. Warum ist das so?

          Der Risikoappetit der Marktteilnehmer ist deutlich gestiegen. Die Staatsschuldenkrise in der Eurozone scheint sich zu entspannen, die Sorgen um die Fiskalklippe in den Vereinigten Staaten sind zumindest nach hinten verschoben. Damit einhergehend gibt es deutlich verbesserte Konjunkturdaten aus China, welches seinen Abwärtstrend gestoppt hat und die Wirtschaft der Vereinigten Staaten läuft auch runder. Das führte zu einer größeren Nachfrage nach zyklischen Rohstoffen, zulasten von Gold.

          Gilt Gold überhaupt noch als sicherer Hafen?

          In Krisenzeiten hält sich Gold nach wie vor deutlich besser als zum Beispiel Aktien oder zyklische Rohstoffe. Wenn es an den Märkten richtig runter geht, ist Gold immer noch am sichersten. Das passt auch in das jetzige Muster: Zyklische Rohstoffe befinden sich im Aufwind und Gold bleibt eher zurück.

          Börsennotierte Goldfonds, sogenannte Gold-ETC, verzeichneten im Vorjahr noch starke Zuflüsse. Seit Jahresanfang gibt es nun nennenswerte Abflüsse. Sind das klassische Gewinnmitnahmen?

          Das glaube ich nicht. Ein viel besserer Zeitpunkt wäre dann das vierte Quartal gewesen, als der Goldpreis deutlich höher war. Damals gab es aber Zuflüsse. Auch hier gilt: Anleger schichten um. Sie gehen raus aus Instrumenten mit weniger Rendite und rein in attraktivere Anlageklassen. Es herrscht großer Optimismus. Daher gibt es auch nennenswerte Zuflüsse in andere Edelmetalle wie Silber, Platin und Palladium.

          Welche Rolle spielen Zentralbanken, die in den vergangenen Jahren viel von dem Edelmetall gekauft haben? Wurde ihr Goldhunger gezügelt?

          Ganz im Gegenteil. Die Zentralbanken haben allein im vierten Quartal per Saldo 145 Tonnen selbst gekauft, im Gesamtjahr waren es 535 Tonnen. Das ist die höchste Menge seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1964. Wir gehen sogar davon aus, dass sie dieses Jahr noch mehr Gold als im Vorjahr kaufen werden. Der Edelmetallspezialist GFMS rechnet mit 280 Tonnen im ersten Halbjahr 2013. Da das zweite Halbjahr traditionell stärker ist als das erste Halbjahr, könnte 2013 noch das Volumen vom Jahr 2012 übertroffen werden.

          Wer tut sich dabei besonders hervor?

          Das sind die Zentralbanken der Schwellenländer. Deren Goldanteil in den Währungsreserven ist äußert gering und liegt bei maximal 10 Prozent. In den Industrieländern liegt er dagegen bei etwa 70 Prozent. Damit besteht enormes Aufholpotenzial. Darüber hinaus sind wir der festen Überzeugung, dass China extrem viel Gold kauft, dazu gibt es aber keine offiziellen Statistiken. Wir wären nicht verwundert, wenn die Chinesen bald 2000 Tonnen Zukäufe seit Sommer 2009 vermelden würden.

          Und wie schaut es mit Schmuckkäufen aus?

          Die Nachfrage war im vierten Quartal sehr stark. Besonders der wichtige Goldkäufer Indien hat viel von dem Edelmetall nachgefragt. Außerdem werden Preisrücksetzer im Moment als günstige Kaufgelegenheit betrachtet.

          Damit scheint die Nachfrage robust zu sein - aber trotzdem sinken die Preise.

          Extrem viel Gegenwind kommt von den Terminmärkten. Die spekulativen Finanzinvestoren ziehen sich seit einigen Wochen aus dem Goldmarkt zurück. Die Netto-Long-Positionen, also die Wetten auf steigende Preise, befinden sich auf dem niedrigsten Stand seit Juli 2012. Allein in den vergangenen sieben Wochen sind sie um ein Drittel gesunken. Seit vergangenen Dienstag hat sich der Preisrückgang von Gold nochmals deutlich verstärkt. Man kann getrost davon ausgehen, dass weitere Positionen geschlossen wurden.

          Wird die Konsolidierung anhalten?

          Viele kurzfristig orientierte Anleger haben sich zurückgezogen. Der Gegenwind von den Terminmärkten sollte daher langsam nachlassen. Technisch sieht die Lage dagegen ziemlich angeschlagen aus. Da könnte es durchaus noch bis auf 1550 Dollar runter gehen.

          Was spricht dafür, jetzt zu investieren?

          Wir gehen fest davon aus, dass die Preisschwäche nicht nachhaltig ist, sondern nur vorübergehend. Dem Abwertungswettlauf der Währungen scheint Tür und Tor geöffnet. Von dieser Seite sollte Gold profitieren, nicht nur als sicherer Hafen, sondern auch als Alternativwährung.

          Und was ist mit den Zinsen?

          Niedrige Nominalzinsen und negative Realzinsen haben immer für steigende Goldpreise gesprochen. Realzinsen unter zwei Prozent bedeuten in der Regel, dass die Goldpreise steigen. In den nächsten zwei Jahren dürfte es da keine Zinswende geben. Sollte sich die globale Wirtschaft aufhellen oder besser entwickeln, könnte die Preisschwäche noch ein paar Wochen länger andauern. Damit steigen aber auch die Inflationsgefahren. Die bestehenden Risiken werden derzeit überlagert.

          Die Commerzbank prophezeit zum vierten Quartal einen Goldpreis von 2000 Dollar – halten Sie daran fest?

          Der Goldpreis hat stärker nachgegeben als von uns erwartet. Ich möchte daher nicht ausschließen, dass wir unsere Prognose anpassen müssen. Wir gehen aber nach wie vor davon aus, dass der Goldpreis am Jahresende deutlich höher sein wird als aktuell.

          Die Fragen stellte Franz Nestler.

          Quelle: F.A.Z.

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