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Im Gespräch: Allen A. Terhaar „Baumwolle dürfte langfristig teurer werden“

21.04.2009 ·  Baumwolle gehörte zu jenen Rohstoffen, die von spekulativen Preisbewegungen beeinflusst wurden. Allen Terhaar, Geschäftsführer des amerikanischen Baumwollverbandes, rechnet damit, dass der Markt stärker als bisher reguliert wird.

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Baumwolle gehörte zu jenen Rohstoffen, die in den vergangenen Monaten stark von spekulativen Preisbewegungen beeinflusst wurden. Der Preis stieg an der Terminbörse in New York von 47 Dollar im Mai 2007 um bis zu 90 Prozent auf knapp 90 Cents je Pfund im März des Jahres 2008, bevor er zunächst etwas konsolidierte und schließlich zumindest vorübergehend auf bis zu 39 Cents zurückfiel, um sich danach wieder leicht zu erholen.

Der Markt wurde in dieser Zeit stark gestört von spekulativen Aktivitäten der Hedge-Fonds, erklärt Allen A. Terhaar, Geschäftsführer des amerikanischen Baumwollverbandes. Er rechnet damit, dass die Terminmärkte künftig stärker als bisher reguliert werden, um die Wiederholung solcher Preisverzerrungen zu verhindern. Kurzfristig dürfte der Preisdruck aufgrund einer schwachen Nachfrage und hoher Lagerbestände andauern. Langfristig dagegen sind die Aussichten solide, da die Weltbevölkerung zunimmt und der Wohlstand steigt.

Welchen Grund gibt es, über Baumwolle zu reden?

Baumwolle ist die wichtigste natürlich Faser in der Welt. Aus diesem Grund lohnt es sich auf jeden Fall, sich darüber zu unterhalten.

Wie würden Sie den Baumwollmarkt beschreiben?

Im Moment hat dieser Markt diesselben Probleme, die alle anderen auch haben: Er spürt die Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise. Aufgrund nachlassender Einzelhandelsumsätze ist die Nachfrage nach Baumwolle so stark zurückgegangen, wie seit vielen Jahren nicht mehr. Der Verbrauch ist in den vergangenen zwölf Monaten um zehn Prozent gefallen von 120 auf etwa 110 Millionen Ballen weltweit.

Mit welchen Folgen für den Preis?

Im Rohstoffbereich zeigten sich in den vergangenen Monaten überall die gleichen Impulse. Zu Beginn des vergangenen Jahres liefen die Preise zunächst deutlich nach oben, auch der für Baumwolle. Er erreichte im März 2008 an der Terminbörse in New York mit knapp 90 Cents je Pfund ein Rekordniveau. Danach kam es zunächst zu einer leichten Konsolidierung, bevor der Preis schließlich kräftig nachgab und bis zu 56 Prozent seines Wertes verlor. Heute liegt der Preis des generischen Kontrakts bei etwa 47 Cents je Pfund.

Was bedeutet diese Entwicklung für die Branche? Wie reagiert sie auf die Preisentwicklung?

Wir hoffen, dass der moderate Preis die Nachfrage stimulieren wird, sobald die Finanzkrise überwunden ist. Er ist aus drei Gründen so stark gefallen. Erstens weil die Nachfrage zurückgegangen ist. Das heißt, von dieser Seite her gibt es keinen Preisauftrieb. Zweitens ist der Markt sehr gut versorgt, die Lager sind voll. Drittens haben sich die Hedge-Funds aus dem Markt verabschiedet.

Haben Sie Zahlen, die zeigen, dass die Hedge-Fonds im Baumwollmarkt aktiv waren?

Ich habe sie nicht hier. Es ist jedoch kein Geheimnis, dass Spekulanten zwar in der längeren Vergangenheit schon immer im Markt waren. Jedoch im Vergleich mit den traditionellen Kaufleuten spielten sie keine dominierende Rolle. Das hatte sich jedoch in der jüngeren Vergangenheit geändert. Verschiedene Analysen zeigen, dass Hedge-Fonds etwa vor einem Jahr für 70 bis 80 Prozent aller Positionen am Baumwollterminmarkt verantwortlich waren. Der Terminmarkt hatte sich in dieser Periode völlig vom physischen Baumwollmarkt abgekoppelt. Es gab keinen fundamentalen Grund - etwa von der Nachfrageseite -, wieso der Preis für Baumwolle hätte so stark nach oben laufen sollen.

Sind die fundamentalen Faktoren schwankungsanfällig?

Sie sind volatil, weil Baumwolle ein Agrarprodukt ist. Das heißt, die Natur spielt eine wesentliche Rolle. So werden die Terminmärkte immer auf Nachrichten reagieren, die auf gutes oder schlechtes Wachstum hindeuten könnten. Zum Beispiel Nässe oder Trockenheit. Die Preisentwicklung im vergangenen Jahr hatte damit allerdings nichts zu zun.

Spielte nicht die Preisentwicklung anderer Agrargüter eine Rolle?

Ja, tatsächlich waren die Preise von Mais, Weizen und Soja in den vergangenen Jahren im Vergleich mit Baumwolle phasenweise sehr hoch. Das hat dazu geführt, dass manche Anbauflächen umgewidmet wurden zu Lasten von Baumwolle. Allerdings hat dieser Druck abgenommen. Unter anderem deswegen, weil bei Mais die Äthanolphantasie wegen des gefallenen Ölpreises und wegen der Pleite verschiedener Produzenten alternativer Treibstoffe nachgelassen hat.

Die Agrarterminmärkte sind sehr eng. Wenn auch nur vergleichsweise wenig „heißes Geld“ in sie hineinfließt, so geraten sie aus dem Gleichgewicht. Sollten sie reguliert werden?

Ich würde die Antwort gerne den Experten überlassen. Zumindest in den Vereinigten Staaten deutet die Stimmung jedoch darauf hin, dass sie stärker reguliert werden sollten. Da sich gezeigt hat, dass sich die Märkte nicht selbst regulieren können, werden sie meiner Meinung nach künftig intensiver als bisher beaufsichtigt werden.

Wissen Sie das - oder erwarten Sie das?

Letztlich ist die Politik immer für Überraschungen gut. Es gab jedoch verschiedenste Forderungen nach mehr Regulierung. In unserer Branche gab es Unternehmen, die seit Generationen im Markt waren und die grundsolide arbeiteten. Aufgrund der nie zuvor in diesem Ausmaß gesehenen Preisturbulenzen der vergangenen Monate und der Abkopplung des Terminmarktes von der Realität gerieten sie in Schwierigkeiten oder wurden gar aus dem Geschäft gedrängt.

Wo liegt das Problem?

Die Baumwollanbauer haben aufgrund der Unsicherheiten im Markt und der Preisverzerrungen große Schwierigkeiten, Händler zu finden, mit welchen sie Verkaufskontrakte vereinbaren können. In der Vergangenheit leiteten diese ihre Preisindikationen aus den Terminmärkten ab. Da man diesen nicht mehr richtig trauen kann, gehen sowohl Baumwollhändler als auch Mühlen nur ungern Kaufverträge ein, da sie sich nicht mehr gegen adverse Preisbewegungen absichern können. Langsam bessert sich die Situation zwar, es ist allerdings immer noch schwierig.

Das heißt, es besteht immer noch eine Diskrepanz zwischen den physischen Baumwollmarkt und den Terminmärkten?

Der aktuelle Preis am Terminmarkt ist vergleichsweise realistisch. Allerdings ist das Vertrauen in den Markt angeschlagen. Und Vertrauen ist die Grundlage dafür, dass ein Markt funktionieren kann. Regulierung kann möglicherweise zumindest in Ansätzen dafür sorgen, dass die Marktteilnehmer davon ausgehen können, dass sich so etwas wie in den vergangenen Monaten nicht wiederholt. Wir brauchen die Spekulanten und wir brauchen bis zu einem gewissen Grad auch die Hedge-Fonds. Allerdings muss der Markt auf beide Seiten spielen und sich im Kern an der Realität orientieren.

Wie sieht die Realität aus?

Die Weltbevölkerung wird bis im Jahr 2050 auf ungefähr 9,5 Milliarden Personen wachsen. Das heißt, sie wird um etwa 45 Prozent zunehmen. Weil sich gleichzeitig die Einkommenssituation verbessern wird, kann die globale Fasernachfrage im betrachteten Zeitraum um das Drei- bis Viereinhalbfache anwachsen. Umfragen zeigen zudem, dass die Verbraucher stark zum Kauf von Naturfaserprodukten neigen. Aus diesem Grund sind wir zuversichtlich, dass die Bauwollbranche zumindest langfristig vom bisher sehr stabilen Nachfragewachstumstrend profitieren kann. Da gleichzeitig auch immer mehr Nahrungsmittel angebaut werden müssen, werden die Ackerflächen immer knapper. So sind die fundamentalen Aussichten der Baumwollindustrie solide.

Im Agrarbereich hat die Ertragsproduktivität in den vergangenen Jahrzehnten in den vergangenen Dekaden stetig zugenommen. Das heißt, es konnten immer größere Erträge von derselben Fläche geholt werden. Kann das so weitergehen?

Ganz einfach, es muss. Ich denke, der Biotechnologie kommt dabei eine große Bedeutung zu. Sie ist in der Zucht ertragreicherer Weizensorten kaum verwendet worden, dagegen bei Mais und Soja. Das führt dazu, dass die Flächenerträge von Weizen in der Tendenz stagnieren, während sie bei den anderen beiden deutlich zu zunehmen. Gleichzeitig konnte der relative Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln reduziert werden. Das führt dazu, dass ertragreiche Standorte bei umweltfreundlicherer Produktion immer mehr abwerfen, während Grenzertragsstandorte entlastet werden. Es gibt zum Beispiel einige konkrete Möglichkeiten, um Pflanzen resistenter gegen Schädlinge oder toleranter gegen salzige Böden oder Trockenheit zu machen.

Das Gespräch führte Christof Leisinger

Quelle: @cri
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