22.08.2011 · Der Goldpreis steigt und steigt. Alle wollen dabei sein. Gold gibt es an der Autobahn, aus dem Automaten und im Fluss. Die Vernunft geht dabei über Bord.
Von Hendrik Ankenbrand, Dyrk Scherff und Sascha Schimmel+++ Freitag, 22.59 Uhr: Der Goldpreis hat ein neues Allzeithoch erreicht. Eine Feinunze (31 Gramm) kostet am New Yorker Spotmarkt 1852,10 Dollar. Das sind 25 Prozent mehr als vor sechs Wochen. Mitte 2009 lag der Preis noch unter 900 Dollar. +++
Die Spur des Goldrauschs zieht sich nun auch über deutsche Autobahnen: Donnerstagabend, A 661, Höhe Bad Vilbel: Auf dem Seitenstreifen parkt ein Mercedes mit blinkenden Warnlichtern. Ein Mann steht davor, er winkt. Irgendwann hält ein Kombi an, der Mann redet auf den Fahrer ein. Er gestikuliert, dann greift er sich über den Hals, nimmt seine schwere Kette ab, reicht sie in den Wagen: Gold! Eine Woche zuvor parkt nicht weit entfernt ein anderer Mercedes auf dem Seitenstreifen, zwei Rumänen stehen davor, 28 und 37 Jahre alt, auch sie reden auf einen angehaltenen Fahrer ein. Ihr Tank sei leer, so wie das Portemonnaie, die Männer baten um Bares. Als Sicherheit boten sie ihren Schmuck: „Echtes Gold!“ Kurz bevor der Deal stand, kam die Polizei.
„Autobahngold“ heißt der Plunder, der derzeit auf deutschen Standstreifen und Parkplätzen an Mann und Frau gebracht wird, er schimmert verführerisch und ist dennoch wertlos. Tausende Deutsche fallen jedes Jahr auf den Trick mit dem gefälschten Gold herein, doch nie zuvor waren es so viele wie in diesen Monaten, seit der Goldpreis durch die Decke geht. Allein in Nordrhein-Westfalen spricht das Landeskriminalamt von mehr als 90 Betrugsfällen seit Jahresbeginn, und die Dunkelziffer ist enorm, weil die Menschen sich ihrer Gier schämen. Biederen Bürgern, die keinen Vertreter einen Fuß über die Schwelle ihrer Eigentumswohnung setzen ließen, raubt der güldene Schimmer den Verstand, setzt natürliche Abwehrfunktionen wie Vorsicht und Misstrauen außer Kraft.
Verkaufsanfragen von mehr als 100 Millionen Euro
Eine Nation flüchtet, ja hetzt ins Gold, und der Preis des Metalls steigt und steigt. Mit jedem neuen Rekordhoch wird der Kauf von Gold teurer, die Perspektive für das Investment unrentabler, denn irgendwann, das ist sicher, fällt der Preis wieder. Nur wann? Dass es bald wieder runtergehe, so sei schon vor zwei Jahren gewarnt worden, triumphieren die Goldjünger. Und die Welt kauft weiter, vor allem die Deutschen: Nirgendwo sonst ist die Menge pro Kopf höher. Keine Nation hat das Trauma der Inflation so tief in ihrem Geschichtsbewusstsein verankert. Die Europäische Zentralbank rettet EU-Staaten und druckt dafür Geld, die Deutschen fürchten dessen Entwertung und eine anschließende Währungsreform. Sie kaufen und kaufen, der Goldpreis steigt, und wenn eigentlich keine Mittel da sind für den Kauf von Münzen und Barren, dann muss eben die Lebensversicherung zu Geld gemacht werden.
Altersvorsorgeverträge vor ihrem Ablauf zu verkaufen ist für Kunden teuer. Unternehmen wie Life Finance kaufen die Versicherungen, wenn überhaupt, nur zu hohen Abschlägen auf. Ein Verkauf ist so unrentabel wie der Gang zum Pfandleiher, der nur dann Sinn ergibt, wenn eines gefragt ist: Bares. Um es dann in Gold zu stecken, zum Beispiel. Life Finance berichtet, das Volumen der von Kunden feilgebotenen Policen habe in den vergangenen zwei Monaten um 25 Prozent zugenommen. Ein Mitbewerber, die Policen Direkt Versicherungsvermittlung GmbH, hatte im gesamten Jahr 2010 Anfragen in Höhe von 155 Millionen Euro. In diesem Jahr sind es 160 Millionen - nach nur sieben Monaten. Der Marktführer Cash Life registriert atemlos, allein im Juli hätten Verkaufsanfragen von mehr als 100 Millionen Euro vorgelegen - bald würden sich die Monatswerte im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt haben. Goldfieber, lautet die Diagnose von Vorstand Ingo Weber: „Es ist auffällig, wie viele Menschen ihre Rückzahlung aus der Lebensversicherung in Gold oder andere rentable Anlagen investieren wollen. Das kann man mit der Vergangenheit nicht vergleichen.“
Ist das noch rational? Ein Goldrausch hat die Republik erfasst, wie sie ihn noch nicht erlebt hat. In Bankfilialen werden die Schließfächer knapp. Der größte Goldhändler Pro Aurum klagt über Lieferschwierigkeiten. Zur Einschulung, das ist der neueste Trend, stopfen Eltern nicht nur Schokolade in die Schultüte. Sondern auch Krügerrand.
Mit Sieb und Waschpfanne
Am Wochenende zieht es die Deutschen ins Grüne, zu Goldwaschkursen. Wie an der Kasseler Eder. Wenn er nicht gerade an seiner Dissertation sitzt, zeigt der Geologe Veit-Enno Hoffmann für 15 Euro den Umgang mit Sieb und Waschpfanne. Am liebsten würde er „jede Minute“ raus, sagt Hoffmann. Viel Gold landet zwar nicht in den Glasröhrchen. Doch wenigstens fallen für die Kleinstfunde die deftigen Preisaufschläge weg, mit denen die Goldbranche derzeit das Geschäft ihres Lebens macht.
Der größte Profiteur sind die Goldminenbetreiber. Sie kassieren den Großteil des aktuellen Goldpreises, haben aber deutlich niedrigere Produktionskosten. Die Betreiber sind riesige Konzerne mit Minen in aller Welt. Die liegen mit Ausnahme der Vereinigten Staaten und Australien vor allem in Schwellenländern. Das meiste Gold wird mittlerweile in China gefördert, das seine Spitzenposition derzeit kräftig ausbaut. Absteiger der Branche ist Südafrika. 40 Kilometer von Johannesburg liegt die tiefste Mine der Welt mit knapp 3800 Metern unter der Erde. Und das Land muss sein Gold aus immer größeren Tiefen holen, was zunehmend unrentabel ist. Die Produktion sinkt. Andere große Förderländer wie Peru oder Usbekistan schaufeln das Gold im offenen Tagebau in riesigen Kratern ab, was deutlich günstiger ist (siehe Grafik). Größter Minenbetreiber ist mittlerweile die kanadische Barrick. Das Unternehmen schwimmt im Geld. Seit der Goldpreis alle Rekorde bricht, erzielt Barrick operativ 36 Prozent mehr Gewinn als im gleichen Vorjahreszeitraum und schaffte einen Rekord von 2,09 Milliarden Dollar. Doch schnell anpassen kann das Unternehmen und die ganze Branche seine Produktion nicht. „Neue Minen sind schwer zu finden, die Genehmigungen sind kompliziert und die Kosten steigen“, sagt Andy Lloyd von Barrick. „Wir bauen gerade an zwei neuen Minen. Unsere Jahresproduktion wollen wir in den kommenden fünf Jahren von derzeit 7,6 bis 8 Millionen Unzen auf neun Millionen steigern.“
Wenn die Minen nicht schnell mehr Gold liefern können, muss das Edelmetall aus anderen Quellen kommen, um die Anleger zu beliefern. „Gewöhnlich sinkt dann die Schmucknachfrage und es kommt vermehrt Altgold auf den Markt, das recycelt wird, zum Beispiel aus Zahngold“, sagt Wolfgang Wrzesniok-Rossbach, Edelmetallexperte von Heraeus. Die Hanauer Firma ist mit ihrer Tochtergesellschaft in der Schweiz eine der großen Scheideanstalten der Welt. In ihnen wird aus unreinem Gold, das die Minen liefern, das reine Gold chemisch herausgefiltert und in Barren geschmolzen. Heraeus kommt derzeit kaum mit der Produktion nach. „In den ersten August-Wochen hatten wir Lieferverzögerungen. Jetzt haben wir die Herstellung hochgefahren und produzieren rund um die Uhr an sechs Tagen“, sagt Wrzesniok-Rossbach.
Lieber Barren als Münzen
Heraeus liefert an rund 15 Großkunden wie Goldhändler und Filialbanken, die das Metall an Privatleute verkaufen. Für alle ist der deutsche Markt neben dem amerikanischen der wichtigste weltweit. Die Deutschen kauften lieber Barren als Münzen. Aber nicht nur Privatleute besitzen Gold. Auch die Nationalbanken halten einen Teil ihrer Währungsreserven in Gold, die Bundesbank zum Beispiel rund 3400 Tonnen, mehr als die weltweite Jahresproduktion. Die Barren liegen in Tresoren in Frankfurt und bei der amerikanischen Notenbank Fed in New York, zu kleineren Teilen auch in den Kellern der Notenbanken in Paris und London.
Wo das Gold genau lagert, wie es gesichert ist - alles streng geheim. Anders als die Standorte der „Goldautomaten“, die ein Reutlinger Geschäftsmann seit zwei Jahren überall in der Welt aufstellt und die im Internet abrufbar sind. Gegen Bares und mit gescanntem Ausweis können Passanten kleine Barren ziehen. Doch in den vergangenen Monaten melden die Automaten immer öfter: Leer. Kein Gold mehr.
20 Automaten besitzt die Ex Oriente Lux AG, in Dubai, Las Vegas und Mailand. Der weltweit umsatzstärkste Standort ist jedoch ein anderer: Essen, Einkaufszentrum Limbecker Platz.
Ewig
frank frei (EuroTanic)
- 25.08.2011, 00:10 Uhr
Thema verfehlt...
Volker Zell (mediatrend)
- 24.08.2011, 22:21 Uhr
@Heinz Rehbein
Andreas Eichel (killboy)
- 23.08.2011, 16:12 Uhr
@JeffLink
otto sundt (drto)
- 23.08.2011, 12:37 Uhr
Verständnisprobleme
Michael Meusel (MichaelM16)
- 23.08.2011, 10:42 Uhr
Hendrik Ankenbrand Jahrgang 1978, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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Dyrk Scherff Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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