Ivan Glasenberg, der Vorstandsvorsitzende des größten Rohstoffhändlers der Welt, Glencore, gibt sich kompromisslos: Nein, er werde sein Angebot zur Übernahme des Minenkonzerns Xstrata nicht nachbessern, das macht der 55 Jahre alte Milliardär unmissverständlich klar. Sollten sich die Xstrata-Anleger weiterhin sträuben und den Zusammenschluss blockieren, sei das „nicht das Ende der Welt“.
Glencore will Xstrata übernehmen. Dabei geht es um ein großes Vorhaben in der Welt der Rohstoffkonzerne: Es entstünde ein Anbieter mit einer geballten Marktmacht. Der neue Konzern würde die komplette Wertschöpfungskette kontrollieren - für Rohstoffe wie Kohle, Kupfer, Rohöl und Agrarprodukte. Doch nun, kurz vor dem Ziel, scheint die Offerte mit einem Volumen von 32 Milliarden Dollar zum Scheitern verurteilt zu sein. Denn die Xstrata-Investoren legen sich quer. So bleiben Glasenberg nur noch wenige Tage, um erfolgreich zu sein. Eigentlich war diese Entscheidung schon für Mitte Juli geplant. Stattdessen werden die Anleger beider Unternehmen am kommenden Freitag über das Vorhaben abstimmen.
Das Problem für Glasenberg: Einflussreichen Xstrata-Anlegern wie der Qatar Holding ist das bisherige Kaufangebot zu niedrig. Der Staatsfonds hat kürzlich sogar mitgeteilt, gegen das Kaufgebot von Glencore stimmen zu wollen. Bisher sollen 2,8 neue Glencore-Aktien für je eine Xstrata-Aktie gezahlt werden. Doch die Qatar Holding fordert 3,25 Glencore-Aktien je Xstrata-Anteilsschein. Glasenberg ist auf diese Forderung nicht eingegangen. Nun beginnt das Pokern. Der Machtkampf ist voll entbrannt zwischen Glencore und den Xstrata-Investoren.
Qatar hat seinen Anteil an Xstrata in den vergangenen Wochen stetig erhöht. Seit Juni, als der Staatsfonds zum ersten Mal ein verbessertes Angebot forderte, gab der Fonds rund 5 Milliarden Dollar aus, um seinen Xstrata-Anteil von 3 Prozent auf 12 Prozent zu steigern. Damit ist Qatar Holding zum zweitgrößten Xstrata-Aktionär aufgestiegen. Nummer eins ist Glencore mit 34 Prozent der Anteile.
Gegner der Fusion gewinnen an Einfluss
Der Staatsfonds aus Qatar ist nicht der einzige Anleger, der aufbegehrt. Fünf weitere Aktionäre sehen das angebotene Austauschverhältnis ebenfalls als zu niedrig an. Schon bei der Verkündung des Fusionsvorhabens im Februar dieses Jahres teilten die britischen Vermögensverwalter Standard Life Investments und Schroders mit, der von Glencore angebotene Preis sei zu niedrig. Auch Norges Bank Investment Management (NBIM), die Anlagegesellschaft von Norwegens Ölfonds, hat in den vergangenen Wochen für rund 500 Millionen Dollar Xstrata-Anteile erworben. NBIM hält damit knapp 3 Prozent an Xstrata - und unterstützt das Anliegen des Staatsfonds aus Qatar.
So haben die Gegner der Fusion erheblich an Einfluss gewonnen. Sie kommen inzwischen auf rund 15 Prozent der Stimmen. Um den Zusammenschluss zu blockieren, müssten sie nach britischem Recht 16,48 Prozent der Stimmen auf sich vereinen. Glencore selbst kann wegen seines 34-Prozent-Anteils nicht abstimmen. Auch an der Börse gehen die Anleger zunehmend von einem Fehlschlag aus - das zeigt jedenfalls das Tauschverhältnis der aktuellen Kurse der beiden Unternehmen.
Grundsätzlich haben die kritischen Anleger wie der Staatsfonds aus Qatar allerdings nichts gegen den Zusammenschluss. Das jedenfalls teilte das Scheichtum mit - nur die Bedingungen seien nicht gut genug. Nach derzeitiger Bewertung wäre es die zweitgrößte Fusion in der Bergbaubranche überhaupt - inklusive einiger Vorteile: Es entstünde ein mächtiger Spieler im Rohstoffgeschäft mit rund 100 Minen. Glencore verfügt zwar schon über eigene Bergwerke, doch könnte der neu zu formende Konzern den Abstand zu Konkurrenten wie BHP Billiton und Vale deutlich erhöhen. Allerdings läuft auch in der Rohstoffbranche das Geschäft nicht mehr so rund. Schuldenkrise und Konjunkturabschwung sorgen für Verunsicherung. Die Preise für viele Rohstoffe sind gesunken. Unternehmen sind gezwungen, wichtige Projekte zurückzustellen. Der Betriebsgewinn von Xstrata sank im ersten Halbjahr um die Hälfte. Der Glencore-Aktienkurs hat seit dem Frühjahr des vergangenen Jahres rund 30 Prozent verloren.
Glencore war stets eine verschwiegene Rohstoffhandelsgesellschaft in der Schweiz, die in der Öffentlichkeit kaum Beachtung fand. Das Unternehmen ist erst im Mai 2011 an die Börse gegangen und firmiert als Glencore International plc. Der Börsengang legte den Grundstein für einen möglichen Zusammenschluss mit der ebenfalls an der Börse notierten Gesellschaft Xstrata plc. Glencore-Chef Glasenberg hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er das Zusammengehen der beiden Unternehmen anstrebt.
Vertragsstrafe bei Scheitern der Fusion
Doch mittlerweile sehen Branchenkenner nur noch geringe Chancen, dass es dazu kommt. Die Analysten der Investmentbank Liberum Capital etwa schätzen die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Transaktion auf unter 30 Prozent. Glasenberg muss in den kommenden Tagen sehr fleißig sein und Investoren zu überzeugen versuchen. Analysten vermuten, dass Glencore das Angebot auf drei neue Glencore-Aktien je Xstrata-Anteilsschein erhöhen könnte, um Anleger wie Qatar Holding zu überzeugen.
Ein Scheitern der Fusion würde nicht nur eine Vertragsstrafe von 470 Millionen Dollar für Glencore bedeuten. Der Reputationsschaden wäre erheblich. Ratingagenturen könnten zudem die Kreditwürdigkeit von Glencore senken und die Refinanzierungskosten des Unternehmens erhöhen. Allerdings hat Glencore auch einen Vorteil: Das Unternehmen verfügt mit seinem 34-Prozent-Anteil an Xstrata über eine Sperrminorität. Eine Gegenofferte muss Glasenberg daher nicht fürchten. Er kann deshalb noch ein wenig auf Zeit spielen und pokern. So ist vermutlich auch seine Einlassung zu verstehen, dass er lieber Abstand von dem Geschäft nehme, als einen zu hohen Preis zu zahlen.