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Geschäfte mit Ackerland Investoren haben Landlust

18.07.2011 ·  Ernährung ist eines der wichtigsten Themen des 21. Jahrhunderts. Das wissen auch die Investoren an den Finanzmärkten. Arabische und chinesische Staatsfonds und private Anleger kaufen ein.

Von Judith Lembke
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Marc Ravalomanana hatte den Deal seines Lebens geplant: 1,3 Millionen Hektar, die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche Madagaskars, wollte der Präsident des Inselstaates dem koreanischen Logistik-Konzern Daewoo für 99 Jahre verpachten. In dem Land, das bislang vor allem für den Anbau von Vanille und Kaffee bekannt war, wollten die Koreaner Mais und Ölpalmen kultivieren - Schweinefutter und Biodiesel für den Export in die ostasiatische Heimat. Doch aus dem Riesen-Deal wurde das letzte Geschäft des umtriebigen Ravalomanana als Präsident. Die Bevölkerung des armen Landes, in dem ohnehin ein Mangel an Ackerland und Nahrungsmitteln herrscht, rebellierte. Ravalomana ging ins Exil nach Südafrika, das Geschäft platzte.

Seit dieser Erfahrung gehen sowohl Investoren als auch die Politiker diskreter mit Ackerland-Geschäften um - der Verkauf von heimatlichem Grund und Boden an Ausländer hat in der öffentlichen Wahrnehmung schließlich einen anderen Stellenwert als die Vergabe von Mobilfunklizenzen. Zurückgegangen sind diese Geschäfte jedoch keineswegs - im Gegenteil: Vor dem Jahr 2008 seien im Jahr durchschnittlich 4 Millionen Hektar Ackerland verkauft worden, heißt es in der Weltbank-Studie „Rising interest in farmland“ aus diesem Jahr. Im Jahr 2008 waren dann die Preise vieler Grundnahrungsmittel in die Höhe geschossen, in Schwellenländern kam es zu Hungerrevolten. Im folgenden Jahr wurden dann große Geschäfte mit Farmland in einem Umfang von 56 Millionen Hektar bekanntgegeben, 70 Prozent davon in Afrika.

„Länder wie Äthiopien, Moçambique und Sudan haben in den vergangenen Jahren Millionen Hektar an Investoren verkauft“, heißt es in der Weltbank-Studie. Die Investoren sind häufig Staatsfonds, vor allem aus China und dem Mittleren Osten, die sich nicht alleine auf den freien Handel verlassen wollen, um die Ernährung ihrer Bevölkerung zu sichern. In den kommenden 40 Jahren müsste die Nahrungsmittelproduktion um 70 Prozent steigen, um 2050 eine Weltbevölkerung von etwa neun Milliarden Menschen ernähren zu können, schätzt die Welternährungsorganisation (FAO). Dazu kommen Klimaveränderungen, die Ernten negativ beeinflussen. „Landwirtschaft ist die Schlüsselindustrie des 21. Jahrhunderts“, sagt Harald von Witzke, Professor für Agrarökonomie an der Humboldt-Universität in Berlin.

Bei Agrar-Investitionen haben sich viele schon die Finger verbrannt

Weil sie diese Zahlen kennen, setzen auch Privatleute auf Äcker. „Das Interesse an Agrar-Investitionen ist riesig“, sagt Nick Tapp, Berater bei der britischen Agrar- und Immobilienfirma Bidwells. Seine Kunden sind Pensionsfonds, die Kirche, aber auch reiche Privatleute, die nach einer langfristigen Geldanlage suchen. Für viele von ihnen sind Agrar-Investitionen Neuland. „Lange Zeit war das ein ungeliebter Sektor, die Rendite war niedrig und die Nahrungsmittelpreise waren unten“, sagt Tapp. Außerdem ist das Geschäft schwierig: Die Böden sind ebenso unterschiedlich wie das Klima. Außerdem bergen die Länder mit den größten Chancen meist auch die größten politischen Risiken. Viele von den Investoren, die 2008 in landwirtschaftliche Flächen anlegten, hätten sich die Finger verbrannt, berichtet Tapp, der überall auf der Welt nach Investitionsmöglichkeiten für seine Kunden sucht. Die Weltbank-Studie kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: „Viele von den annoncierten Geschäften wurden bislang gar nicht umgesetzt.“ Nur 21 Prozent der Fläche würden bislang landwirtschaftlich genutzt. Als Gründe nennen die Autoren unrealistische Vorstellungen, Preisschwankungen, schlechte Infrastruktur, ein Mangel an adäquater Technologie und außerdem schwache Institutionen.

„Die Investoren sind dieses Mal sehr viel vorsichtiger als 2008“, sagt Tapp. Das mag auch daran liegen, dass die Kritik immer lauter wird. Jaques Diouf, Generaldirektor der Welternährungsorganisation FAO, beschreibt den Griff der Spekulanten nach den Böden in der Dritten Welt gar als ein „neokoloniales System“. Berichte von enteigneten äthiopischen Kleinbauern, die indischen Rosenzüchtern weichen mussten, machen die Runde. Schließlich blüht die Landspekulation vor allem dort, wo die landwirtschaftliche Produktion ohnehin nicht ausreicht, um die Menschen zu ernähren - wo die ausländischen Direktinvestitionen gerade deswegen aber auch dringend gebraucht werden.

Niedrige Nahrungsmittelpreise ließen Landwirtschaft lange unattraktiv erscheinen

„Grundsätzlich ist es gut, dass gerade in diesen Ländern in Landwirtschaft investiert wird“, sagt Agrarökonom von Witzke. Schließlich müsse sich die Produktivität der steigenden Weltbevölkerung dringend erhöhen: Bis zum Jahr 2050 könnten nur 10 Prozent der Produktionssteigerung über die Erschließung neuer landwirtschaftlicher Flächen erreicht werden, 90 Prozent entfielen auf die Erhöhung der Produktivität. Nennenswerte Bodenreserven sind nicht vorhanden.

Die Zeit drängt. Seit den siebziger Jahren wurde die Agrarforschung vernachlässigt. Während von 1960 bis Ende der achtziger Jahre das jährliche Produktionswachstum bei etwa 4 Prozent lag, sank es sukzessive bis auf heute 1 Prozent ab. In der Europäischen Union liegt es sogar nur noch bei 0,6 Prozent. Der Grund: Niedrige Nahrungsmittelpreise ließen Landwirtschaft wenig attraktiv erscheinen. Mittlerweile ist die EU der größte Nettoimporteur der Welt für Nahrungsmittel. Im Jahr 2008 wurden Agrargüter im Wert von 45 Milliarden Dollar importiert. Eine Anbaufläche so groß wie Deutschland ist dafür außerhalb der EU nötig.

Afrika und Lateinamerika bieten Potential für neues Ackerland

Neues Ackerland ist hier jedoch kaum zu erschließen. Das Potential sieht von Witzke in Afrika und Lateinamerika - dort, wo das Geld der Investoren im Moment auch vor allem hinfließt. Das ausländische Kapital ermöglicht einen Technologietransfer, bringt mehr Knowhow mit sich und einen Zugang zu neuen Märkten. „Viele Kleinbauern können sich noch nicht einmal selbst ernähren, weil es an Dünger und gutem Saatgut fehlt“, sagt von Witzke. Zudem würden die Nahrungsmittelpreise in diesen Ländern oft künstlich niedrig gehalten, um die Bedürfnisse der Städter zu befriedigen - auf Kosten der Kleinbauern. Außerdem verletzen korrupte Politiker häufig die Eigentumsrechte der ansässigen Bevölkerung. Rechtlich gehört ein Großteil des Bodens in vielen afrikanischen Ländern dem Staat, auch wenn er faktisch seit Jahrhunderten im Besitz der ortsansässigen Kleinbauern ist. Auf der anderen Seite können sich die unsicheren Eigentumsrechte aber auch nachteilig für die Investoren auswirken: Mit einem neuen Machthaber verlieren auch die Verträge bisweilen ihre Gültigkeit.

Von Witzke kennt aber auch positive Beispiele, bei denen ausländische Investitionen zur Entwicklung der lokalen Landwirtschaft beigetragen haben: Den Anbau von Ananas in Ghana, von grünen Bohnen in Kenia und Ägypten oder von Spargel in Peru nennt der Agrarökonom. Er glaubt nicht, dass das Interesse der Investoren an Äckern abflaut. „Wir haben die Spitze der Entwicklung noch nicht gesehen“, sagt auch Tapp. Noch einen Schritt weiter geht Robert Shiller: „Ackerland ist die nächste Spekulationsblase“ prognostiziert der renommierte Ökonom.

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Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft.

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