08.05.2009 · Rohöl kostet wieder so viel wie seit fünf Monaten nicht mehr. Der überraschende Rückgang der amerikanischen Rohöl-Lagerbestände und der unerwartete Abbau des Benzinvorrats hat die Preise in die Höhe getrieben. Es wird jedoch mit keinem weiteren Preisanstieg in naher Zukunft gerechnet.
Von Judith LembkeIn dieser Woche sind die Preise für Rohöl auf den höchsten Stand seit fünf Monaten gestiegen. Am Donnerstag kosteten ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent und der texanischen Leichtölsorte WTI rund 58 Dollar. Als kurzfristiger Preistreiber wirkte die Nachricht des amerikanischen Energieministeriums, dass die Rohöl-Lagerbestände in der vergangenen Woche nur um 605.000 Barrel gestiegen sind. Analysten hatten hingegen einen Anstieg um 2,5 Millionen Barrel erwartet.
Schon zu Wochenanfang hatten die Daten des American Petroleum Institute (API), das einen überraschenden Rückgang der amerikanischen Rohöl-Lagerbestände um eine Million Barrel und einen unerwarteten Abbau des amerikanischen Benzinvorrats um 2,9 Millionen Barrel mitteilte, die Rohölpreise in die Höhe getrieben.
Nur weiche Indikatoren für baldige Besserung der Wirtschaft
Ansonsten gab es jedoch nicht allzu viele Fundamentaldaten, die für einen Preisanstieg sprachen. Im Gegenteil: Obwohl die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) in den vergangenen sieben Monaten schon dreimal die Fördermenge gesenkt hat, sind die Öllager überall auf der Welt randvoll. In Rotterdam, einem der wichtigsten Umschlagplätze für Öl, müssen mittlerweile sogar Schiffe umgeleitet werden oder vor der Hafeneinfahrt warten, weil die Lagerkapazitäten nicht mehr ausreichen.
Auch die Öllager in den Vereinigten Staaten sind so prall gefüllt wie seit 19 Jahren nicht mehr. „Der Preisanstieg lässt sich nur psychologisch begründen“, sagt Eugen Weinberg, Rohstoffanalyst der Commerzbank. Er spiegele die Hoffnung der Anleger auf eine baldige Konjunkturwende - die sich allerdings noch nicht durch harte Fakten belegen lasse. Bislang wiesen nur weiche Indikatoren auf eine baldige Besserung der Wirtschaft hin. „Die Preise am Ölmarkt nehmen schon viel Positives vorweg“, sagt Weinberg.
Rohölnachfrage im ersten Quartal um 3 Prozent gesunken
Allerdings will der Rohstoffexperte nicht ausschließen, dass der Preis in der zweiten Jahreshälfte noch weiter steigt, sobald auch die harten Daten auf eine Konjunkturerholung hinweisen. Zum Jahresende könnte ein Barrel Rohöl seiner Ansicht nach etwa 70 Dollar kosten - unter der Prämisse, dass die Opec-Mitglieder sich auch dann noch an ihre Abmachungen halten, wenn die Nachfrage wieder steigt, und in diesem Fall nicht zu schnell ihre Fördermenge hochfahren.
Auch Frank Schallenberger, Rohstoffexperte bei der Landesbank Baden-Württemberg, vermisst die positiven Konjunkturindikatoren, die einen Ölpreisanstieg nachhaltig untermauern würden. Er sieht den Rohölmarkt im Moment vor allem im Sog einer positiven Dynamik an den Aktienbörsen. „Normalerweise herrscht eine negative Korrelation zwischen Öl und Aktien“, sagt Schallenberger. Im Moment werteten jedoch viele Anleger die Erholung an den Börsen als konjunkturellen Hoffnungsschimmer, auch wenn die Fundamentaldaten „nicht berauschend“ seien. So sei die Rohölnachfrage im ersten Quartal um 3 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken. „Erst wenn die Lagerbestände fallen, ziehen auch die Ölpreise wieder so richtig an“, prognostiziert er. Solange das jedoch nicht passiere, sei der Preis von 55 Dollar auch „anfällig für eine Korrektur“.
Experten rechnen mit Preisanstieg um 21 Prozent
Markus Mezger, Geschäftsführer des auf Rohstoffe spezialisierten Investment-Hauses Tiberius, plädiert hingegen dafür, die Nachrichten über die prall gefüllten Öllager als Preisindikator nicht überzubewerten. „Das gelagerte Öl ist meistens schon verkauft, steht dem Markt also gar nicht mehr zur Verfügung“, sagt Mezger. Er ist hingegen optimistisch für den Rohölpreis, traut dem Rohstoff in der zweiten Jahreshälfte sogar die Rolle eines positiven Ausreißers zu. Seine Zuversicht begründet er vor allem mit den starken Senkungen der Fördermenge durch die Opec, deren Mitglieder dieses Mal eine erstaunliche Disziplin bewiesen. „Die Angebotskürzungen sind so hoch, dass sie den Markt ins Defizit bringen könnten“, sagt er. Mezger ist deswegen auch optimistisch, dass bei 50 Dollar eine breite Bodenbildung erreicht ist, an die sich schon bald eine Hausse anschließen könnte.
Auch die Wirtschaftsinstitute rechnen damit, dass der Ölpreis in der zweiten Jahreshälfte wieder steigt, auch wenn er im Jahresdurchschnitt noch immer niedrig bleiben dürfte. 2010 könnte der Rohölpreis laut einer in dieser Woche veröffentlichten Analyse von zehn europäischen Wirtschaftsforschungseinrichtungen sogar spürbar anziehen. Weil der Preissturz beim Rohöl im Vergleich zu anderen Rohstoffen besonders heftig war, dürfte die Gegenbewegung auch umso stärker ausfallen. Die Experten rechnen mit einem Preisanstieg um 21 Prozent im kommenden Jahr.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09 % |
| Silber | 33,55 $ | −0,74 % |
| Platin | 1.648,00 $ | −1,02 % |
| Palladium | 702,00 $ | −1,68 % |
| Rohöl Brent Crude | 117,81 $ | −0,08 % |
| Gas | 0,59 £ | −1,60 % |
| Kaffee | 2,17 $ | +0,72 % |
| Zucker | 0,25 $ | +0,90 % |
| Orangensaft | 1,86 $ | −0,98 % |
| AMEX GOLD BUGS | 601,37 | -- % |
| AMEX OIL | 1.151,96 | -- % |
| Rogers International | 24,14 | +0,50 % |