Home
http://www.faz.net/-gvz-6wn03
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Gemeinschaftswährung Eine neue Rolle für den Euro

11.01.2012 ·  Der Euro verliert seit Monaten an Wert, besonders gegenüber dem Yen oder den Kronen aus Norwegen und Schweden, aber auch gegenüber dem Dollar. Bei langfristiger Betrachtung  relativiert sich aber so mancher Kursrückgang der jüngeren Vergangenheit.

Von Alexander Armbruster
Artikel Bilder (10) Lesermeinungen (3)

Der Euro ist möglicherweise gerade dabei, in eine weitere Rolle zu schlüpfen. Nach Ansicht von Marktteilnehmern könnte eine Kreditaufnahme in der Gemeinschaftswährung verstärkt verwendet werden, um Käufe von Wertpapieren in Regionen außerhalb des Euroraums zu finanzieren und nicht nur am Zinsunterschied, sondern auch an möglichen Wechselkursänderungen zu verdienen.

"Der Euro ist aufgrund der Zinssenkungen und der erfolgten Ausweitung der Liquidität durch die Europäische Zentralbank dem Dollar ähnlicher geworden als Währung, die zur Finanzierung von Anlagen verwendet wird", sagt Dirk Aufderheide, der das Währungsmanagement der zur Deutschen Bank gehörenden Fondsgesellschaft DWS verantwortet.

  1/9  
© F.A.Z.

Geld ist in Euro-Land leichter zu bekommen

Im Verlauf des vergangenen Jahres war der Dollar noch die wesentliche Währung gewesen, die für solche Geschäfte ("Carry Trades") infrage gekommen ist. Die amerikanische Zentralbank hält den Leitzins nahe null Prozent und kündigte bereits im Sommer an, dieses Zinsniveau noch lange beibehalten zu wollen. An den Finanzmärkten waren die Folgen dieser Niedrigzinspolitik häufig auch daran zu erkennen, das immer dann, wenn Aktienkurse und Rohstoffpreise stiegen - Marktteilnehmer also optimistischer wurden und die Bereitschaft zeigten, höhere Risiken einzugehen -, auch der Euro zulegte gegenüber dem Dollar.

Im November und Dezember senkte dann die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen für den Euroraum überraschend auf nunmehr 1 Prozent und weitete außerdem ihre übrigen Hilfen an die Geschäftsbanken deutlich aus. Prominentestes Beispiel dafür war ein Finanzierungsgeschäft, in dem sich Banken in unbegrenzter Höhe für drei Jahre Geld leihen konnten, wodurch beinahe 490 Milliarden Euro ausgereicht wurden. Ein zweites entsprechendes Geschäft ist bereits für den Februar angekündigt.

Abwerten mit Risikofreude

Diese beiden Maßnahmen und die Erwartung, die EZB-Direktoren könnten auf einem ihrer nächsten Treffen weitere Zinssenkungen auf ein noch niedrigeres Niveau beschließen, machen den Euro als Finanzierungs-Währung ("Funding Currency") offenbar interessant, ist am Markt zu hören. Denn weitere Kursverluste des Euro gegenüber dem Dollar erscheinen infolge einer expansiver werdenen EZB - und solange die Fed keine weitere geldpolitische Lockerung ("QE3") beschließt - zumindest nicht unwahrscheinlich.

Kein Beweis, aber ein Hinweis auf die neue Rolle des Euro ist der statistisch feststellbare Zusammenhang zum Beispiel zwischen dem amerikanischen Aktienindex S&P 500 und dem Außenwert des Euro zum Dollar. Im vergangenen Jahr war er die meiste Zeit hoch positiv. Das bedeutet: Wenn der S&P zulegte, gewann der Euro gegenüber dem Dollar an Wert. Am Ende des vergangenen Jahres ist dieser Zusammenhang zusammengebrochen (siehe Bilder).

Die berechnete Korrelation liegt nun leicht unter null, was bedeutet, dass statistisch kein klarer Zusammenhang vorliegt und wenn, dann der entgegengesetzte. "Der Euro dürfte in nächster Zeit tendenziell abwerten, wenn Risiko-Assets wie Aktien oder Rohstoffe steigende Notierungen verzeichnen", sagt DWS-Währungsexperte Aufderheide.

Absichern mit schwachen Euros

Als ein weiteres Indiz für die neue Verwendungsmöglichkeit der Gemeinschaftswährung gilt, wie sich Anleger am Terminmarkt, wo sie sich gegen Wechselkursschwankungen absichern können, positionieren. An der amerikanischen Terminbörse Chicago Mercantile Exchange (CME) setzen eher spekulativ orientierte Investoren wie zum Beispiel Hedgefonds mit standardisierten Terminkontrakten ("Futures") derzeit so stark auf einen fallenden Euro-Außenwert wie noch nie, zeigen Daten der Terminbörsenaufsicht CFTC.

Dabei werden einzelne Positionen auf einen steigenden und fallenden Euro miteinander verrechnet und als sogenannte Nettoposition ausgegeben. Sie erreichte mit minus 139.000 Kontrakten gerade ein Rekordtief (siehe Bilder). Die CFTC-Daten stehen zwar nur für einen kleinen Ausschnitt des weltweiten Devisenhandels, den Banken überwiegend direkt miteinander abwickeln. Sie gelten dennoch als einigermaßen repräsentativ.

Absichern gegen schwachen Euro ist teurer

Zur Erwartung eines wenigstens in der ersten Jahreshälfte schwächer werdenden Euro passen auch die Signale des für die sehr kurze Frist aussagekräftigeren Optionsmarktes. Eine Absicherung gegen einen auf Sicht von drei Monaten zum Dollar an Wert verlierenden Euro ist teurer als eine entsprechende Absicherung gegen eine Euro-Aufwertung.

Ausgedrückt wird das durch eine als "Risk Reversal" benannte und beachtete Differenz, die derzeit minus 1,9 beträgt (siehe Bilder). Das ist im Vergleich mit den Vorjahren ein niedriges Niveau. Allerdings hat sich diese Größe von ihrem Tief von minus 4,5 im November wieder etwas erholt, was zumindest dafür spricht, dass keine panikartige Stimmung am Markt vorherrscht.

Langfristig weder billig noch teuer

Die langfristige Kursentwicklung des Euro zum Dollar zeigt im Gegensatz zur Situation am Terminmarkt keine starke Baisse. Gemessen an der Kursentwicklung seit der Einführung des Euro ist er momentan weder besonders teuer noch besonders billig.

Im Oktober 2000 konnte ein Euro in nur 82 Cent getauscht werden, im Juli 2008 waren es vorübergehend mehr als 1,60 Dollar, Mitte 2010 notierte der Euro mit 1,20 Dollar, Mitte des vergangenen Jahres mit bis zu 1,50 Dollar. Ungefähr seit Beginn der zweiten Jahreshälfte 2011 fällt der Eurokurs. In dieser Woche notierte er kurz unter 1,27 Dollar - und folgt damit mehr oder weniger dem Lehrbuch: Während aus den Vereinigten Staaten die Nachrichten zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung oft besser ausfielen als erwartet, trübten sich die Wirtschaftsaussichten für den Euroraum zusehends ein. Einige Euroländer befinden sich bereits in der Rezession. Zusammen mit der gesunkenen Zinsdifferenz zu den Vereinigten Staaten erklärt sich schnell, warum der Euro gegenüber dem Dollar schwächer geworden ist während dieser Zeit und warum er nach Ansicht vieler Marktteilnehmer weiter abwerten sollte.

Fairer Wert bei 1,20 Dollar

Gemessen an einem handelsgewichteten Vergleich mit den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Japan, der Schweiz und Schweden bewegt sich der Euro ebenfalls nicht auf einem sonderlich niedrigen Niveau. Daraus abgeleitet ergibt sich vielmehr ein "fairer Wert" von 1,20 Dollar, zu dem der Euro angemessen bewertet wäre.

Stark abgewertet hat der Euro seit seiner Einführung vor allem gegenüber dem Schweizer Franken. Gegenüber dem Yen hat er dieser Tage seinen tiefsten Stand seit 11 Jahren erreicht ebenso wie gegenüber der Schwedischen Krone, gegenüber der er in der Zwischenzeit allerdings einmal sehr stark aufgewertet hatte. Starke Kursschwankungen hatte es vor allem in den achtziger Jahren auch schon zwischen D-Mark und Dollar gegeben.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1982, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

  nach...
von... EUR USD JPY
EUR 1 1,2515 99,715 0,7988
USD 0,7990 1 79,665 0,6384
JPY 0,0100 0,0126 1 0,0080
1,2520 1,5664 124,81 1
25.05.2012 23:00 Uhr
  Vortag
1,2515 −0,14%
 OK
Tops & Flops Kurs Prozent
EUR/RUB 40,0510 +0,71 %
EUR/ZAR 10,5135 +0,32 %
EUR/PLN 4,3498 +0,32 %
EUR/SGD 1,6038 +0,20 %
EUR/CAD 1,2882 +0,09 %
EUR/SEK 8,9732 −0,20 %
EUR/NZD 1,6581 −0,20 %
EUR/CZK 25,2820 −0,28 %
EUR/HUF 299,2500 −0,33 %
EUR/NOK 7,5265 −0,41 %
25.05.2012
Name Kurs Prozent
Gold 1.569,50 $ +0,06 %
Silber 28,24 $ +0,57 %
Platin 1.430,00 $ +0,92 %
Palladium 592,00 $ +0,34 %
Rohöl Brent Crude 106,90 $ +0,14 %
Gas 0,53 £ −0,56 %
Kaffee 1,68 $ +1,27 %
Zucker 0,20 $ +0,36 %
Orangensaft 1,09 $ +0,32 %
AMEX GOLD BUGS 601,37 -- %
AMEX OIL 1.151,96 -- %
Rogers International 24,14 +0,50 %
von
nach