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Energiepreise : Erdgas ist überraschend teuer

Eine Erdgasförderanlage nahe Rotenburg (Niedersachsen). Bild: dpa

Wer sein Haus mit Erdöl heizt, spart in diesem Jahr viel Geld. Der Preis für Gas ist bisher nicht so stark gefallen. Ändert sich das noch?

          Viele Energieversorger werben im Augenblick mit längerfristigen Verträgen für Erdgas. Sie bieten an, für einen Zeitraum von beispielsweise zwei Jahren einen festen Preis zu garantieren. Im Gegenzug soll der Kunde sich auch für diesen Zeitraum fest binden. Viele fragen sich: Ist das klug, so einen Vertrag abzuschließen?

          Die Verbraucherzentralen jedenfalls raten grundsätzlich davon ab, solche Verträge mit Laufzeiten von mehr als einem Jahr zu unterschreiben. Die Verbraucher sollten lieber flexibel bleiben, rät Thorsten Kasper vom Verbraucherzentrale Bundesverband. Ansonsten aber hängt die Lukrativität eines solchen Vertrages natürlich davon ab, wie sich der Gaspreis jetzt entwickelt.

          Dabei gibt es eine Auffälligkeit: Während Öl seit dem vergangenen Jahr sehr viel billiger geworden ist, war bei Erdgas bislang kein vergleichbarer Preisrückgang zu beobachten. Beim Deutschen Mieterbund heißt es, Menschen, die ihr Haus mit Öl beheizten, hätten dieses Jahr erheblich weniger Kosten als im Vorjahr – beim Erdgas sei der Effekt viel weniger ausgeprägt. 2014 seien die Heizölpreise um 7,8Prozent gesunken – die Gaspreise hingegen nur um 0,1Prozent. Nach den Zahlen von Januar bis Juli 2015 habe sich dieser Trend noch verstärkt: Die Ölpreise seien um rund 21Prozent gesunken – die Gaspreise lediglich um 1,4Prozent.

          Das könnte einen Verdacht nähren: Folgt der Erdgaspreis dem Ölpreis womöglich mit einer Zeitverzögerung? Wollen die Gasanbieter jetzt mit ihren Kunden langfristige Verträge abschließen, weil sie befürchten, dass nach dem großen Ölpreisverfall jetzt bald der große Preisverfall beim Erdgas folgt? Manche Energiefachleute fühlen sich auf jeden Fall an die Jahre 2008/2009 erinnert, als Gasanbieter plötzlich auffällig viele Verträge mit einer langen Laufzeit auflegten; tatsächlich fielen die Preise sehr bald. Kommt das jetzt wieder so?

          Kein Zusammenhang mehr zwischen Ölpreis und Gaspreis?

          Zumindest früher wurde von den Öl- und Gasversorgern gern erzählt, dass der Gaspreis dem des Öls fast unausweichlich mit einem Abstand von einem halben Jahr folge. Noch 2004 begründeten Energieversorger wie EWE eine Preiserhöhung beim Gas damit, dass zuvor Öl teurer geworden sei. Heute, in einer Zeit sinkender Ölpreise, wollen sie von einem solchen Zusammenhang nichts mehr wissen.

          Tatsächlich hat sich da offenbar einiges verändert. Rohstoff-Fachleute wie Eugen Weinberg von der Commerzbank sagen: Der enge Zusammenhang zwischen dem Ölpreis und dem Gaspreis gehöre der Vergangenheit an. Sowohl auf der Ebene der Haushalte wie auch auf der Großhandelsebene wurde die Bindung des Gaspreises an den Ölpreis gelockert. Früher war sie in Verträgen festgeschrieben, als Erfinder dieser Regelung gilt der ehemalige niederländische Wirtschaftsminister Jan de Pous.

          Im Laufe der Jahre jedoch wurde die Bindung des Gaspreises an den Ölpreis auf den Weltmärkten durch zusätzliche Konkurrenz etwa von Flüssiggas LNG („liquefied natural gas“) und durch die Neuverhandlung von Verträgen „löchrig“, wie die Gas-Fachleute sagen. Zugleich hätten in Deutschland Gerichte mehrfach die Bindung von Endverbraucher-Gaspreisen an den Ölpreis untersagt.

          Es wirken mehr Faktoren als nur der Ölpreis

          Eine Vielzahl von Größen beeinflusse heute die Gaspreise, sagt Weinberg: Darunter seien Öl- und Heizölpreise nur zwei Faktoren, andere seien Wetter und Temperaturen, Wartungsarbeiten an der Gas-Infrastruktur in den Niederlanden oder in Norwegen, die LNG-Flüsse und die Speicheraktivität.

          „Einen Automatismus wie früher, dass der Gaspreis dem Ölpreis immer mit einem halben Jahr Verspätung folgt, gibt es nicht mehr“, bestätigt Florian Krüger vom Preisvergleichsportal Verivox. Zudem seien die Gaspreise für Endverbraucher in Deutschland regional sehr unterschiedlich. Der Verivox-Verbraucherpreisindex, der einen Durchschnitt abbilde, stehe derzeit bei 6,35Cent je Kilowattstunde. Für eine Familie mit 20000 Kilowattstunden entspreche das jährlichen Kosten von 1270Euro. Das seien nur 2,5 Prozent weniger als vor einem Jahr und 3,6 Prozent weniger als vor zwei Jahren. Nur knapp jeder dritte Gasversorger habe in diesem Jahr bislang überhaupt Preissenkungen vorgenommen oder angekündigt.

          Die Preisunterschiede im Markt seien jedoch erheblich. Eine Familie mit 20000 Kilowattstunden Jahresverbrauch (kleines Einfamilienhaus) könne beim Wechsel aus der sogenannten Grundversorgung zu einem der zehn günstigsten Angebote durchschnittlich 560 Euro sparen.

          Allerdings kommt der Energieexperte Steffen Bukold in einer Studie im Auftrag der Verbraucherzentralen zu dem Ergebnis, sinkende Preise auf den internationalen Gasmärkten würden nur unzureichend an die Verbraucher in Deutschland weitergegeben. Untersucht hat er das für die erste Welle sinkender Preise zum Jahresbeginn. Danach seien beim Erdgas nicht mal zehn Prozent der Preissenkung an die Verbraucher weitergeben worden. Ein Privathaushalt mit 15000 Kilowattstunden Jahresverbrauch hätte beim Erdgas im Januar – hochgerechnet aus Importpreisen – eigentlich 13,80Euro gegenüber dem Vorjahresmonat sparen können. Tatsächlich seien es nur 1,20Euro gewesen.

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