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Finanzmarktkrise Die Angst vor der Inflation nimmt zu

25.05.2008 ·  Die Warnungen kommen aus berufenem Munde. „Die Finanzmarktkrise ist noch nicht vorbei“. An den Aktienmärkten ist die Zwischenerholung der vergangenen Wochen erst einmal beendet. Der Euro bleibt stark.

Von Gerald Braunberger
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Die Warnungen kommen aus berufenem Munde. „Die Finanzmarktkrise ist noch nicht vorbei“, sagten der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, und der Gouverneur der Banque de France (und ehemalige EZB-Vizepräsident), Christian Noyer, am Wochenende in Interviews. Nur zur Erinnerung: Als im Frühjahr 2007 kurzzeitig ein erstes Aufflackern einer Krise am amerikanischen Häusermarkt zu erkennen war, warnte unter anderen Trichet mehrfach vor Übertreibungen an den Finanzmärkten. Die damaligen Preise würden die Risiken nicht angemessen berücksichtigen, sagte der Franzose, dessen Warnungen freilich in den Wind geschlagen wurden. Einige Wochen später brach die Finanzmarktkrise mit voller Wucht aus, und viele Marktteilnehmer taten überrascht.

Diese Episode belegt zugleich, warum die Idee Josef Ackermanns, man solle einen Rat weiser Männer für die Beobachtung und Analyse der Vorgänge an den Finanzmärkten einrichten, zwar nett, aber unbrauchbar ist: Diesen alten Herren würden bestenfalls ein paar Journalisten zuhören, aber kaum ein Banker oder Hedge-Fonds-Manager. Denn suchten die Finanzmänner Rat, könnten sie ihn schon heute haben.

Ein guter Rat wäre hilfreich

Nicht nur Zentralbanken und Organisationen wie die BIZ oder die OECD stellen ihn zur Verfügung. Der legendäre Investor Warren Buffett hat in einem Gespräch mit einem Magazin die Finanzbranche hart kritisiert, vor allem die aufgeblasenen Geschäfte mit Derivaten angeprangert und den Vereinigten Staaten eine längere Phase wirtschaftlicher Schwäche vorausgesagt. Ob jemand auf ihn hören wird?

Dabei wäre ein guter Rat hilfreich, denn die gesamtwirtschaftliche Lage ist unübersichtlich. Die Unsicherheit war auch den Börsen spürbar, wo die Hausse der vergangenen Wochen zumindest vorübergehend ein Ende fand. Im Wochenverlauf verlor der Deutsche Aktienindex Dax knapp 3 Prozent. Damit schloss er unter der Marke von 7000 Punkten, deren Bedeutung Analysten allerdings unterschiedlich einschätzen. Der Stoxx- 50-Index verlor 3,3 Prozent, der Dow Jones büßte 3,9 Prozent ein. In den Vereinigten Staaten haben Anleger und Analysten einen Tag länger Zeit, um sich ein Bild von den Aussichten der Märkte zu machen: Wegen eines Feiertags bleibt die Wall Street am Montag geschlossen.

Energie und Nahrungsmittel in Zukunft nicht mehr so billig

Die Inflation und ihre Auswirkung auf das Wirtschaftswachstum wird allmählich zum Thema an den Finanzmärkten. Im Blickpunkt stehen vor allem die Preise für Energie und Nahrungsmittel, weil es sich hier aus der Sicht des Konsumenten um Güter des täglichen Bedarfs handelt, die kaum substituiert werden können. Ob ein Preis von 135 Dollar für ein Barrel (159 Liter) Öl noch fundamental begründet werden und ob die Goldman-Sachs-Prognose eines Ölpreises von bis zu 200 Dollar je Barrel realistisch sind, ist unter Fachleuten umstritten.

Entscheidend ist: Der Eindruck verfestigt sich, dass Energie und Nahrungsmittel in Zukunft nicht mehr so billig werden wie vor ein paar Jahren, selbst wenn sich die aktuelle Hausse des Öls als spekulative Übertreibung herausstellt und der Preis bald wieder rund 100 Dollar oder etwas weniger betragen sollte. Am Mittwoch steht die Veröffentlichung von Inflationsdaten (Mai) für den Euro-Raum bevor. Nach Schätzungen von Ökonomen dürfte sie rund 3,5 Prozent erreichen nach 3,3 Prozent im April. Inflationsdaten aus den Vereinigten stehen am Freitag zur Bekanntgabe an.

Krisengewinner sind an der Börse derzeit nicht in Sicht

Änderungen der Leitzinsen sind in den großen Währungsräumen nach Ansicht der meisten Beobachter auf absehbare Zeit wohl nicht zu erwarten. In den Vereinigten Staaten dürfte die Fed abwarten, wie ihre Zinssenkungen seit dem vergangenen Herbst wirken. Weiteren Ermäßigungen des Leitzinses steht die Inflation im Wege, umgekehrt dürfte die schwache Konjunktur und die Verunsicherung der Konsumenten die Geldpolitiker in Washington von raschen Zinserhöhungen zur Bekämpfung der Inflation abhalten.

In Europa sind jene Stimmen, die Zinssenkungen der EZB erwarten, verstummt. Andererseits glaubt man an den Märkten aber auch nicht, dass sich verbale Drohgebärden, etwa von Bundesbankpräsident Axel Weber, in einer baldigen Zinserhöhung niederschlagen werden.

An den Aktienmärkten sind die Teilnehmer hin- und hergerissen. „Zum einen hoffen die Anleger auf ein Ende der Finanzkrise, zum anderen lähmt die Sorge vor einer deutlichen Konjunkturabkühlung“, heißt es bei der LBBW in Stuttgart. Der hohe Ölpreis lastet derzeit vor allem auf den Aktienkursen von Fluglinien und Autos. Krisengewinner sind an der Börse derzeit nicht in Sicht, sieht man von immer wiederkehrenden Spekulationen über eine Neuordnung der deutschen Bankenlandschaft ab, von denen meist die Aktie der Postbank profitiert.

Der zehnte Geburtstag des Euro

Mit Blick auf eine eventuelle Neuordnung dürfte die Hauptversammlung der Deutschen Bank am kommenden Donnerstag das Interesse der Börse finden. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Josef Ackermann, wird nicht umhinkommen, sich zu diesem Thema zu äußern.

Am 1. Juni wird die Europäische Zentralbank zehn Jahre alt, und ein halbes Jahr später steht der zehnte Geburtstag des Euro auf dem Terminkalender. Das Vertrauen, das die Finanzmärkte in die EZB und in den Euro setzen, äußerte sich in der vergangenen Woche in weiteren Kursgewinnen gegenüber dem Dollar, der allerdings auch im Vergleich zu dritten Währungen schwach tendierte. So erreichte der australische Dollar in der vergangenen Woche ein 25-Jahres-Hoch. Mit 1,5762 Dollar je Euro nähert sich der Kurs allmählich wieder der Marke von 1,60 Dollar. Die amerikanische Währung leidet unter der schwachen Konjunktur, der Krise am Häusermarkt und dem hohen Ölpreis, der das Land nach Ansicht vieler Analysten härter treffen könnte als den Euro-Raum, der sich einer härteren Währung erfreuen kann.

Die Ankündigung des angeschlagenen Fahrzeugherstellers Ford, er halte nicht länger am Ziel einer Rückkehr zu schwarzen Zahlen im Jahr 2009 fest, wurde an der Wall Street als ein Signal für eine möglicherweise längere Krise als bisher gedacht verstanden.

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Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

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