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Europa in der Rezession Warum die Krise so lange dauert

 ·  Die Herabstufung des Ratings für Großbritannien erinnert daran, dass die europäische Krise verschiedene Gesichter besitzt. Auch in Irland und in Spanien droht eine lange Stagnation.

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© dpa Vergrößern Die Londoner Skyline: Moody’s hat Großbritannien gerade die Bestnote entzogen

Bis zum Ausbruch der internationalen Finanzkrise im Jahr 2007 galten in Europa Großbritannien sowie die Euro-Mitgliedsländer Spanien und Irland in finanzpolitischer Hinsicht nahezu als Musterknaben: Ihr Bestand an Staatsschulden betrug im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwischen 25 (Irland) und 44 (Großbritannien) Prozent und lag damit nicht nur spürbar unter der Vergleichszahl in Deutschland oder Frankreich, sondern auch unter der im Maastricht-Vertrag festgelegten Höchstmarke von 60 Prozent.

Heute befinden sich die drei Länder in einer schweren Krise, die noch mehrere Jahre andauern könnte. Im Falle Großbritanniens hat die Ratingagentur Moody’s anlässlich der Herabstufung der Bonität von der Bestnote „Aaa“ auf „Aa1“ die Ansicht vertreten, die Schwäche der Konjunktur könne sich bis in die zweite Hälfte des Jahrzehnts fortsetzen. Nicht viel besser sind die Prognosen für Spanien: Auf einer Konferenz in Frankfurt vertrat kürzlich der Europa-Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs, Huw Pill, die Ansicht, während die Konjunktur in Italien schon im laufenden Jahr wieder ins Plus drehen dürfte, könnte es noch zwei Jahre dauern, ehe in Spanien eine Verbesserung spürbar werde.

Keine durchgreifende Konjunkturerholung vor 2016

Die Volkswirtschaften Großbritannien, Spanien und Irland sind heute Opfer eines kreditfinanzierten Booms am Immobilienmarkt in den Jahren vor der Krise, der damals die Konjunktur stützte und die Staatsverschuldung unter Kontrolle hielt, aber mit einer kräftigen Zunahme der Verschuldung von Privathaushalten und Unternehmen einherging. Diese Ausdehnung der privaten Kredite wurde damals aber nur von wenigen Beobachtern als Vorbote einer Krise bemerkt, obgleich die Geschichte lehrt, dass der Zyklus von Boom und anschließender Krise häufig von einer kräftigen Kreditexpansion begleitet worden war.

© F.A.Z. Vergrößern Private Verschuldung und Staatsverschuldung in Europa

Daran haben die amerikanischen Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff in mehreren Arbeiten, darunter in ihrem im Jahr 2009 erschienenen Buch „This time is different“, erinnert. Reinhart und Rogoff sind beim Studium der Finanzgeschichte auch zu dem Ergebnis gelangt, dass wirtschaftliche Schwächephasen im Anschluss an das Platzen eines kreditfinanzierten Booms durchaus acht oder neun Jahre andauern können. Dazu passen die aktuellen Prognosen für Großbritannien. Das Land stürzte im Jahre 2008 in die Krise, und wenn die Experten von Moody’s recht behalten, ist vor dem Jahr 2016 nicht mit einer durchgreifenden Konjunkturerholung zu rechnen.

Warum diese Schwächephasen so lange dauern, hat der für das japanische Nomura-Institut arbeitende Ökonom Richard Koo am Beispiel der viele Jahre währenden Wirtschaftsschwäche Japans erklärt. Mittlerweile weitet Koo seine Erklärung auch auf europäische Länder und die Vereinigten Staaten von Amerika aus. Ein mehrere Jahre währender, überwiegend durch Kredit finanzierter Boom am Immobilienmarkt lässt die Schulden von Privatleuten und Unternehmen steigen und bläht die Bilanzen der Banken auf, die ihrerseits die Immobilien als Sicherheiten für die Kredite akzeptiert haben.

Nicht nur tiefe, sondern auch breite Täler

Kommt nun der Boom am Immobilienmarkt an sein Ende und fangen die Immobilienpreise an, stark zu sinken, müssen Banken und private Kreditnehmer versuchen, ihre Bilanzsummen zu reduzieren, weil die Immobilien an Wert verlieren. Koo spricht von einer „Bilanzrezession“, in der auch sehr niedrige Zinsen die Wirtschaft nicht stimulieren, weil die angeschlagenen Banken nicht in der Lage sind, viele neue Kredite zu vergeben.

Aber auch die Kreditnachfrage bleibt schwach, weil Privathaushalte und Unternehmen dabei sind, ihre Verschuldung zu reduzieren. Wegen der vielen schlechten Kredite und des geringen Eigenkapitals geraten Banken in Existenznot. Will man sie nicht zusammenbrechen lassen, müssen sie gerettet werden. Dies erklärt, neben der Konjunkturschwäche, den starken Anstieg der Staatsverschuldung in diesen Ländern. Die Gesundung der Banken ist ein viele Jahre währender Prozess; in Spanien hat er mit Hilfen der europäischen Partner gerade erst begonnen. Die Bilanzen der Banken müssen von fragwürdigen Krediten gereinigt werden; sei es aus eigener Kraft der Banken, sei es durch Ausgliederung in sogenannte Bad Banks wie gerade in Spanien. Die Verwertung von Altimmobilien oder Grundstücken dauert Jahre.

Großbritannien, Spanien und Irland unterscheiden sich daher von anderen europäischen Ländern wie Frankreich, Deutschland oder Italien. In der Staatsverschuldung haben sie „aufgeholt“, aber die private Verschuldung bleibt, gemessen am BIP, deutlich höher. Die Erfahrungen zeigen, dass Länder mit „Bilanzrezessionen“ nicht nur durch tiefe, sondern auch durch breite Täler gehen müssen.

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