Der Kurs des Euro befindet sich am Dienstag auf drastischer Talfahrt. Wurde dieser am Montagmorgen noch zu Kursen von mehr als 1,41 Dollar gehandelt, so hat die Gemeinschaftswährung seitdem auf 1,334 Euro drastisch abgewertet.
Grund ist auch hier das von der griechischen Regierung vorgeschlagene Referendum über das neue Sparpaket, das in enger Verbindung zu dem mühevoll in der vergangenen Woche ausgehandelten Hilfspaket steht. Auch will Premier Papandreou voraussichtlich noch in dieser Woche ein Vertrauensvotum im Parlament stellen.
Erinnerungen an 2008
Mit den jüngsten Ereignissen in Griechenland sei ein neues Element der Unsicherheit eingeführt worden, sagen Beobachter. Sie schließen nicht aus, dass eine Volksabstimmung über die jüngsten Sparmaßnahmen de facto zu einer Abstimmung über den Verbleib in der Eurozone werden könnte.
„Die Ankündigung einer Volksabstimmung keine Woche nach dem Gipfel ist ein herber Rückschlag für die EU-Politik“, kommentiert Christoph Weil von der Commerzbank. Nach Einschätzung von Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, ist das Risiko
einer unkontrollierten Insolvenz à la Lehman Brothers mit der Ankündigung der griechischen Regierung gestiegen. Ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone könnte die Turbulenzen an den Finanzmärkten ebenso verstärken wie die Rezession in der Eurozone, sagt Schmieding.
Druck auf Euroraum würde zunehmen
Nach Einschätzung der Ratingagentur Fitch hat sich damit das Risiko für Griechenland und die Eurozone insgesamt erhöht. Ein Austritt aus der Währungsunion würde wahrscheinlicher, auch wenn Fitch einen Austritt nicht erwartet. Beides hätte gravierende Folgen die Finanzstabilität der Eurozone.
Ein griechisches „Nein“ hätte die Einstellung der Hilfszahlungen an das Land, Kapitalflucht, einen Zusammenbruch des Bankensystems und der Wirtschaft zur Folge; Pensionen und Gehälter könnten nicht länger in Euro bezahlt werden. Mit einem Anteil von 2,4 Prozent am Bruttoinlandsprodukt der Eurozone sei Griechenland zwar klein, allerdings verknüpften Anleger das Schicksal Griechenlands mit sehr viel größeren Ländern wie Italien und Spanien. Vor diesem Hintergrund kann es nicht verwundern, dass die Risikoprämien auf italienische und spanische Staatsanleihen am Berichtstag stark steigen. Laut Händlerangaben soll die EZB mit Käufen stützend am Markt unterwegs sein.
Erinnerungen an Lehman und Island
Die derzeitige Entwicklung lässt unwillkürlich Erinnerungen an das Jahr 2008 aufkommen. Hier war es zunächst die Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers die die Märkte in Aufruhr versetzt hatte und die immer noch als Beginn der heißen Phase der seinerzeitigen Finanzkrise gilt. Tatsächlich aber gewann die Abwärtsbewegung erst richtig an Fahrt, als mit Island ein anderer kleiner Staat Europas in die (Fast-)Pleite rutschte.
Diese unwillkürliche Assoziation dürfte ein Grund sein, warum die Märkte so angsterfüllt reagieren. Tatsächlich aber verunsichert der Schritt Griechenlands vor allem. Zum einen ist nicht so recht klar, was Papandreou bezweckt. Denn mit einem Scheitern muss er rechnen. Die Konsequenzen sind dann zwar sehr unsicher. Wahrscheinlich wäre dann laut Fitch ein Ende der Hilfe durch die Partner und eine ungeordnete Insolvenz. Doch ist dies nicht im Interesse der Partner. Denn dies würde den Druck auf andere Staaten und die Spekulation gegen den Euro deutlich erhöhen.
Ein Blick in den Abgrund als heilsamer Schock
Will der griechische Ministerpräsident Nachverhandlungen erreichen? Dann jedenfalls spielt er mit dem Feuer. Doch das könnte just die Absicht sein. Denn das Sparpaket wird in Griechenland weithin abgelehnt. Grundsätzlich wird zwar die Situation des Landes verstanden, doch die Schuld stets anderen Gruppen gegeben, die dann den erforderlichen Verzicht leisten sollen.
Paul Mortimer-Lee, Chefvolkswirt von BNP Paribas, sieht einen Hinweis in der Tatsache, dass das mögliche Referendum nicht sofort, sondern erst im Januar stattfinden würde. „Die Kampagne in und außerhalb Griechenlands wird deutlich machen, dass ein ’Nein’ einem Desaster gleich käme. Ich gehe davon aus, dass sich die Griechen nicht für eine noch härtere Anpassung entscheiden werden, als sie ohnehin schon vor sich haben.“ Papandreou wolle versuchen, die Griechen auf die Klippe zu führen und einen Blick in den Abgrund werfen zu lassen. „Unglücklicherweise würden dabei auch die Märkte an den Abgrund geraten“, merkt der Ökonom an.
Papandreou betrachte nach zwei Jahren schmerzhafter Austeritätspolitik die Lebensdauer seiner Regierung ohnehin als begrenzt. Er glaubt gar, dass ein Referendum eher gewonnen würde als die von der Opposition geforderten Neuwahlen. Unter diesen Umständen könnte ein Referendum sogar mehr Stabilität liefern.
Forderungen nach mehr Stabilisierungsmaßnahmen
Die Absicherung von anderen Euro-Ländern sei jetzt noch dringender geworden, schreibt Fitch. Die Wirkungskraft des Rettungsfonds EFSF müsse jetzt rasch gestärkt werden und die Europäische Zentralbank (EZB) müsse zu Käufen von Staatsanleihen auf dem Sekundärmarkt bereit sein. Dies gelte vor allem für Länder wie Italien oder Spanien.
Schmieding vertritt die Ansicht, dass noch nicht genug für die Lösung der Euro-Staatsschuldenkrise getan wurde. „Um diese Risiken einzudämmen, braucht Europa eine viel stärkere Schutzmauer gegen Ansteckungseffekte als einen EFSF mit Anleiheversicherung“, sagt Schmieding. Zudem könnte das Referendum nach Dafürhalten der Royal Bank of Scotland (RBS) zur Hürde für Investitionen in den Euro-Krisenfonds EFSF werden. Es sei davon auszugehen, dass die unsichere Lage in Griechenland Gelder aus Ländern außerhalb der Währungsunion für den gehebelten Rettungsschirm blockiere.
Aus dem Euro geht es nur in die Isolation
Helmut Siekmann hin, Geschäftsführender Direktor des Institute for Monetary and Financial Stability und Professor für Geld-, Währungs- und Notenbankrecht am House of Finance der Goethe-Universität Frankfurt am Main, weist darauf hin, dass ein selbständiges Austreten aus der europäischen Währungsgemeinschaft rechtlich nicht möglich sei. Sollte Griechenland entscheiden, zur Drachme zurückkehren zu wollen, müssten alle 27 EU-Mitgliedstaaten zustimmen, was ein sehr langwieriger Prozess sei.
„Alternativ besteht für Griechenland nur die Möglichkeit, aus der Europäischen Union insgesamt auszutreten“, so Siekmann. Dies würde allerdings auch den Verzicht auf sämtliche Mitbestimmungsrechte sowie Regionalhilfen und Subventionen nach sich ziehen, was kaum im Sinne des Landes sein könne. Dies würde die Katastrophe noch verstärken. Das kann für keine Regierung das Ziel sein.
Deutschland braucht den Fortbestand des Euro
Der Druck auf den Euro könnte also vorerst anhalten. Angesichts der den Dollar schwächenden Wirtschaftspolitik der Vereinigten Staaten und der Interventionspolitik der Schweiz und Japans ist vorstellbar, dass ein nachhaltiger Druck auf den Eurokurs zumindest einigen Mitgliedsstaaten des Euroraumes nicht ungelegen kommt. So hat der Kursrutsch am Dienstag die am Vortag durch Interventionen der japanischen Regierung erreichte Abwertung des Yen gegen den Euro mehr als wettgemacht.
Der Druck auf den Wechselkurs aber spiegelt nur den Druck auf den Fortbestand der Währung selbst wider. Insofern ist nicht zu bestreiten, dass das Risiko sehr hoch ist. Die Folgen wären für alle beteiligten Länder gravierend. Der Kursanstieg des marktführenden Terminkontraktes auf deutsche Bundesanleihen, des Bund-Futures um mehr als 2,6 Prozentpunkte am Dienstag gibt einen Vorgeschmack welch drastische Aufwertung einer neuen D-Mark bevorstehen könnte.
Warnende Beispiele Schweiz und Japan
Dies könnte die deutsche Wirtschaft auf den Weltmärkten gewaltig unter Druck bringen, so wie es japanische und Schweizer Unternehmen in den vergangenen Monaten erfahren mussten. Nicht zuletzt werden auch Erinnerungen an die Siebziger Jahre wach, in denen nicht zuletzt der starke Aufwertungsdruck auf die D-Mark das Ende der Wirtschaftswunderzeit einleitete. Die Folgen waren drastisch: Die Wachstumsrate fiel von 1973 bis 1975 von 4,7 auf minus 1,1 Prozent, die Arbeitslosigkeit vervierfacht sich von 1973 auf 1976. Insofern ist auch Deutschland an einem Fortbestand des Euro zumindest unter den derzeit herrschenden Bedingungen gelegen. Dies dürfte ein starker Anreiz sein, die Griechenlandkrise zu lösen.
Ein hohes Risiko aber bleibt, das nicht aus der Welt zu schaffen ist. Denn wenn die Gefahren, Risiken und Konsequenzen eines Euro-Zusammenbruchs oder einer Auflösung unter Druck der Mehrheit der Bevölkerung nicht ausreichend klar zu machen ist, können auch ökonomisch widersinnige Entscheidung erzwungen werden.
Ein mahnendes Beispiel, dass historische Prozesse sich nicht immer nach wirtschaftlichen Erfordernissen richten, ist etwa die deutsche Einheit. Aber auch der Verlauf der Weltwirtschaftskrise zeigt, dass eine Mischung aus mangelhaftem Verständnis, unterschiedlichen Interessen, falschen politischen Prioritäten und schlicht mangelnder Kompetenz die Weltwirtschaft in einen tieferen Abgrund führen kann als notwendig. „Wir sind in den Händen der Politiker“, sagte der Manager des F&C HVB-Stiftungsfonds Chris Childs schon im September. Bleibt zu hoffen, dass wir in guten Händen sind.
Es ist so, dass die Konsequenzen für alle Beteiligten gravierend wären,
Michael Arndt (Mikel1962)
- 01.11.2011, 17:11 Uhr
Es ist herrlich mit anzusehen wie die Auguren der Politik und der
Finanzwelt ratlos da stehen
Rolf-Dirk Maehler (RDMAEHLER1)
- 01.11.2011, 16:52 Uhr
Soso, der Herr Professor meint , aus dem Euro-Club könne man nicht
austreten ...
K. Peter Luecke (microplan2002)
- 01.11.2011, 15:59 Uhr