Erdgas steht vor einem großen Preisschub. Zumindest kann Heribert Müller „eine Fülle von markttechnischen Signalen“ entdecken, die dafür sprechen, dass der Erdgaspreis vor einer „Megawelle“ nach oben steht und in den kommenden Jahren den Höchststand aus dem Jahr 2005 übertreffen wird. In den Statistiken ist dagegen im Moment von einem hohen Erdgasangebot die Rede, das derzeit auf eine geringe Nachfrage trifft; die Erdgas-Lager sind voll und füllen sich weiter. Dies spricht eigentlich für weiter fallende Erdgas-Preise.
„Diesen scheinbaren Widerspruch finden wir grundsätzlich bei der Bildung nachhaltiger Wendepunkte der Märkte“, sagt Müller. Für den Vorstand der Heribert Müller Trust AG steht dahinter Anlegerpsychologie: „Bei einer Bodenbildung sind die fundamentalen Daten negativ, nichts spricht also für einen Kursanstieg. Und vor dem Ende eines Preisanstiegs wird die realwirtschaftliche Lage in der Regel dermaßen positiv dargestellt, dass sich niemand vorstellen kann, dass Kurse auch wieder fallen können.“
Hochpunkt noch im August
Als Beispiele aus diesem Jahr für Kurs- und Preissteigerungen, die sich viele Marktteilnehmer mit Hilfe von Fundamentaldaten nur schwer erklären können, nennt Müller den Dax und den Ölpreis. Beiden hatte Müller aber bis zur Jahresmitte hohe Steigerungen vorhergesagt, dem Dax einen Anstieg bis auf 6100 Punkte und dem Ölpreis bis mindestens 90 Dollar. Damit lag Müller im Gegensatz zu den meisten anderen Analysten von der Tendenz her richtig.
Auch erwartet Müller die Hochpunkte in seiner Prognose noch im August; jedoch ist vorläufig festzustellen, dass er mit seiner Prognose zu Jahresbeginn das Ausmaß der Trendwende von Dax und Ölpreis bisher überschätzt hat. Das mag damit zu tun haben, dass Müller versucht, durch Anwenden der Elliott-Wellen-Theorie Stimmungen der Marktteilnehmer einzufangen. Nach dieser Theorie setzt sich menschliches Anlegerverhalten in wellenartige, immer wiederkehrende harmonische Kursbewegungen um (siehe Kasten). Für Dax und Öl kommt Müller mit dieser Arbeitsweise übrigens zu dem Schluss, dass ab Herbst 2009 deutliche Rückgänge von Dax und Ölpreis zu erwarten sind.
Beste Marktlage seit langem
Ganz anders sieht Müller dagegen den künftigen Preisverlauf von Erdgas. „Wir finden hier eine so attraktive Marktlage vor, wie sie seit mehreren Jahren nicht zu beobachten war“, sagt Müller. Die wichtigsten Argumente für einen bevorstehenden Preisanstieg auf Rekordniveau findet Müller im Kursverlauf des an der New Yorker Terminbörse Mercantile seit Beginn der neunziger Jahre täglich handelbaren Erdgas/Natural Gas Future. Für das ganz große Bild geht Müller sogar bis ins Jahr 1922 zurück (siehe Graphik). Müller glaubt auch mit Hilfe von Fibonacci-Relationen für den Erdgaspreis vier Wellen - zwei große nach oben, zwei jeweils darauf folgende kleinere nach unten - identifizieren zu können. „Die jüngste, vierte Welle dürfte im April 2009 ausgelaufen sein“, sagt Müller.
Zur Untermauerung der These, dass die vierte Welle komplett abgeschlossen ist, zerlegt Müller die nach seiner Zählung Ende 2005 begonnene, abwärts gerichtete Welle IV in drei Bestandteile und die vorangegangene Megawelle III in mit arabischen Ziffern beschriftete fünf Bestandteile (siehe Graphik): Die Wellen „A“ und „C“ der Megawelle IV korrigieren die vorausgegangene, von Januar 1992 bis Dezember 2005 dauernde aufwärts gerichtete Megawelle III; Welle „B“ ist innerhalb der Welle IV eine zwischengeschaltete Gegenbewegung nach oben. „Das Muster aus A-B-C-Korrekturen ist durchaus typisch für jedes Zeitfenster - so auch für diesen Megatrend“, sagt Müller.
Wall Street sendet Nachfragesignale
Aber wie wahrscheinlich ist, dass Mega-Welle IV komplett ist? „Dass sie zu Ende ist, in dieser Sichtweise bestärkt uns, dass das Ausmaß der Preisrückgänge - Welle A korrigiert den letzten Aufstieg der Welle III, die Unterwelle 5, mit 82,5 Prozent, und die gesamte Welle IV korrigiert Welle III um 84,6 Prozent - zumindest näherungsweise dem Fibonacci-Retracement 76,4 nahe kommt“, sagt Müller. Andere Elliott-Wellen-Anwender könnten allerdings versucht sein, aus dem Überschießen der Abwärtswellen A und C über die 76,4-Fibonacci-Relation hinaus eine Fortsetzung der Abwärtsbewegung zu prognostizieren.
Müller allerdings hält dem entgegen, dass sich mit Blick auf den Verlauf des Erdgas-Future einige überzeugende Gegenargumente finden lassen. „Seit 1990 hat der Kurs mit Ausnahme der Jahre 1991, 92, 97, 2000 und 2005 der Erdgaspreis stets im Zeitraum August/September ein (Zwischen-)Tief markiert. Dies spricht dafür, dass auch im August 2009 ein neuer Drei-Jahres-Zyklus beginnt“, sagt Müller. Für die Prognose, dass Welle IV abgeschlossen und mit Welle V eine letzte, alles zuvor Dagewesene übertreffende Aufwärtswelle für den Erdgas-Preis bevorsteht, zieht Müller noch weitere Indikatoren wie die Rate of Change (260 Tage), die einen Extremwert erreicht habe, wie sie bisher nur im Jahr 2002 zu beobachten war. Auch interpretiert Müller die mit nahezu 160.000 Kontrakten vergleichsweise hohen Netto-Short-Positionen an der New Yorker Mercantile Exchange (Nymex) als künftiges Nachfragepotential für Erdgas, weil sich die mit Short-Positionen auf fallende Preise spekulierenden Marktteilnehmer später mit Erdgas-Kontrakten werden eindecken müssen.
Öl bleibt trotzdem am wichtigsten
Einen weiteren Extremwert stellt Müller fest, wenn er Erdgaspreis relativ zum Ölpreis betrachtet. „Demnach ist Erdgas, gemessen in Öl, derzeit so billig wie zuletzt vor 18 Jahren“, sagt Müller. Damals, in den Jahren 1990/91, begann eine mehrjährige Phase, in der sich der Erdgaspreis vom Ölpreis positiv abkoppelte. So könnte es daher auch diesmal sein. Für die breite Finanzwelt aber ist und bleibt unter den Rohstoffen Öl am wichtigsten. Oft wird eine preistreibende Nachfrage der Industrie nach Öl als guter Indikator für die gesamte Konjunktur gerade in aufstrebenden Schwellenländern wie China gewertet.
Und umgekehrt gilt ein hoher Ölpreis als Inflationsvorläufer und Belastung gerade der Verbraucher in reifen westlichen Ländern in Amerika und Europa. Die Aufmerksamkeit, die Öl an den Finanzmärkten erhält, hat auch viel damit zu tun, dass sich Rohstoffe in den vergangenen Jahren als eigene, in Teilen von Aktien, Anleihen und Immobilien unabhängige Anlageklasse etabliert haben. Rohstoffe werden also geschätzt, weil sie ein wichtiger Indikator für Weltkonjunktur und Inflation sind und zur Risikostreuung im Depot beitragen können.
Immerhin der zweitwichtigste Rohstoff
Öl ist denn auch mit einem Gewicht von 23 Prozent der wichtigste Rohstoff im CRB-Index. Der Reuters-Jefferies CRB-Index, wie er ganz genau heißt, ist der arithmetische Mittelwert von 19 Rohstoff-Futures, die an den Terminbörsen in Dollar gehandelt werden. Erdgas hat im CRB-Index immerhin das nach Öl zweithöchste Gewicht mit 6 Prozent. Genauso hohe Bedeutung für den Index haben mit einem Gewicht von ebenfalls 6 Prozent nur noch Gold, Sojabohnen, Mais, Rinder, Aluminium und Kupfer.
Im Vergleich zum CRB-Index hat sich der Erdgaspreis seit Beginn des von Müller als Welle IV bezeichneten Zeitraums unterdurchschnittlich, in der Phase zuvor (Welle III) überdurchschnittlich entwickelt. „Betrachten wir Erdgas relativ zum CRB-Index, so wurde der Trend der besseren Wertentwicklung von Erdgas in den Jahren 1992 bis 2005 nun seit Ende 2005 um exakt 76,4 Prozent korrigiert“, stellt Müller fest. Und zieht als Fazit: „Die Fülle von markttechnischen Signalen zeigen ein zeitlich und kursmäßig ausgeprägtes Kurspotential für den Erdgaspreis an, das für ein Übertreffen der Megawelle III durch eine nun bald einsetzende, möglicherweise Jahre dauernde Megawelle V spricht.“
Beim Lesen meines .......
Rüdiger Noll (krn)
- 30.06.2009, 14:09 Uhr
Glaskugelputzerei und Spekulantenhypeanheizer
Martin Gürsch (Betroffener)
- 30.06.2009, 18:03 Uhr
Nur eine Theorie - oder vielleicht doch nicht?
Rüdiger Noll (krn)
- 02.07.2009, 17:50 Uhr