Ein rapider Fall der Ölpreise an den amerikanischen Terminmärkten hat am Montagabend für große Verwirrung unter Händlern gesorgt, da es keine schlüssige Erklärung dafür gab (F.A.Z. vom 18. September). Die Spekulationen konzentrieren sich daher zunächst abermals auf mögliche Fehler eines computergetriebenen Handelsprogramms. Im Nachmittagshandel an der New Yorker Rohstoffbörse Nymex war der Preis des Oktober-Kontraktes für Rohöl der Sorte West Texas Intermediate (WTI) innerhalb einer Minute um mehr als 3 Dollar auf 94,83 Dollar je Barrel (159 Liter) gestürzt.
Gleichzeitig war das Handelsvolumen von 500 auf rund 12 500 Kontrakte pro Minute angeschwollen. Im weiteren Verlauf erholte sich der Preis wieder etwas, beendete den Handel aber dennoch mit Verlusten von 2,4 Prozent. „Die Händler schienen vor Angst wie gelähmt“, sagte Peter Donovan, der auf dem Parkett der Nymex für das Wertpapierhaus Vantage Trading arbeitet, dem „Wall Street Journal“. „Ich habe mit vier verschiedenen Handelstischen telefoniert und keiner hatte eine Erklärung.“ Auch die Preise anderer Energiekontrakte, etwa für Heizöl oder die Nordsee-Sorte Brent, sackten deutlich ab. Am Dienstag gaben die Preise im Handelsverlauf weiter leicht nach.
Mehrere starke Kursschwankungen
Gerüchte über mögliche Ursachen des Preissturzes zirkulierten zuhauf, weil es an den Finanzmärkten zuletzt mehrfach ungewöhnlich starke Kursschwankungen gegeben hatte. Als mögliche Auslöser wurden der Eingabefehler eines Händlers sowie außer Kontrolle geratene Computerprogramme genannt. Die Terminbörsenaufsicht CFTC will die Vorgänge prüfen. „Superschnelle Preisbewegungen, wie es sie bei Öl gegeben hat, versetzen uns in hohe Alarmbereitschaft“, sagte Bart Chilton, ein Mitglied der fünfköpfigen CFTC-Kommission.
Der Terminbörsenkonzern CME Group, dem die Nymex gehört, meldete aber keine technischen Schwierigkeiten im Handel. Es habe sich um eine „koordinierte Verkaufswelle“ gehandelt, teilte die CME mit. Andere Fachleute begründeten die scharfe Preisbewegung mit dem Auslaufen von Optionen auf den Oktober-Kontrakt am Montag. Nach Angaben von Stephen Schork, der einen Energiebörsenbrief herausgibt, war am Freitag noch die ungewöhnlich hohe Zahl von 11 000 Kaufoptionen für den Oktober-Kontrakt mit einem Ausübungspreis von 100 Dollar offen gewesen.
Optionen verbriefen das Recht, aber nicht die Verpflichtung, ein Wertpapier oder einen Terminkontrakt zu kaufen oder zu verkaufen. Nachdem sich der Preis des WTI-Kontraktes zu Beginn der Börsensitzung 100 Dollar genähert hatte, aber schließlich nicht ganz an diese Marke herankam, hätten einige Händler ihre Positionen geschlossen, meint Schork. Dazu sei am Montag das Handelsvolumen wegen des jüdischen Neujahrstags niedrig gewesen. „Das hat ein Vakuum geschaffen und die Preise nach unten gezogen.“
Analysten der Beratungsgesellschaft JBC Energy in Wien argumentierten, dass Investoren nach der geldpolitischen Lockerung der amerikanischen Notenbank Fed in der Vorwoche am Montag ihre Kursgewinne realisiert hätten. Die Ölpreise waren auf den höchsten Stand seit vier Monaten geklettert, nachdem die Fed am vergangenen Donnerstag neue Anleihenkäufe zur Stärkung der Konjunktur angekündigt hatte.
Die JBC-Analysten halten den Anstieg der Ölpreise im August für eine Folge der damals gewachsenen Spekulation auf anstehende Lockerungsmaßnahmen der Notenbank. Die Vereinigten Staaten sind der größte Rohölverbraucher der Welt. Ein stärkeres Wirtschaftswachstum dürfte die Nachfrage nach Öl erhöhen.
Ebenfalls zur Verkaufswelle beigetragen haben möglicherweise die seit geraumer Zeit bestehenden Spekulationen um eine Freigabe der strategischen Ölreserven der Industrieländer. Die gestiegenen Ölpreise bringen deren Volkswirtschaften zunehmend unter Druck. Erst Ende August hatten die Finanzminister der sieben größten Industrienationen die Erdöl produzierenden Staaten aufgefordert, ihre Förderung zu erhöhen.