29.07.2006 · 100 Dollar je Barrel - das klingt erschreckend, ist aber realistisch. Trotzdem: Die meisten Volkswirtschaften könnten damit gut umgehen, etwa in Europa. In Amerika würde die Wirtschaft wohl stärker gebremst. Zu leiden hätte vor allem Asien.
Von Stanley Reed, BusinessWeekDie Ökonomen sind überrascht, wie wenig Schaden der derzeit hohe Ölpreis der amerikanischen und den übrigen Volkswirtschaften bislang zugefügt hat. Immerhin sind die Preise seit 1999 bereits um 300 Prozent gestiegen - doch fast alle Regionen der Welt kommen damit zurecht. Dies steht in krassem Gegensatz zu den Ölkrisen in den 70er und 80er Jahren, die den Volkwirtschaften schwer zugesetzt hatten.
Was würde jedoch passieren, wenn der Preis für ein Barrel Öl die psychologisch bedeutende Marke von 100 Dollar überschreiten würde? Die Antwort ist von Region zu Region verschieden, wobei die voraussichtlichen Konsequenzen für Asien wohl am schlimmsten, für Europa dagegen am wenigsten schlimm sein dürften. Zweifellos würden aber Ölpreise, die das aktuelle Niveau um ein Drittel übersteigen, überall zur Belastung werden.
Nahost-Krise und Hurrikan-Saison
Stehen wir kurz davor, für ein Barrel Öl 100 Dollar zahlen zu müssen? Angesichts des im Nahen Osten tobenden Konflikts und der Tatsache, daß die Hurrikansaison in den Vereinigten Staaten im August und September ihren Höhepunkt erreichen wird, erscheint das Erreichen dieser dreistelligen Marke nicht ganz abwegig. „Sollte irgendwo etwas schiefgehen - und das im großen Stil - und die Menschen auch noch meinen, daß dieser Mißstand für lange Zeit andauern wird, könnten die Preise kräftig nach oben klettern“, sagt Kevin Norrish, Analyst bei Barclays Capital in London.
Wenn sich beispielsweise aufgrund der Kämpfe im Nahen Osten die Öllieferungen aus der Region am persischen Golf irgendwie verringern würden (was jedoch nach wie vor unwahrscheinlich ist), wäre ein Anstieg der Ölpreise auf über 100 Dollar so gut wie sicher. Ein zweiter heftiger Wirbelsturm, der die Ölraffinerien und Produktionsanlagen an der amerikanischen Golfküste stark beschädigt, könnte nach Meinung von Saad Rahim, Analyst bei PFC Energy in Washington, ebenfalls einen scharfen Preisanstieg auslösen.
„Wenn sich das vom letzten Jahr wiederholt und ein führendes Raffinerieunternehmen dabei außer Gefecht gesetzt wird, könnte sich Öl auf 100 Dollar verteuern“, so der Analyst. Ölkonzerne wie BP, Chevron oder Exxon Mobil haben ihre Anlagen überall in der Region. Rahim räumt allerdings ein, daß die amerikanischen Märkte die großen Ausfälle im vergangenen Jahr mit geringeren Preiserhöhungen überstanden haben als von vielen Analysten erwartet.
Die Nachfrage steigt und steigt
Der entscheidende Unterschied zu den durch Versorgungsengpässe bedingten Ölschocks der 70er und 80er Jahre besteht darin, daß der aktuelle Ölpreisboom in erster Linie von der Nachfrageseite getrieben wird. Die Schwellenmärkte, darunter China und andere asiatische Länder sowie der Nahe Osten, spielen dabei selbst eine Rolle als große Energieverbraucher.
Warum? Nun, die Fabriken in Asien laufen auf Hochtouren, um die Welt mit Waren zu versorgen. Dank der steigenden Einkommen können sich die Menschen wiederum immer mehr Autos und andere Kraftfahrzeuge von Toyota, GM und anderen leisten. Unterstützt wird dieser Trend von den Regierungen, die sich rasch um den Bau der benötigten Autobahnen kümmern.
Viele Entwicklungsländer verzeichnen zudem einen rapiden Anstieg der Nachfrage nach Klimaanlagen, deren Energiebedarf mit zusätzlichem Brennstoff gedeckt werden muß. Gleichzeitig hat sich der Benzinverbrauch in den Vereinigten Staaten, wo drei Dollar je Gallone Benzin die Autofahrer kaum aus der Fassung gebracht hat, überraschend robust gezeigt.
Amerikas Wirtschaft würde sich weiter abschwächen
Würde ein Ölpreis von 100 Dollar je Barrel einen Unterschied machen? Die Antwort ist ein vorsichtiges 'ja'. Die steigenden Energiepreise haben die amerikanische Wirtschaft bisher nicht stark belastet, was unter anderem den Effizienzsteigerungen der vergangenen zwei Jahrzehnte zu verdanken ist. Dadurch konnten nämlich laut PFC Energy die Energiekosten auf ungefähr fünf Prozent des verfügbaren Einkommens gedrückt werden - im Vergleich zu acht Prozent im Jahr 1980, dem Jahr der letzten Krise.
„Es gibt immer noch Spielraum nach oben, bevor die Menschen anfangen werden, sich einzuschränken“, so Rahim. Seiner Meinung nach könnte die Marke bei 100 Dollar je Barrel den Punkt darstellen, an dem es zu einer „breiten Nachfragereaktion“ kommt. Dies gilt aber noch lange nicht als sicher, denn die „Fun Fun Fun“-Kultur des sorglosen Autofahrens - so wie sie vor mehr als drei Jahrzehnten mit der Melodie eines Kulthits der Beach Boys populär gemacht wurde - genießt in den Vereinigten Staaten nach wie vor einen hohen Stellenwert.
Bei 100 Dollar je Barrel könnten die Benzinpreise in den Vereinigten Staaten auf bis zu fünf Dollar je Gallone steigen. Ein derartiges Preisniveau würde - wenn es denn plötzlich erreicht würde - zu einer Verlangsamung der amerikanischen Wirtschaft beitragen, wofür es angesichts der schleppenden Einzelhandelsumsätze und rückläufigen Verkaufzahlen von Eigenheimen bereits erste Anzeichen gibt. Menschen mit bereits knappem Budget würde mit einer Benzinverteuerung um weitere zwei Dollar je Gallone Geld weggenommen, das sie ansonsten in ihre Wohnungen investieren oder bei Wal-Mart und Target ausgeben könnten.
Europa käme gut mit teurem Öl zurecht
In der übrigen Welt würde ein Ölpreis von 100 Dollar je Barrel unterschiedliche Auswirkungen haben. Europa wäre vor Preiserhöhungen höchstwahrscheinlich am besten gefeit. Allein der starke Euro federt die Ölpreisverteuerung bereits in gewissem Maße ab, denn Öl wird in Dollar verkauft. Hinzu kommt, daß europäische Industrienationen wie Deutschland Energie höchst effizient nutzen -effizienter noch als die Vereinigten Staaten. Ein Großteil ihres Energieverbrauchs wird außerdem über Erdgas und Atomenergie bestritten, und hier sorgen langfristige Verträge für eine Dämpfung scharfer Ölpreisschwankungen.
Darüber hinaus sind die Steuern auf Brennstoff, insbesondere Benzin, in Europa derart hoch, daß die Verbraucher Preiserhöhungen bei Rohöl nicht in dem Maße spüren wie in den Vereinigten Staaten. Die Europäer zahlen für Benzin schließlich umgerechnet bereits sieben bis acht Dollar je Gallone. Das müßten die Amerikaner nicht einmal dann zahlen, wenn der Ölpreis über 100 Dollar je Barrel steigen würde.
Rußland, der große Öllieferant für Europa durch Unternehmen wie Gazprom und Rosneft, würde nach Einschätzung von Peter Westin, Chefökonom bei der MDM Bank in Moskau, unterdessen eine glänzende Figur machen. So könnte die russische Wirtschaft bei einem Ölpreis von mehr als 100 Dollar je Barrel statt der erwarteten sechs Prozent ein Wachstum von nahezu neun Prozent verzeichnen.
Indien würde leiden, Japan ist besser geschützt
Im Falle Asiens wären die Auswirkungen gemischt. Länder wie Thailand, Malaysia, Indonesien und Indien, deren Fabriken durchweg ineffiziente Energienutzer sind, würden wahrscheinlich am ärgsten in Mitleidenschaft gezogen; das kräftige Wirtschaftswachstum dieser Länder könnte allerdings als eine Art „Stoßdämpfer“ wirken.
In Indien beispielsweise hätte ein Ölpreis von 90 Dollar je Barrel 2005 zu einer Abschwächung des BIP-Wachstums von 8,4 auf 6,3 Prozent geführt - so die Schätzung von Subir Gokarn, Chefvolkswirt bei der Ratingagentur Crisil in Neu Delhi. Analog dazu hätte sich die Inflation auf 10,3 Prozent verdoppelt, während sich das Leistungsbilanzdefizit auf 10,8 Prozent ausgeweitet und damit nahezu verdoppelt hätte. Gokarn stuft diese Konsequenzen als „bedeutend, aber nicht dramatisch“ ein.
Japan ist zwar sehr stark auf den Import von Öl angewiesen ist, gehört aber auch zu den effizientesten Energienutzern der Welt. Dies ist den umfangreichen Investitionen zu verdanken, die in den vergangenen drei Jahrzehnten getätigt wurden. Japan setzt zudem in hohem Maße Erdgas ein, dessen Preise reguliert sind. Dies und der starke Yen sorgen ebenfalls für einen gewissen Schutz der japanischen Verbraucher.
Die Welt wird sich weiterdrehen
In Südkorea, einem anderen großen Ölimporteur, könnte sich dagegen ein starker Preisanstieg negativ auf einige Schlüsselbranchen des Landes auswirken - man denke nur an die Autoproduktion. Bisher haben die Preiserhöhungen nur „marginale Auswirkungen“ gehabt, so Han Ki Ju, leitender Volkswirt beim koreanischen Institut für Industriewirtschaft und -technologie. „In Anbetracht der engen Margen, die die internationale Automobilbranche bestimmen, wird der Sektor bei weiter steigenden Energiepreisen die Auswirkungen jedoch entsprechend zu spüren bekommen.“
Schließlich China, das weltweit zu den Ländern gehört, die Energie am wenigsten effizient nutzen. Die chinesische Wirtschaft würde zwar eine gewisse Belastung spüren, allerdings gelten hohe Ölpreise für sie nicht als höchstes Risiko. Die politischen Verantwortlichen beschäftigen mehr die Gefahren einer konjunkturellen Überhitzung und ein möglicher Rückgang der Nachfrage nach chinesischen Produkten aus den Vereinigten Staaten.
Wie sich die globale Wirtschaft letzten Endes entwickelt, hängt also bei weitem nicht nur vom Ölpreis ab. Selbst unter Berücksichtigung der Gefahr von Preisschocks prognostiziert die Asiatische Entwicklungsbank für die Schwellenländer der Region nach wie vor ein Wachstum von 7,5 Prozent in diesem und 6,9 Prozent im nächsten Jahr. Dagegen dürfte sich das nominale BIP-Wachstum in der Eurozone den Prognosen der OECD zufolge in diesem Jahr gerade einmal auf 3,8 Prozent und 2007 auf 4,2 Prozent belaufen, trotz der relativen Immunität der Region gegenüber Ölpreisschocks. Ein Ölpreis von 100 Dollar klingt zwar furchterregend, die Welt wird sich aber trotzdem weiterdrehen.
Ölpreis 100 Dollar? Frau Merkel, Sie müssen handeln!
Thomas Bodewig (Bodewth)
- 29.07.2006, 14:40 Uhr
Ölpreis = 100 € nicht 100 $, keine grund zum Panik
Nice Day (rajabi)
- 29.07.2006, 15:28 Uhr
Effiziente Nutzung!
Andreas Würz (BluesBrother1983)
- 29.07.2006, 17:43 Uhr
Nur eine Frage der Zeit
Julius Franzot (JFranzot)
- 30.07.2006, 02:49 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06 % |
| Silber | 28,24 $ | +0,57 % |
| Platin | 1.430,00 $ | +0,92 % |
| Palladium | 592,00 $ | +0,34 % |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14 % |
| Gas | 0,53 £ | −0,56 % |
| Kaffee | 1,68 $ | +1,27 % |
| Zucker | 0,20 $ | +0,36 % |
| Orangensaft | 1,09 $ | +0,32 % |
| AMEX GOLD BUGS | 601,37 | -- % |
| AMEX OIL | 1.151,96 | -- % |
| Rogers International | 24,14 | +0,50 % |