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Energie Ölpreis: Die Ruhe vor dem Sturm?

05.09.2006 ·  Im Rückzug befindet sich derzeit der Ölpreis an den Rohstoffmärkten. Doch das scheint nur daran zu liegen, daß es derzeit keine relevanten Nachrichten gibt. Dabei könnte es sich auch um die Ruhe vor dem Sturm handeln.

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Man gewöhnt sich ja bekanntlich an alles. Und das ist an den Ölmärkten nicht anders als anderenorts auch. Spekulierten manche noch vor wenigen Wochen auf einen Ölpreis von 250 Dollar im kommenden Jahr, falls der Iran-Konflikt eskaliert, kann das Thema an den Märkten derzeit niemanden mehr so recht beunruhigen.

Auch wenn sich politisch die Spannungen zwischen dem Land am persischen Golf und den Ölabnehmerstaaten der westlichen Hemisphäre nach Ablehnung der UN-Resolution potentiell verschärft haben, reagierten die Märkte mit Erleichterung, als klar wurde, daß mögliche Sanktionen nicht unmittelbar bevorstehen.

Lagerbestände überraschend gestiegen

Und da mittlerweile ohnehin als nicht sicher gilt, daß die Ölproduktion dadurch überhaupt beeinträchtigt wird, geriet der Ölpreis am Montag kräftig ins Rutschen, weil zudem die amerikanischen Bestandsdaten vergleichsweise kräftig ausgefallen waren. Schon am Freitag hatte der Ölpreis mehr als einen Dollar nachgegeben.

Die amerikanischen Vorräte stiegen in der vergangenen Woche überraschenderweise in allen wichtigen Kategorien. Die Rohöl-Bestände profitierten insbesondere von einem Anstieg der Importe um fast eine Million Barrel pro Tag auf 11,2 Millionen Barrel. Insgesamt stiegen die Crude-Bestände um 2,4 Millionen Öleinheiten. Eine Öleinheit entspricht einem Barrel Erdöl oder 6.000 Kubikfuß Erdgas. Die Reservenreichweite liegt mit 20,9 Tagen weiterhin auf einem im Vergleich zu den vergangenen Jahren sehr hohen Niveau.

Auch die Benzin-Vorräte fielen überraschend höher aus. Nach einem Wochenzuwachs um 0,4 Millionen Öleinheiten reichen sie jetzt 21,2 Tage. Das ist indes immer noch ein Jahrestief. Für die Analysten der HSH Nordbank ist das jedoch kein Problem. In der Vergangenheit seien diese Bestände nach dem Ende der Feriensaison am Labor Day immer deutlich angestiegen. Der Benzinverbrauch steigt in der Feriensaison gewöhnlich um fünf Prozent und fällt nach dem Labor Day zurück. Damit rechnet man auch in diesem Jahr.

Hurrikan-Saison könnte unterdurchschnittlich verlaufen

Günstig auf den Ölpreis wirkt sich auch eine nach zwei stürmischen Jahren bislang wenig spektakulär verlaufene Hurrikan-Saison aus. Jüngst erst senkten die Meteorologen der Universität Colorado ihre Erwartungen: die Saison werde unterdurchschnittlich verlaufen. Während bisher von neun Hurrikans ausgegangen wurde, werden jetzt nur noch fünf erwartet.

„Das Angebot ist im Vergleich zum Vorjahr hoch“, sagt Alessandro Di Nunzio, Analyst bei Wings Partners. „Bislang war die Hurrikan-Saison nicht so heftig wie erwartet und so sind die Lagerbestände gestiegen.“

Dennoch reiche, so die Analysten der HSH Nordbank, bereits ein Sturm, um die Produktionsfähigkeit der Anlagen in der Golf-Region deutlich einzuschränken, wie man in den beiden vergangenen Jahren habe sehen können. Da die Hurrikan-Saison offiziell noch bis November laufe, bleibe das Risiko von sturminduzierten Ölpreisspitzen weiter bestehen.

So könnte sich ein tropisches Tiefdruckgebiet südöstlich von Puerto Rico an diesem Dienstag zum Hurrikan „Florence“ auswachsen, gab das amerikanische Hurrikan-Zentrum bekannt. Das Gebiet ziehe in Richtung Nordwesten und könnte in der kommenden Woche auch die Bahamas und Florida erreichen. Derzeit liegt das Sturmgebiet mit einem Durchmesser von 1.775 Kilometern östlich der Kleinen Antillen. Indes ist die Wahrscheinlichkeit geringer geworden, daß er in den Golf von Mexiko ziehen wird.

Weiterer Rückgang möglich

Die HSH Nordbank hält kurzfristig aus charttechnischer Sicht einen weiteren Rückgang bis zur 200 Tage-Linie, die aktuell bei knapp 67 Dollar für Brent verlaufe, für möglich, erwartet aber aufgrund der latenten Risiken, die jederzeit wieder in den Fokus rücken könnten, zunächst keinen darüber hinausgehenden Kursverfall. Auch läßt der Ölpreis langfristig betrachtet keineswegs Zeichen einer Trendwende erkennen.

Nicht zuletzt hat in Nigeria hat die Gewerkschaft der Ölarbeiter ab dem 13. September zwei- oder dreitägige Warnstreiks angekündigt. Damit soll gegen die Arbeit in einem Umfeld steigender Gewalt und Entführungen protestiert werden.

Die Bank sieht daher Potential dafür, daß der Preis „in einem entsprechenden Umfeld“ wieder in Richtung Jahreshochs bei knapp 80 Dollar steigt. Andere sind weniger optimistisch. „Wenn nicht ein großer Hurrikan zuschlägt, wird der Preis bis Ende des Jahres Stück für Stück fallen“, sagte etwa Kazuhiko Saito, Rohstoffstratege bei Interes Capital Management.

Plötzliche politische Stürme sind nicht auszuschließen

Im Grunde scheint am Ölmarkt so etwas wie eine Reihe vor dem Sturm zu herrschen. Jeder rechnet mit einem Gewitter, doch jeder hat noch die Wäsche draußen, weil „es jetzt noch nicht losgeht“.

Passieren kann dies indes ständig. Erst am Dienstag heizte Jacob Edri, Israels Minister für Gesundheit und Entwicklung der südlichen Negev- und der nördlichen Galil-Wüste, die Stimmung an. In einem Interview mit der „Thüringer Allgemeinen“ nannte er einen militärischen Schlag gegen den Iran unvermeidlich. Die Entscheidung falle noch in der Amtszeit von George W. Bush.

Es werde sich um eine begrenzte militärische Aktion handeln, bei der Teile des iranischen Atomprogramms zerstört würden. Der auch für die Koordination der Regierungsarbeit mit dem Parlament verantwortliche Politiker sagte, die Vereinigten Staaten müßten dieses Problem mit ihrer gesamten Macht lösen. Es bleibe kein anderer Ausweg. Die Amerikaner hätten auch nicht Zeit bis zur nächsten Präsidenten-Wahl. Je früher George W. Bush ein derartiges Kommando-Unternehmen beginne, desto besser, sagte Edri dem Blatt.

Bislang aber wird wohl auch das nur unter „fernem Donnergrollen“ abgelegt. Und so bleiben die Fenster offen, die Tischtücher auf der Wiese und der Ölpreis im Rückwärtsgang. Das kann so bleiben, wenn das Wetter hält. Aber darauf wetten sollte nur, wer Mut hat.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @mho
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