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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Energie Kommt jetzt der Erdgas-Boom?

16.10.2009 ·  Die Preise sind im Keller, und gewaltige neue Vorkommen warten auf ihre Ausbeutung. Einige Versorger steigen deshalb von Öl und Kohle auf Erdgas um. Gas wird bei steigendem Ölpreis auch für den Transportsektor immer interessanter.

Von Steve LeVine und Adam Aston
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Anfang dieses Jahres stand Lloyd M. Yates, Vorstandsvorsitzender von Progress Energy, vor der Entscheidung, wie der in Raleigh ansässige Energieriese künftig die strengen Gesetze seines Bundesstaates über den Schwefeldioxidausstoß erfüllen soll. Zunächst dachte er an die schnelle Lösung: den Einbau von Filteranlagen in dem alten kohlebefeuerten Kraftwerk in Sutton, North Carolina, mit einem Aufwand von 330 Millionen Dollar.

Doch dann richtete sich seine Aufmerksamkeit auf Erdgas, dessen Preis im vergangenen Jahr um zwei Drittel gefallen war. Keine Frage, für einen Teil dieses Preisverfalls zeichnete sich die Rezession verantwortlich. Aber es kursierten auch Berichte über die Entdeckung riesiger Erdgasvorkommen in den Vereinigten Staaten. Und weil dieser Brennstoff nur die Hälfte des Kohlendioxids von Kohle produziert, schien er auch vor den in Washington geplanten Klimagesetzen sicher, die mit saftigen Strafgeldern für Emissionen drohen.

Kohlekraftwerk wird auf Ergas umgestellt

Nach gründlicher Abwägung entschieden sich Yates und sein Vorstand gegen die Filter und beschlossen, ein anderes Kohlekraftwerk im Rahmen eines 900 Millionen Dollar teuren Projekts auf Erdgas umzustellen. Nach Yates' Berechnungen würde dies die Schwefeldioxidgesetze erfüllen und sich im Lauf der Zeit mehr als bezahlt machen. „Es war, als ob man sich entscheiden sollte, in einem 52er Chevy einen Katalysator nachzurüsten“, meint Yates. „Die Frage war: Wann kaufen wir das neue Auto?“

Die amerikanische Erdgasindustrie hofft, dass das ganze Land dem Beispiel von Lloyd Yates folgen wird. Während des Sommers 2008 sprach man in den Vereinigten Staaten und in weiten Teilen der übrigen Welt viel von Peak Oil und Peak Natural Gas und befürchtete, dass die hohen Ölpreise womöglich ewig Bestand haben könnten. Heute machen sich die Analysten immer noch Sorgen über die Ölversorgung - aber weit weniger über Erdgas. Die amerikanischen Gasproduzenten haben als Nutznießer eines technologischen Durchbruchs in den vergangenen Jahren ein gewaltiges Erdgasvolumen im Schiefergestein unter Colorado, Oklahoma, Pennsylvania, Texas und anderen Bundesstaaten erschlossen. Laut einem Bericht der Colorado School of Mines vom Juli verfügen die Vereinigten Staaten derzeit über etwa 51 Billionen Kubikmeter Erdgas, davon ein Drittel in Schiefer, was etwa 320 Milliarden Barrel Öl entspricht. Das ist mehr als die saudi-arabischen 264 Milliarden Barrel.

Freilich lässt sich Erdgas nicht gegen Öl austauschen, und es wird auch die Energieprobleme der Vereinigten Staaten nicht im Alleingang lösen. Zwar kann man mit Erdgas Wohnungen heizen und Fahrzeuge betreiben, aber zum größten Teil wird es - wie Kohle - zur Elektrizitätserzeugung eingesetzt.

Günstiger Preis macht Gas als Energieträger immer reizvoller

Aber die geschätzten Erdgasvorräte sind so riesig, und der Preisverfall so enorm, dass die Entscheidungsträger in den Unternehmen sich veranlasst sehen, ihre langfristigen Energiestrategien zu überdenken, und zwar rasch. Energieversorger debattieren darüber, ob sie Kohlekraftwerke auf Gas umstellen sollen. Große Gesellschaften wie AT&T und UPS beginnen, ihre gewaltigen Lkw-Fuhrparks von Benzin- auf Erdgasantrieb umzurüsten. Selbst Anbieter erneuerbarer Energien stehen nicht abseits. Während sie versuchen, mehr Energie aus unvorhersagbaren Wind- und Solargeneratoren herauszuquetschen, stellen sie fest, dass preiswertes Erdgas ihnen hilft, die Energieversorgung stabil zu halten.

Ob der Gasboom halten wird, was er verspricht, ist hingegen ungewiss. „Wir wissen nicht, ob Erdgas wirklich von so großer praktischer Bedeutung sein wird, oder ob das Ganze nicht nur ein theoretisches Modell ist“, erklärt David G. Victor, Professor und Energieexperte an der Universität von Kalifornien in San Diego. Während die Erdgasproduzenten schwören, auf den größten Vorräten aller Zeiten zu sitzen, sehen sie sich erheblichen Problemen gegenüber, ihren Rohstoff auf den Markt zu bringen. Die Preise sind so niedrig, dass einige Produzenten die Produktion aufgegeben haben. Die meisten Energieversorger, die mit Kohleverbrennungsanlagen ausgerüstet sind, verspüren wenig Lust, in Erdgasausrüstung zu investieren. Kritiker befürchten, dass der wasserintensive Schieferbohrprozess die nahe gelegene Trinkwasserversorgung gefährden könnte. Und Skeptiker verweisen auf die späten 1990-er, als die Preise ebenfalls für alle Zeit am Boden zu liegen schienen und nur wenige Jahre darauf in die Höhe schossen. „Energieversorger sind gebrannte Kinder“, weiß Andre Begosso, Energiestratege beim Beratungsunternehmen Accenture.

Doch die derzeitige Erschließung der amerikanischen Schiefergasvorkommen könnte sich von den Entdeckungen vergangener Tage unterscheiden. Der Grund dafür ist eine Technik, die in den späten 1990-ern von der kleinen Firma Mitchell Energy & Development entwickelt wurde. Vor dem sogenannten Hydraulic-Fracturing war in festem Schiefer eingeschlossenes Gas unzugänglich. Mitchell und andere fanden heraus, wie man das Gestein mit Wasser und Chemikalien versetzt, um die Gasmoleküle herauszulösen. Ein weiterer Fortschritt der jüngeren Vergangenheit erlaubt Bohrfirmen eine horizontale Ausfächerung, um Gas aus viel größeren Gebieten zu gewinnen, als es davor möglich war. Die amerikanische Erdgasproduktion stieg zwischen Anfang 2007 und Mitte 2008 um 14 Prozent, was zu einem großen Teil neuen Feldern wie dem Barnett Shale in Texas zu verdanken war.

Der „Schieferboom“ steckt erst in den Kinderschuhen

Und der Schieferboom steckt erst noch in den Kinderschuhen. Im Jahr 2004 bohrte John H. Pinkerton von Range Resources (RRC) das erste Loch dieser Art in der Appalachia-Region, dem Marcellus Shale, einem über 250.000 km² großen Gasfeld, das sich knapp 1000 km von Nord nach Süd erstreckt. Inzwischen hat sich Pinkertons Ein-Mann-Büro in Pittsburgh zu einem Team aus 150 Geologen, Geophysikern und Ingenieuren gemausert. Wie Pinkerton sagt, hat sich seine Produktion in kürzester Zeit auf etwa 2,5 Millionen Kubikmeter am Tag verdreifacht. „Wir gehen davon aus, diese Zahl im nächsten Jahr zu verdoppeln, und im Jahr darauf noch einmal.“

In Raleigh hat Yates von Progress Energy seine Entscheidung, auf Erdgas umzurüsten, aufgrund einer staatlichen Vorgabe getroffen, den Schwefeldioxidausstoß des Unternehmens bis 2013 auf 50.000 Tonnen im Jahr zu halbieren. Um das rechtzeitig zu schaffen, musste das Unternehmen in diesem Jahr handeln. Nach dem Abwägen der Optionen entschied man sich für Erdgas, was praktisch eine Wette darauf ist, dass die Preise auf absehbare Zeit niedrig bleiben werden. Der Produktionsausstoß des Kraftwerkes wird beträchtlich steigen, weil eine 950 Megawatt leistende Erdgasanlage 397 Megawatt an Kohlekapazität ersetzt. Und nebenher wird auch die Schwefeldioxidvorgabe erfüllt: Die Kohlendioxidemissionen werden um 60 Prozent und die Stickoxidemissionen um 95 Prozent sinken, und die Quecksilberemissionen entfallen ganz.

Falls Washington die Kohlendioxidemissionen begrenzt, steht Yates möglicherweise vor der nächsten Entscheidung, nämlich, wie er die drei anderen Kohlekraftwerke von Progress Energy modernisieren wird, die aus den 1950-ern und 1960-ern stammen. Yates sagt, Erdgas spiele in den Berechnungen die führende Rolle, während „wir Kohle wegen der Kosten gar nicht erst in Erwägung ziehen.“

Ein paar weitere Energieversorger steigen derzeit auf Gas um oder denken zumindest darüber nach. Tampa Electric hat sein Kohlekraftwerk in Gannon für 750 Millionen Dollar in eine Erdgasanlage verwandelt. Im April haben Entwickler der Highwood Generating Station in der Nähe von Great Falls Pläne zur Kohleverbrennung gekippt und für ein neues Werk Erdgas gewählt. General Electric hat vor, zwei neue Erdgasanlagen zu bauen.

Die meisten Energieversorger aber bleiben in Wartestellung. Die Erdgaspreise haben im Lauf der Jahre so gewaltige Schwankungen erfahren, dass die Unternehmenslenker sich nicht langfristig festlegen wollen. Denn wenn sie sich zu einer garantierten Lieferung zu höheren Preisen als den heutigen verpflichten und die Preise nicht auf diesen Wert steigen, so müssen sie ihren Kunden möglicherweise mehr berechnen. Das ließe sich den Regulierungsbehörden nur schlecht verkaufen, die „nicht davon begeistert sind, dass sich jemand am Verbraucher schadlos hält, weil er sich bei den Lieferverträgen verspekuliert hat“, weiß James Owen, Sprecher des Edison Electric Institute, einer Branchenlobbygruppe.

Erdgas beliebt bei Energieversorgern

Seltsamerweise erfreut sich Erdgas größerer Beliebtheit bei Energieversorgern, die sich erneuerbaren Energien verschrieben haben. Befürchtungen, dass billiges Erdgas zu Lasten von Investitionen in teurere Sonnen- und Windenergie gehen könnte, haben sich nicht bewahrheitet. Stattdessen bauen die Energieversorger beides. Weil Gasturbinen ihre Energieproduktion exakt steuern können, ergänzen sie Windparks und Solarfelder mit ihren unregelmäßigen Energieflüssen. Das Ergebnis ist eine stabilere und zuverlässigere Energieversorgung.

Florida Power & Light, der größte Entwickler erneuerbarer Energien des Landes, baut derzeit ein Solar-Wärmekraftwerk, das das zweitgrößte im Land sein wird. Das Unternehmen Juno Beach aus Florida setzte seine neue Anlage neben ein vorhandenes gasbefeuertes Werk, so dass die Gasanlage den Energiefluss stabil halten kann, wenn sich eine Wolke vor die Sonne schiebt. Die Public Service Enterprise Group (PEG), ein bedeutender mittelatlantischer Energieversorger, entwickelt gleichzeitig Projekte für Gas und erneuerbare Energien. „Die einfache Zuschaltbarkeit von Gasturbinen macht sie zur perfekten Ergänzung“ von Wind- und Solaranlagen, sagt PSEG-Vorstandsvorsitzender Ralph Izzo.

General Electric widmet sich einer Reihe von Schnellstart-Gasturbinen für den kombinierten Einsatz mit erneuerbaren Energien. Westar Energy hat im Rahmen einer 320 Millionen Dollar teuren Investition vier solcher Turbinen mit einer über die Region verteilten, 300 Megawatt leistenden Windenergieanlage gekoppelt. Es ist ein windreiches Gebiet, in dem nicht nur kräftige Böen plötzlicher Flaute weichen, sondern in dem die Winde auch solche Kraft entwickeln können, dass die Turbinen aus Sicherheitsgründen abgeschaltet werden müssen. In beiden Fällen können Gasturbinen einspringen, um die Energieversorgung aufrecht zu erhalten. Westar hatte sich schon 2006 für die Aufstellung der Turbinen entschieden, als Gas noch zweimal so teuer war wie heute. Jetzt, wo die Preise so niedrig sind, „haben die Turbinen einen doppelten Nutzen und dienen zusätzlich der regulären Energieerzeugung“, freut sich Greg A. Greenwood, Vice-President bei Westar.

Erdgas findet seinen Weg in begrenztem Umfang auch in den Transportmarkt. AT&T gab im März bekannt, 8.000 Service-Vans durch Fahrzeuge mit Erdgasantrieb zu ersetzen. Die über einen Zeitraum von zehn Jahren angelegte, 350 Millionen Dollar kostende Modernisierung ist Teil einer im letzten Jahr begonnenen, insgesamt 565 Millionen Dollar teuren Initiative für den Einsatz alternativer Kraftstoffe in Fahrzeugen. Steigende Benzinpreise sind auch für Skeptiker ein überzeugendes Argument.

Gas wird bei steigendem Ölpreis auch für den Transportsektor interessant

Von April bis Juli stieg der durchschnittliche Preis einer Gallone Benzin um 22 Prozent auf 2,46 Dollar, während der Preis für komprimiertes Erdgas für Automobile nur um 6 Prozent - auf umgerechnet etwa 1,73 Dollar - anzog. „Wenn der Preis an der Zapfsäule nur um einen Cent steigt und man etwa 80 Millionen Gallonen Kraftstoff im Jahr kauft, dann ist das eine teure Angelegenheit“, meint Jerome Webber, AT&Ts Vice-President for Fleet Operations. Das Unternehmen geht davon aus, dass die neuen Fahrzeuge ihm in den kommenden zehn Jahren eine Einsparung von 49 Millionen Gallonen Benzin bringen werden. Der Transportriese UPS ergänzte seinen aus bereits 800 Erdgasfahrzeugen bestehenden Fuhrpark im Februar um 300 weitere Fahrzeuge.

Der Markt für Erdgasfahrzeuge wird in den Vereinigten Staaten durch den Mangel an Erdgastankstellen begrenzt. Laut Natural Gas Vehicles for America bieten von den 162.000 Tankstellen des Landes gerade einmal 1.100 Erdgas an. Aber diese Zahl wächst. Clean Energy, ein Unternehmen, hinter dem der legendäre Öl-Tycoon T. Boone Pickens steht, hat in Nordamerika 184 Erdgastankstellen errichtet und will in den kommenden zwei Jahren 80 weitere bauen. Questar Gas hat 20 Erdgastankstellen entlang des I-15-Korridors dieses Bundesstaates errichtet und plant für die kommenden 18 Monate sechs weitere.

Natürlich ist den Managern der Erdgasproduzenten klar, dass solche Vorstöße im Vergleich zu den massiven Vorräten, die in der Erde ruhen, nur ein Tropfen auf den heißen Stein sind. Darum haben sie in den vergangenen Monaten in Washington intensive Gespräche mit Politikern geführt, um in einem im Kongress verhandelten Klimagesetzesentwurf Anreize für den Einsatz von Erdgas unterzubringen. Durch die langfristig verstärkte Nutzung von Erdgas hoffen sie, ihre Position gegen die Öl- und Kohlemultis ausbauen zu können.

Unabhängig davon, ob sie mit diesen Bemühungen in Washington Erfolg haben, scheint sich der Trend von der Kohle hin zum Erdgas zumindest vorerst fortzusetzen. Dafür sprechen sowohl der Preis als auch die allgemeine politische Entwicklung. Izzo von PSEG kommentiert: „Wir bauen Gasturbinen, weil es kurzfristig keine Alternative gibt.“

LeVine ist Korrespondent in Washington. Aston is Energie- & Umweltredakteur in New York

Quelle: BusinessWeek Online
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