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Edelmetalle Der Höllentanz ums Gold

16.12.2009 ·  Goldräuber gibt es in Südafrika seit mehr als hundert Jahren. Der hohe Goldpreis aber hat die Zahl illegaler Minenarbeiter kräftig in die Höhe getrieben. Der wirtschaftliche Schaden für die Bergwerkskonzerne ist enorm.

Von Claudia Bröll, Johannesburg
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Hellhörig wurde das Management der südafrikanischen Eland-Goldmine erst, als Leute aus dem Dorf nach Leichensäcken fragten. Lange hatte man vermutet, dass in einem alten Stollen des Bergwerks nicht alles mit rechten Dingen zuging. Das ganze Ausmaß der Machenschaften jedoch zeigte sich erst, als die Dorfbewohner einen Körper nach dem anderen an die Erdoberfläche zogen. Erst war von 61 Toten die Rede, dann von 86. Bei 91 wurden die Bergungsarbeiten eingestellt.

Vermutlich starben die Männer an den Folgen einer Brandvergiftung. Harmony Gold Mining Company, Betreiber der Mine und drittgrößter Goldproduzent des Landes, hatte für die Bergungsaktion keine eigenen Mitarbeiter in die Tiefe geschickt. „Dieser Teil der Mine ist extrem gefährlich. Niemand sollte sich dort aufhalten“, sagte ein Sprecher.

Monatelang im Dunkel für ein paar Gramm Gold

Der Unglücksfall im Harmony-Bergwerk in diesem Jahr gehört zu den schlimmsten in der südafrikanischen Minengeschichte. Die Trauer jedoch hielt sich, abgesehen von den Familienangehörigen der Opfer in Grenzen. Die Männer hatten gewusst, auf was sie sich einließen. Sie waren Zama-Zamas, illegale Minenarbeiter, die Piraten der südafrikanischen Bergwerksindustrie.

Für ein paar Gramm Gold nehmen sie jedes Risiko in Kauf. Mehrere Monate bleiben sie unter der Erde, in stickigen, staubigen Stollen bei Temperaturen von 40 Grad und mehr. Ohne Sicherheitsvorkehrungen sprengen sie das goldhaltige Gestein, aus tragenden Säulen und Winkeln, in die sich normale Kumpel nicht hineintrauen. Wie in der Eland-Mine zahlen viele mit dem Leben für diesen Höllentanz ums Gold. Nicht umsonst heißt Zama-Zama übersetzt „sie versuchen ihr Glück“.

Von Menschenrechtlern geschützt

Unabhängige, informelle Goldschürfer gibt es in Südafrika, dem einst größten Goldproduzenten der Welt, seit vor mehr als 100 Jahren dort Gold gefunden wurde. Rein formal handeln sie illegal, weil sie keine Lizenz von der Regierung besitzen. In der Praxis aber ließ man sie bisher gewähren.

Nicht nur hat ihr Gewerbe eine lange Tradition. Für Bewohner karger Gegenden ist der Verkauf von ein paar selbst gefundenen Goldkörnern auch oft der einzige Weg zu überleben. Menschenrechtsorganisationen wachen daher darüber, dass Minenkonzerne ihnen nicht die Existenzgrundlage entziehen. „Wie in anderen afrikanischen Ländern bestreiten in Südafrika vermutlich mehrere hunderttausend Menschen ihren Lebensunterhalt mit dem, was sie an Bodenschätzen in der Erde finden können“, erklärt Tim Hughes vom South African Institute of International Affairs.

Der hohe Goldpreis und der Personalabbau in Südafrikas Minenwirtschaft jedoch haben die Zahl der informellen Goldschürfer jüngst dramatisch in die Höhe getrieben. Nicht mehr nur aus der Not heraus wird gegraben.

Vom Überlebenskampf zur Mafia-Organisation

Mittlerweile rücken bestens organisierte Schmugglertrupps in die Stollen vor, geführt von einer skrupellosen und finanzkräftigen Mafia. Deren kriminelles Netz reicht von den schweißüberströmten Arbeitern unter der Erde Afrikas bis in die schillernden Schmuckmetropolen Dubai, Bombay und Schanghai.

Schätzungen nach entspricht die illegale Ausbeute in manchen Bergwerken bis zu 40 Prozent der legalen. Für Minenkonzerne und die Regierung ist die Zeit der Duldung daher jetzt vorbei. „Sie rauben die wertvollen Rohstoffe in unserem Land, die ansonsten genutzt werden würden, um das Leben der Menschen zu verbessern“, klagt Minenministerin Susan Shabangu. „Illegaler Bergbau ist zu einer milliardenschweren, kriminellen Industrie geworden.“

In Barberton, einem verschlafenen Minenstädtchen, liefen Zama-Zamas wie Banditen aus einem Hollywoodfilm auf der Straße herum, mit AK-47-Maschinengewehren über den Schultern. In einem anderen Ort hätten sie Landminen ausgelegt, um die Polizei abzuhalten.

Leichtes Spiel

Goldräuber haben in Südafrika relativ leichtes Spiel. Nach hundert Jahre langen Förderarbeiten gleicht der Boden unter dem golddurchsetzten Hochplateau in der Nähe von Johannesburg einem riesigen Labyrinth aus Stollen und Schächten. Viele Bergwerke gehen unter der Erde ineinander über. „Es ist möglich, in eine Mine einzusteigen und 40 Kilometer entfernt aus dem Schacht einer anderen Mine wiederaufzutauchen“, erklärt Kevin D'Souza von der Londoner Ingenieurberatung Wardell Armstrong. „Sobald die illegalen Arbeiter unter der Erde sind, kann sie kein Mensch mehr fassen.“

Außerdem profitieren die Schmuggler von der ausgeprägten Korruptionsbereitschaft. Harmony hat nach dem Eland-Vorfall auf einen Schlag 77 eigene Mitarbeiter entlassen, die vermutlich mehr als 200 Schmuggler unterstützt hatten. Das Vorgehen ist immer gleich: Die Arbeiter, die oft umgerechnet nur 400 Euro im Monat verdienen, beschaffen gegen Schmiergelder gefälschte Ausweispapiere und schleusen die Räuber teils mit der normalen Mannschaft in die Mine.

Einmal unter Tage werden die Zama-Zamas von ihren Komplizen mit allem Notwendigen versorgt. Vielerorts habe sich in den unterirdischen Gängen ein professionell organisierter Schwarzmarkt entwickelt, sagt D'Souza. „Man kann dort alles bekommen: Sprengstoff, Gerät, Essen, Süßigkeiten, Bier, Zigaretten - wenn auch zu astronomisch hohen Preisen.“ In einige Bergwerke werde sogar die Post geliefert.

Hilflose Bekämpfung

Der Schaden für die Bergwerksindustrie hat eine mehrstellige Millionen-Euro-Höhe erreicht. Nicht nur das geraubte Gold, das großenteils sonst in der Erde geblieben wäre, auch der Diebstahl von Sprengstoff und Gerät sowie die Ausfalltage bei Unfällen schlagen zu Buche. Seit dem Vorfall in der Eland-Mine wird bei Harmony fieberhaft darüber beraten, wie den Goldräubern das Handwerk gelegt werden kann. „Das größte Problem sind die kriminellen Syndikate“, erklärt Sprecherin Esha Brijmohan, „außerdem hat sich ein internationaler Markt für gestohlenes Gold entwickelt. Dagegen kann ein Unternehmen allein wenig ausrichten.“

Demnach besteht der Aktionsplan des Minenkonzerns zwar aus unzähligen Einzelpunkten. In der Summe aber ergeben diese nur ein hilfloses Aufbäumen gegen die Macht der Goldräuber-Mafia: Eine engere Zusammenarbeit mit der Polizei gehört dazu, Handscanner an den Bergwerkseingängen, häufigere Kontrollen von Sprengstoffbeständen und regelmäßige Verhöre von Mitarbeitern in „Operationen Zama“.

Wird jemand der Komplizenschaft überführt, verliert er sofort seinen Job. Trotz vollmundiger Ankündigungen hat auch die Regierung bisher wenig ausrichten können. Immerhin kündigte die Minenministerin an, mit Spezialeinheiten entschlossen gegen die Räuber zu Felde zu ziehen. Außerdem will sie arbeitslosen Minenarbeitern Weiterbildungen anbieten, damit sie nicht Schmugglerringen zum Opfer fallen.

Regierung in der Kritik

Fachleute sehen aber auch bei Unternehmen und dem Gesetzgeber eine Mitschuld am ungezügelten Treiben unter Tage. Bis heute wird im Gesetz nicht zwischen den allgemein akzeptierten informellen Goldgräbern und den kriminellen unterschieden, was die Verfolgung der letzteren erschwert.

Gleichzeitig seien Unternehmen in der Vergangenheit zu lax gewesen, sagt Hughes. Nach dem Gesetz müssten nicht mehr genutzte, gefährliche Schächte verschlossen werden. In der Praxis aber passiere dies selten. Um besser zwischen den informellen und den kriminellen Goldsuchern unterscheiden zu können, sollten die Unternehmen außerdem mit den Kleinförderern in der Umgebung zusammenarbeiten. „Gebt diesen Leuten die Möglichkeit, in einem Teil des Bergwerks mit den nötigen Sicherheitsvorkehrungen zu graben, und unterstützt sie im besten Fall bei der Weiterverarbeitung“, fordert Hughes, „das lindert nicht nur die Armut, sondern erschwert auch kriminellen Banden das Geschäft.“

Dass Goldräuber und Schmuggler jemals der Vergangenheit angehören werden, glaubt allerdings niemand. Nach dem Unfall in der Eland-Mine gaben einige Zama-Zamas bereitwillig Interviews. Dass sie in einer heruntergekommenen Arbeiterherberge zu finden waren, war kein Geheimnis im Ort. Wie Helden ließen sie sich fotografieren. „Wenn du mir die Chance gibst, wieder runterzugehen, würde ich es heute noch machen“, sagte Sipho Mahabane, „ich will einfach nur aus dieser Armut rauskommen. Ich habe keine Angst, zu sterben oder festgenommen zu werden. Die Polizei steckt sowieso mit unter der Decke.“ Die in der Eland-Mine gefassten Zama-Zamas befinden sich längst wieder auf freiem Fuß. Sie mussten nur eine Geldstrafe bezahlen.

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