Die Kursentwicklung des japanischen Yen ist ein Phänomen. Denn obwohl die Wirtschaft des Landes nicht läuft, obwohl die Zinsen schon seit Jahrzehnten extrem tief sind und obwohl das Land nach einer mehrjährigen keynesianischen Ausgabenorgie auf Pump so stark verschuldet ist wie kaum ein anderes, wertet der Yen auf.
Am Dienstag ist der Kurs der japanischen Währung im Verhältnis zur amerikanischen Währung sogar um 0,7 Prozent auf ein 15-Jahres-Tief von 83,09 Yen je Dollar gefallen. Der Yen nähert sich immer weiter dem Allzeithoch an, das er im April des Jahres 1995 mit 97,92 Yen je Dollar markiert hatte. Bis auf weniger Ausnahmen legt er kurzfristig auch gegen fast alle anderen Währung der Welt zu, nachdem am Dienstag in der Abstimmung über den Parteivorsitz der regierenden Demokratischen Partei Japans (DPJ) Ministerpräsident Naoto Kan gewann.
Devisenmarktintervention Japans scheint wenig erfolgsversprechend zu sein
Kan gilt in Fragen einer Intervention an den Devisenmärkten als weniger aggressiv als sein parteipolitischer Rivale Ichiro Ozawa. Der Sieg Kans verschaffe Devisenhändlern eine Gelegenheit, das Aufwärtspotential beim Yen zu testen und auf weiter sinkende Kurse zu Wetten, heißt es. Devisenmarktstrategen halten der Erfolg von Devisenmarktinterventionen zur Schwächung des Yen ohnehin für wenig aussichtsreich, so lange die Zentralbank des Landes geldpolitisch nicht noch lockerer werde als bisher. Sollte sie nicht mehr Liquidität zur Verfügung stellen, seien Interventionen ebenso zum Scheitern verurteilt, wie die Schweizer Zentralbank. Faktisch lasse die Bank of Japan im Moment wenig Bereitschaft erkennen, „lockerer“ zu werden, heißt es. Zudem würden protektionistische Interventionen mit großer Wahrscheinlichkeit zu politischen Turbulenzen führen.
Selbst wenn der Markt nach dem inzwischen etablierten Aufwertungstrend spekulativ einseitig positioniert und kurzfrisitg anfällig für Korrekturren sein mag, scheint eine weitere Aufwertung des Yen wahrscheinlich zu sein. Denn ähnlich wie die Schweiz hat das Land nach den massiven Zinssenkungen der vergangenen Monate und tief bleibenden Zinsen in weiten Teilen der Welt seinen Zinsvorteil verloren. Nachdem Anleger und Unternehmen Jahre lang spekulative Aktivitäten und Investitionen in Franken und Yen refinanziert hatten, haben sie dafür nun kaum noch Gründe. Sie können sich ebenso günstig in Dollar, Euro oder anderen Währungen refinanzieren, ohne Wechselkursrisiken eingehen zu müssen. Das führt dazu, dass die gigantischen Yen- und Frankenpositionen, die in der Vergangenheit aufgebaut wurden, nach und nach abgebaut oder gegen eine weitere Aufwertung abgesichert werden.
Mehrere Gründe tragen zur Yenaufwertung bei
Nicht nur solche Transaktionen führen zu einer gewissen Nachfrage nach Yen, sondern die geringe Zinsdifferenz zwischen Japan und großen Teilen der Welt macht die Absicherung von Auslandsinvestitionen für japanische Marktteilnehmer interessant, während auch der traditionelle Handelsbilanzüberschuss Japans und die veränderte Diversifikation der Anlage der Devisenreserven Chinas zur Yennachfrage beitragen.
Die Folgen der veränderten Zinslandschaft und der veränderten Risikowahrnehmung zeigt sich deutlich an der Kursentwicklung zwischen Yen und Euro. Während der Euro gegen den Yen in den Jahren 2000 bis Mitte 2008 gegen die japanische Währung aufgrund des damaligen europäischen Zinsvorsprungs und der allgemeinen Wirtschaftseuphorie im Trend aufwertete, wurde dieser Trend danach deutlich gebrochen. Inzwischen hat der Euro gegen den Yen knapp 40 Prozent abgewertet und den größten Teil der damaligen Aufwertung aufgegeben. Am Dienstag liegt der Euro-Yen-Kurs auf dem tiefsten Stand seit achteinhalb Jahren. Der Trend zeigt weiterhin nach unten, da der Yen auch gegen den Euro weiter aufwertet.