Am Devisenmarkt geht es seit einigen Wochen relativ gemächlich zu. Die ganz große Aufregung um den Euro hat sich gelegt und die europäische Einheitswährung befindet sich derzeit auf Erholungskurs. Das gilt zuletzt auch im Verhältnis zum Yen. Allgemein kann aber getrost von einer weiterhin festen japanischen Landeswährung gesprochen werden. Ist die Notiz des Euro doch noch Ende Juni auf den tiefsten Stand seit 2001 gefallen und erst am vergangenen Freitag markierte der Dollar mit 85,03 Yen den tiefsten Stand seit 1995. Damit fehlt jetzt bei den aktuell gültigen 86,09 Yen nicht mehr allzu viel bis zu dem ebenfalls im Jahr 1995 (18. April) aufgestellten Dollar-Rekordtief von 79,92 Yen.
Angesichts der allseits bekannten Schuldenprobleme, mit denen sich Europa und Amerika herumplagen, mag die Stärke des Yen auf den ersten Blick nicht erstaunen. Auf den zweiten Blick kommt man aber nicht umhin, doch etwas über diese Kursentwicklung zu staunen. Denn die Japaner stehen in vielerlei Hinsicht keinen Deut besser da als die Europäer und die Amerikaner. So hat das Finanzministerium eben erst den Schuldenstand des Landes auf 10,5 Billionen Dollar beziffert. Das ist eine Summe, bei der einem leicht schwindlig werden kann. Insbesondere dann, wenn man sich an die demographischen Rahmendaten mit einer alternden Bevölkerung erinnert. Schließlich macht das den Schuldenabbau nicht gerade einfacher. Schon jetzt ist ein Schuldenberg von fast 200 Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt aber ein weltweiter Spitzenwert in negativer Hinsicht.
Deflation lässt Zinserhöhung in weite Ferne rücken
Außerdem hat die Notenbank gerade erst beschlossen, den Leitzins wie schon seit Ende 1998 unverändert bei 0,1 Prozent zu belassen. Die Rendite zehnjähriger japanischer Anleihen ist jüngst kurzzeitig unter die Marke von einem Prozent gerutscht. Einen Renditevorsprung, der Anleger anlocken könnte, hatte Japan folglich nicht zu bieten. Und daran wird sich vermutlich bis auf weiteres auch nichts ändern. So haben die Volkswirte von Goldman Sachs unlängst erst ihre Prognosen für das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr und im kommenden Jahr auf 3,3 Prozent und 1,4 Prozent gesenkt. Zudem rechnen sie für das Kalenderjahr 2010 und 2011 mit Konsumentenpreisen, die um 1,3 Prozent und 0,4 Prozent fallen werden und somit weiterhin mit Deflation.
Vor diesem Hintergrund prognostiziert Ingo Jungwirth von Raiffeisen Research, das Zinsanhebungen in Japan nicht vor Ende 2011 zum Thema werden dürften. Vielmehr sei mit Hilfe des Ankaufs von Staatsanleihen und zusätzlichen Kreditprogrammen eher noch mit einer Forcierung der ohnehin schon seit Jahren lockeren Geldpolitik zu rechnen. „Geldmarktzinsen und Kapitalmarktrenditen dürften darum länger tief bleiben als in Europa oder Amerika“, glaubt Jungwirth. Aufgrund der bestehenden Verunsicherung der Märkte über den globalen Konjunkturverlauf dürfte der Yen aus seiner Sicht allerdings im 3. Quartal 2010 noch stark bleiben.
Chinesen kaufen verstärkt Yen statt Dollar
Dazu trägt auch das Kaufinteresse der Chinesen bei, die trotz aller Schuldenprobleme in Japan in Europa und Amerika offenbar noch größere Probleme wittern. Diesen Eindruck vermittelt zumindest die Nachricht, dass Chinas Staatsfonds und die chinesische Zentralbank im Juni trotz der mickrigen Renditen für umgerechnet 4,0 Milliarden Euro japanische Wertpapiere gekauft haben sollen. Insgesamt kann somit vermutlich konstatiert werden, dass der Yen derzeit einfach nur die Rolle des Einäugigen unter den Blinden inne hat.
Wie es Mildred Hager von der Erste Bank formuliert, spiegelt der Yen angesichts der allgemein eingetrübten Konjunkturerwartungen sowohl eine erhöhte Risikoaversion als auch die erwartet niedrige Zinsdifferenz wieder. Und weil sich daran zunächst nichts ändern dürfte, könnte sich der Yen auch noch weiter befestigen. „Dies sollte sich erst ändern, wenn sich eine klare Erholung der Konjunktur und des Arbeitsmarktes in Amerika sowie eine damit einhergehende Zinserhöhungen abzeichnen, was an den Märkten nicht allzu bald erwartet wird“, so Hager.