20.03.2006 · Der ungarische Forint ist in der Vorwoche auf den tiefsten Stand seit mehr als zwei Jahren gefallen. Die ungelösten strukturellen Defizite des Landes machen die Währung auch weiterhin anfällig für spekulative Attacken.
Am 24. Oktober hatte FAZ:NET bereits schon einmal auf Faktoren aufmerksam gemacht, die den Kurs der ungarischen Landeswährung gefährden (Über dem Forint schwebt ein Damoklesschwert). Im Laufe des März' hat sich eindrucksvoll gezeigt, wie berechtigt die damals zum Ausdruck gebrachten Bedenken waren.
Auf die Entscheidung der Europäischen Zentralbank, den Leitzins um 25 Basispunkte auf 2,5 Prozent zu erhöhen, reagierten zwar auch die meisten anderen Ostwährungen mit einem Schwächeanfall. Das Minus von 4,6 Prozent, das aber der Forint zwischen dem 2. und dem 14. März einstecken mußte, war aber der höchste Abschlag. In der Spitze wertete die ungarische Landeswährung zum Euro bis auf 266,29 Forint ab, was der schwächsten Notiz seit dem 10. Februar 2004 gleichkommt.
Die seit März 2005 verbuchte Abwertung beläuft sich nach sechs Verlustwochen in Folge mittlerweile auf fast zehn Prozent. Die Gefahr ist groß, daß die Verluste noch stärker ausfallen werden. Denn die strukturellen volkswirtschaftlichen Probleme des Landes sind noch immer nicht gelöst. Sie haben sich im Gegenteil zuletzt tendenziell sogar eher noch verschärft.
Notenbank sieht Wirtschaft kurz vor einem Herzanfall
Besserung dürfte auch nicht nach den am 9. April anstehenden Parlamentswahlen zu erwarten sein. Zur Zeit wird damit gerechnet, daß weder das bürgerliche noch das sozialdemokratische Lager einen entscheidenden Sieg erringen kann. Daher ist nicht damit zu rechnen, daß nach den Wahlen ein Bruch mit der Tradition der wirtschaftspolitischen Zyklen erfolgen kann.
Üblicherweise verfolgen die Regierungen in den ungefähr 18 Monaten vor dem Wahltermin eine expansive Wirtschaftspolitik, die für ein höheres Haushalts- und Leistungsbilanzdefizit sorgt. Üblicherweise wird auch im Wahlkampf nicht davon geredet und auch in diesem hat keiner der Spitzenkandidaten den Willen zur Konsolidierung zum Ausdruck gebracht.
Da allerdings die strukturelle Schwäche der ungarischen Volkswirtschaft mit ihrer hohen Auslandsverschuldung auf Dauer diesen Kurs nicht ermöglicht, wird einige Monate nach den Wahlen üblicherweise doch eine rund einjährige Sparpolitik eingeleitet. Dieser fällt allerdings um so vorsichtiger aus, je schwächer eine Regierung ist.
Ein Sparkurs wäre aber wieder einmal dringend erforderlich, um das doppelte Defizit wirkungsvoll zu bekämpfen. In den vergangenen vier Jahren waren die Bemühungen von noch weniger Erfolg gekrönt als sonst. Die Budgetziele wurde stets verfehlt und auch 2006 wird statt des zunächst anvisierten Defizits von 4,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukt eher ein Minus von fünf Prozent erwartet.
Die Notenbank drängt unterdessen auf einen Stabilisierungskurs. Notenbankpräsident Zsigmond Járai, der schon länger mit Ministerpräsident Gyurcsány einen offenen Konflikt wegen des wirtschaftspolitischen Kurses austrägt, sagte erst vor kurzem, daß die Wirtschaft kurz vor einem Herzanfall stehe. Auch die führenden Rating-Agenturen haben erst jüngst auf die Gefahr einer Rückstufung der ungarischen Kreditwürdigkeitsnote für den Fall hingewiesen, daß sich das doppelte Defizit weiter erhöhen sollte. Indes will kurz vor den Wahlen angesichts des Kopf-an-Kopf-Rennens von Regierung und Opposition keines der politischen Lagern mit der Propagierung eines unpopulären Sparkurses seine Wahlchancen beeinträchtigen.
Als Stütze für den Forint erweisen sich derzeit glücklicherweise noch die Zuflüsse aus ausländischen Direktinvestitionen. Außerdem hilft der nach wie vor bestehende Renditevorsprung. Die Leitzinsen von sechs Prozent (noch im März 2004 betrug der Satz sogar 12,5 Prozent) sind die höchsten auf dem europäischen Kontinent. Bis 2009 laufende Staatsanleihen werfen beispielsweise eine Rendite von immerhin 7,15 Prozent ab.
In den nächsten Monaten könnte das sogar noch etwas mehr werden, denn bei einer anhaltenden Forint-Schwäche dürfte die Notenbank trotz einer im Februar mit 2,5 Prozent durchaus akzeptablen Inflationsrate mit den ersten Zinserhöhungen seit zwei Jahren gegenzusteuern versuchen. Bei der Sitzung an diesem Montag wird allgemein trotz der jüngsten Schwäche aber noch mit keinem Zinsschritt gerechnet.
Viele Marktexperten meiden Anlagen in ungarischen Forint
Der Renditevorsprung ist für Investoren aber dann kein Trost, wenn sich der Forint weiter so deutlich abwerten sollte wie in den vergangenen zwölf Monaten. Denn dann werden die höheren Renditen durch die über die Wechselkursschiene eingefahrenen Verluste schnell aufgezehrt. Diese Gefahr veranlaßt immer mehr Fondsmanager dazu, trotz einer mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund elf auf Basis der für 2006 geschätzten Gewinne vergleichsweise niedrigen Bewertung des Aktienmarktes einen Bogen um die ungarischen Finanzmärkte zu machen. Mit Verweis auf die strukturellen Probleme meiden beispielsweise Osteuropafondsmanager wie Tim Drinkall von Gustavus Capital oder Stefan Böttcher von Charlemagne Capital momentan ungarische Aktien komplett.
Und auch die Strategen der Citigroup haben erst in der Vorwoche ihren Kunden dazu geraten, ungarische Aktien zu meiden. „Auf unserer Liste potentiellen Unheils in der Region steht Ungarn weiter nahe an der Spitze“, erklärten die Strategen Andrew Howell und Geoffrey Dennis. Das voraussichtliche Haushaltsdefizit Ungarns veranschlagen die Experten in ihrem Bericht für dieses Jahr auf mehr als sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das dürfte nicht zu hoch gegriffen sind. Denn es zeichnet sich ab, daß sich bereits nach dem ersten Quartal das Defizit auf fast 700 Milliarden Forint beläuft, womit nach einem Viertel der Zeit bereits mehr als 45 Prozent des für das Gesamtjahr veranschlagten Defizits erreicht wäre.
Keine Alternative zum Stabilisierungskurs
Diese Entwicklung beunruhigt auch die Strategen von Goldman Sachs, die vor wenigen Tagen empfohlen haben, den ungarischen Forint zu verkaufen. Neben dem Staatsdefizit begründen sie diesen Rat auch mit dem Leistungsbilanzdefizit, das sie für 2006 gemessen am Bruttoinlandsprodukt auf neun Prozent taxieren. Wer dem Tip von Goldman Sachs folgen und den ungarischen Forint verkaufen will, der steht allerdings vor dem Problem fehlender Handlungsalternativen. Es gibt zwar Zertifikate, die Wetten auf einen steigenden Forint erlauben, wer aber auf eine fallende ungarische Landeswährung setzen will, der sucht im Produktangebot der Zertifikate-Emittenten bisher vergeblich.
Ein Trost bleibt angesichts der stark angeschlagenen makroökonomischen Lage. Gleich wie die Wahlen im April ausgehen werden, es wird der neuen ungarischen Regierung gar nichts anderes übrig bleiben, als spätestens 2007 abermals einen Stabilisierungskurs einzuschlagen. Dieses Muster des Wechsels von stabilitätsorientierter und expansiver Wirtschaftspolitik ist bislang partei- und sogar systemübergreifend seit sechs Jahrzehnten zu verzeichnen, so daß sich daran wenig ändern dürfte.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06 % |
| Silber | 28,24 $ | +0,57 % |
| Platin | 1.430,00 $ | +0,92 % |
| Palladium | 592,00 $ | +0,34 % |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14 % |
| Gas | 0,53 £ | −0,56 % |
| Kaffee | 1,68 $ | +1,27 % |
| Zucker | 0,20 $ | +0,36 % |
| Orangensaft | 1,09 $ | +0,32 % |
| AMEX GOLD BUGS | 601,37 | -- % |
| AMEX OIL | 1.151,96 | -- % |
| Rogers International | 24,14 | +0,50 % |