Die norwegische Krone zählt zu jenen Währungen, die im Verhältnis zum Dollar wie zum Euro in den vergangenen Monaten an Boden gutgemacht haben. Gegenüber der europäischen Einheitswährung ist die nordische Devise binnen Jahresfrist um vier Prozent hochgelaufen. Mußten Anfang November 2004 noch 8,17 Kronen für einen Euro ausgegeben werden, so genügen derzeit 7,77 Kronen. Und es könnten noch weniger werden.
Denn die Krone bewegt sich weiter im Aufwertungstrend. Dieser wiederum wird von mehreren günstigen Einflüssen genährt. Zum einen profitiert Norwegen als drittgrößter Ölproduzent der Welt von der Hausse bei den Preisen für Energieträger, besonders Erdöl und Gas. Die hat zweitens zu verstärkten Käufen norwegischer Ölaktien wie Statoil und Norsk Hydro geführt. Diese wiederum sind in Kronen zu bezahlen, was die Nachfrage nach der Währung verstärkt. Ein Leistungsbilanzüberschuß ist ein weiterer Grund. Und nicht zuletzt kommt der Krone die anhaltende Spekulation auf weiter steigende Leitzinsen zupaß.
„Zinsniveau angesichts des Wachstums zu niedrig“
Die norwegische Zentralbank hat zuletzt am 30. Juni die Leitzinsen von zwei Prozent auf 2,25 Prozent angehoben. Und in den folgenden Monaten den Boden für weitere Zinsschritte nach oben bereitet. Zwar ist die Inflation aufgrund der Aufwertung der Landeswährung kein Problem, obwohl sie im September mit 1,3 Prozent um einen Prozentpunkt höher lag als vor Jahresfrist und 2006 bei 1,5 Prozent erwartet wird. Allerdings machen die Norweger angesichts des Öl-Booms und des starken Wirtschaftswachstum fleißig Schulden.
336 Milliarden Kronen haben sie inzwischen an Verbindlichkeiten angehäuft, während das Bruttoinlandsprodukt bei 263 Milliarden liegt, wie Bloomberg News aufzählt. Und der kleine Zinsschritt im Frühsommer hat die Norweger nicht davon abgehalten, nach weiteren Krediten nachzufragen. Daß dieser Trend anhält, ist zwar umstritten. „Das Kreditwachstum ist einige Zeit unerwartet hoch ausgefallen. Diese Raten sind aber nicht nachhaltig“, meint Jan Andreassen, Volkswirt bei Terra Fonds in Oslo, laut Bloomberg. Andererseits sagt Elisabeth Holvik von der schwedischen Großbank SEB: „Das Zinsniveau ist zu niedrig, wenn man die Stärke des Wirtschaftswachstums in Betracht zieht.“
Merrill Lynch: Euro kostet im März nur noch 7,3 Kronen
Die nationale Wirtschaft wird, befeuert vom Öl-Boom, dieses Jahr um 3,75 Prozent wachsen und damit fast dreimal so stark wie Euroland, wie die norwegische Notenbank schätzt. Dies wäre das stärkste Wachstumstempo seit fünf Jahren. Angesichts dessen wetten Anleger am Rentenmarkt nicht nur auf eine Zinserhöhung an diesem Mittwoch, sondern auf mindestens einen weiteren Zinsschritt. Dies folgt aus der Rendite von gut 2,6 Prozent, die im Dezember fällige Terminkontrakte abwerfen, wie Bloomberg vorrechnet.
Vor diesem Hintergrund sieht die Investmentbank Merrill Lynch die Krone als deutlicher unterbewerteter an als den Euro. Analystin Emma Lawson sieht den Euro auf 7,4 Kronen bis Jahresende und auf 7,3 Kronen bis Ende März nächsten Jahres nachgeben.
Eingedämmt werden könnte die Aufwertung der nordischen Devise auf mittlere Sicht indes durch eine Leitzinserhöhung in Euroland. Aufgrund gestiegener Inflationsgefahren und Anzeichen für einen sich verfestigenden Konjunkturaufschwung rechnen die Volkswirte der Dekabank für Dezember und das erste Quartal 2006 mit einem kleinen Zinsschritt nach oben.