06.12.2009 · Thomas Meyer ist der neue Chefvolkswirt der Deutschen Bank. In seinem ersten Interview warnt er vor der Inflation. Sie könne in Zukunft in Richtung 5 Prozent gehen, glaubt er. Meyer empfiehlt Gold - obwohl es extremen Preisschwankungen unterliege.
Der 55 Jahre alte Thomas Mayer ist der Nachfolger von Norbert Walter als Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Er war bislang Europa-Chefvolkswirt der Bank mit Sitz in London. Obgleich Mayer wie Walter seine Sporen als Ökonom am liberalen Kieler Institut für Weltwirtschaft erworben hat, ist er ein Volkswirt anderen Schlages.
Während Walter ein Ökonom alter Schule ist, auf dessen Agenda neben wirtschaftlichen auch politische und gesellschaftliche Themen weit oben standen, hat Mayer prägende Jahre bei der Investmentbank Goldman Sachs verbracht und gilt als ausgesprochen kapitalmarktorientiert.
In seinem ersten Interview warnt er vor der Inflation. Sie könne in Zukunft in Richtung 5 Prozent gehen, glaubt er - und empfiehlt Gold.
Herr Mayer, Sie sind künftig der neue Norbert Walter?
Ich bin sehr stolz darauf, Nachfolger von Norbert Walter als Chefvolkswirt der Deutschen Bank zu sein. Es ist eine sehr herausfordernde und spannende Aufgabe.
Norbert Walter hatte für das laufende Jahr vorhergesagt, dass die Wirtschaft um fünf Prozent schrumpft. Sind Sie fürs kommende Jahr auch noch pessimistisch?
Nein, ich rechne damit, dass der Aufschwung sehr robust wird. In Deutschland wird die Wirtschaft im kommenden Jahr um zwei Prozent wachsen – und damit deutlich mehr als im Euroraum. 2011 wächst Deutschland dann um voraussichtlich 1,4 Prozent. Die Bundesrepublik wird also zur Wachstumslokomotive Europas. Und das nach einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um fünf Prozent in diesem Jahr. Da hatte Norbert Walter mit seiner Prognose zum Jahresbeginn also vollkommen recht. Obwohl er damals sehr gescholten wurde.
Ist die Gefahr von Rückschlägen groß?
Wir schätzen den Aufschwung als ganz solide ein, zumindest im kommenden Jahr. Es gibt einen Umschwung ins Positive in der Weltwirtschaft. Ich schätze aber, dass es eine sinusförmige Konjunkturkurve geben wird: Zunächst geht es 2010 einmal relativ robust aufwärts, dann wird es aber 2011 und 2012 noch kleine Dellen geben.
Befürchten Sie noch Rückschläge für die Wirtschaftsentwicklung durch die Banken?
Wir haben dazu intensive Studien gemacht und unsere Situation mit der in Japan und Schweden nach den jeweiligen Finanzkrisen verglichen. In Schweden ging es nach der Krise Anfang der 90er Jahre relativ schnell wieder aufwärts, weil die Schäden am Finanzsystem schnell beseitigt wurden. In Japan dauerte es fast ein Jahrzehnt. Nach unserer Einschätzung liegt unsere Entwicklung jetzt näher bei der Schwedens als bei der Japans.
Warum?
Es scheint, dass es weltweit gelungen ist, das Bankensystem zu stabilisieren. Deshalb fällt der Aufschwung jetzt robuster aus, als viele erwartet hatten.
Ziehen uns dabei Länder wie China aus dem Sumpf?
Die Schwellenländer spielen die entscheidende Rolle. Ohne sie hätten Deutschland und Japan jetzt keinen Aufschwung.
Jetzt gab es ja einen herben Rückschlag in Dubai, der weltweit die Anleger verunsicherte. Ist das schon ausgestanden oder kommen noch weitere Folgen auf die Weltwirtschaft zu?
Ich denke, das ist ausgestanden. Dubai ist weltweit betrachtet ein relativ kleines Problem. Die gesamte Staatsschuld von Dubai beträgt etwa 75 Milliarden Dollar. Die Dimension ist nicht so groß, dass sie eine Bedrohung für die globale Wirtschaft darstellt.
Halten Sie es denn für realistisch, dass es in nächster Zeit noch Staatsbankrotte geben wird?
Ich denke nicht. Man kann das natürlich aber niemals ausschließen. Denn eine Erfahrung aus der Krise ist, dass Ereignisse, die alle für unwahrscheinlich halten, häufiger vorkommen, als man denkt.
Gibt es denn Länder, die uns in dieser Hinsicht Sorgen machen müssen? Dubai und Griechenland?
Die Märkte, also die Anleger, machen sich offenkundig Sorgen um Griechenland und Dubai. Von einem Staatsbankrott kann man aber hier nicht ausgehen.
Gibt es weitere Länder?
Viele Länder haben sich viel zu stark verschuldet. Aber einen Pleitekandidaten sehe ich nicht.
Müssen sich Anleger, die Anleihen von stark verschuldeten Staaten halten, in Acht nehmen?
Auf jeden Fall. Anleger müssen befürchten, dass Länder nicht rechtzeitig aus den Notfallprogrammen der Finanzkrise aussteigen und das billige Geld nicht rechtzeitig wieder einziehen. Daraus kann sich Inflation entwickeln. Das trifft vor allem Anleger mit länger laufenden Anleihen.
Wann wird denn die Inflation steigen und wie stark?
Die Inflation wird schon in den nächsten Monaten wegen Basiseffekten wieder zunehmen. Das zeichnet sich schon ab.
Heißt das, Benzin, Lebensmittel und Mieten werden wieder erheblich teurer?
Nein, zumindest nicht in absehbarer Zeit. Wir rechnen damit, dass die Notenbanken die Zinsen anheben werden, um die Inflation in den Griff zu bekommen. 2011, 2012 wird die Inflationsrate wieder stabil sein. In fünf bis zehn Jahren aber kann das anders sein. Dann könnte die Inflationsrate durchaus in die Richtung von 5 Prozent steigen.
Wann wird die Europäische Zentralbank denn die Zinsen voraussichtlich anheben?
Wir rechnen damit, dass sie den Leitzins im dritten Quartal 2010 gleichzeitig mit der amerikanischen Fed anhebt. Bis zum Jahresende werden die Zinsen im Euroraum um einen Prozentpunkt auf zwei Prozent steigen.
Was hat das für Auswirkungen für Anleger?
Die Sparer kriegen auf Tages- und Festgeld wieder mehr Zinsen. Anleihen werden tendenziell weniger attraktiv.
Was würden Sie einem Anleger empfehlen, der sich jetzt nach Ihrer Prognosen richten will?
Ich würde dazu raten, bei Aktien und Staatsanleihen aus Schwellenländern einzusteigen. Es wäre zwar besser gewesen, man hätte das schon im Frühjahr zu niedrigen Kursen gemacht. Aber es geht immer noch. Die höchsten Wachstumsraten haben wir in Asien, da bieten sich Aktienanlagen an. Und bei Staatsanleihen ist etwa Brasilien interessant. Da bekommt man zurzeit über neun Prozent. Solange der brasilianische Real nicht abwertet, und damit rechne ich nicht, ist das eine sehr attraktive Anlage.
Was halten Sie von europäischen Anleihen?
Anleihen von Unternehmen aus Industrieländern, die auch in Schwellenländern aktiv sind, sind interessant. Bei Staatsanleihen nur solche, die inflationsindexiert sind, mit zunehmender Inflation also an Wert gewinnen.
Und lohnt es sich immer noch, in Gold zu investieren?
Der Goldpreis unterliegt immer extremen Schwankungen. Aber im Trend wird er nach unserer Einschätzung weiter steigen.
Und der Euro? Steigt der weiter gegenüber dem Dollar, oder ist das bald vorbei?
In den nächsten Monaten wird der Euro weiter steigen. In Richtung 1,55 Dollar oder darüber. Gegen Mitte 2010 erwarte ich allerdings, dass der Dollar ein Comeback erlebt. Ich sehe den Euro dann bei rund 1,40 Dollar.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| Gold | 1.558,00 $ | +1,17 % |
| Silber | 28,10 $ | +1,52 % |
| Platin | 1.412,00 $ | −0,07 % |
| Palladium | 610,00 $ | +2,35 % |
| Rohöl Brent Crude | 99,95 $ | −1,64 % |
| Gas | 0,53 £ | −1,98 % |
| Kaffee | 1,61 $ | −1,89 % |
| Zucker | 0,19 $ | −0,05 % |
| Orangensaft | 1,11 $ | +1,42 % |
| AMEX GOLD BUGS | 601,37 | -- % |
| AMEX OIL | 1.151,96 | -- % |
| Rogers International | 24,14 | +0,50 % |