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Der Sonntagsökonom Wechselkurse sind nicht so wichtig

01.02.2004 ·  Vor dem Treffen der Finanzminister und Notenbankgouverneure der sieben großen Industriestaaten wird wieder viel über Wechselkurse debattiert. Dabei haben diese in großen Währungsräumen längst nicht mehr die Bedeutung.

Von Patrick Welter
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Am Freitag treffen sich die Finanzminister und Notenbankgouverneure der sieben großen Industriestaaten (G7) in Boca Raton in Florida. Im Mittelpunkt der Gespräche werden die Wechselkurse stehen. Der amerikanische Dollar hat sich gegenüber dem Euro in den vergangenen Monaten deutlich und gegenüber den asiatischen Währungen kaum abgewertet.

Die Europäer werden die Amerikaner auffordern, sie sollten ihre Staatsverschuldung zügeln und die fiskalische und monetäre Aufblähung ihrer Wirtschaft stoppen. Das große Leistungsbilanzdefizit, die Differenz zwischen Einfuhr und Ausfuhr, müsse verringert werden, um einen Absturz des Dollar zu vermeiden. Die Amerikaner werden den Europäern vorhalten, sie müßten mehr tun, um ihre Wirtschaft in Schwung zu bringen. Dann hätten sie auch keine Probleme mit einem starken Euro.

Diese Ermahnung kann bis zur Aufforderung an die Europäische Zentralbank gehen, den Leitzins zu senken. Gemeinsam mit den Amerikanern werden die Europäer Japan und dem nicht anwesenden China vorhalten, durch eine Politik der niedrigen Wechselkurse ihre Wirtschaft anzukurbeln - auf Kosten amerikanischer und europäischer Ausfuhrchancen.

Aller Voraussicht nach enden die G-7-Gespräche in einem verschwommenen Kommunique, über dessen Interpretation teuer bezahlte Devisenhändler und Anlagestrategen sowie kluge Volkswirte einige Wochen grübeln werden. Die Unsicherheit und die Schwankungen der Wechselkurse werden zunehmen. Das Ergebnis nennt man internationale Koordinierung der Geld- und Währungspolitik.

Viele Vorschläge, wenig Klarheit

Aus Angst vor einem Dollar-Kollaps wünschen sich viele, daß die G-7-Finanzminister diesmal mehr machen. Zum Glück sind jedoch die Vorschläge so durcheinander, daß eine Einigung unmöglich scheint. Sollten etwa die Europäer ihre Geldpolitik lockern, um eine Aufwertung des Euro zu verhindern? Das hieße, es Amerikanern und Asiaten gleichzutun. Es ist aber ein Ding der Unmöglichkeit, daß der Dollar nicht steigen soll, der Yen nicht steigen soll und zugleich der Euro nicht steigen soll. Dies zu versuchen mündete in einen Abwertungswettlauf und in eine Inflationsspirale.

Eine ähnliche Qualität hat die popökonomische Vermutung, die Amerikaner müßten ihr Leistungsbilanzdefizit abbauen, weil dieses nicht "nachhaltig" sei. Es gibt gute Gründe für die These, daß angesichts der höheren Produktivität der dortigen Wirtschaft eigentlich noch mehr Kapital nach Amerika fließen müßte und wird.

Dann ist da noch der Vorschlag, die Wechselkurse seien durcheinandergeraten, und ein Überschießen müsse durch Dollar-Käufe und Euro-Verkäufe verhindert werden. Es gibt keine volkswirtschaftliche Theorie, die das richtige Niveau von Wechselkursen bestimmen kann oder die eine künftige Kursentwicklung hinreichend vorhersagt. Würfeln liefert ähnlich brauchbare Ergebnisse wie alle ökonomische Weisheit. Niemand weiß, ob der Dollar schon tief genug gefallen ist. Niemand kann sagen, ob der Euro weiter steigen wird. Sicher ist allein, daß Interventionen an den Devisenmärkten nur Erfolg haben, wenn die Geldpolitik sie stützt. Das geldpolitische Ziel der Preisstabilität müßte zugunsten einer ungewissen Wechselkursstabilität aufgegeben werden. Wer den Euro schwächen will, der gefährdet die Preisstabilität im Euro-Raum. Die Geldpolitik kann nicht zwei Herren zugleich dienen.

In Boca Raton steht kein Louvre

In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre glaubten Notenbanker und Finanzminister, mehr über angemessene Wechselkurse zu wissen als die Märkte. Erst wurde am 2.September 1985 im Plaza-Hotel in New York vereinbart, den stark aufgewerteten Dollar durch Interventionen zu schwächen. Ob die folgenden Dollar-Verkäufe etwas genutzt haben, ist umstritten: Der Dollar-Kurs war schon vor dem Plaza-Agreement ins Rutschen gekommen. Dann, bei einem Kurs von etwa 1,80 D-Mark je Dollar (heute: 1,09 Dollar je Euro), beschlossen die damaligen G6 am 22.Februar 1987 im Louvre-Palast in Paris, jetzt sei es genug, und sie versprachen, den Dollar zu stützen. Der Louvre-Accord scheiterte auch daran, daß die Bundesbank erkannte, daß innere Preisstabilität wichtiger ist als ein stabiler Wechselkurs.

Weniger die Amerikaner, aber viele Europäer nehmen den Dollar- und den Euro-Kurs zu wichtig. In großen Währungsräumen wie Amerika und Europa haben die Wechselkurse längst nicht mehr die Bedeutung für die Wirtschaft, die in den deutschen, französischen oder italienischen Köpfen noch herumspukt. Deshalb ist es gut, daß in Boca Raton kein Louvre steht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.02.2004, Nr. 5 / Seite 30
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Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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