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EU-Austritt : Der Brexit gibt Rätsel auf

Brexit-Dilemma: Die Nation ist gespalten, die Märkte auch. Bild: AFP

London hat die Austrittserklärung in Brüssel eingereicht. Doch unter den Briten herrscht Uneinigkeit, ob der Brexit die richtige Entscheidung ist. Auch die Finanzmärkte sind tief gespalten.

          In Großbritannien hat der Countdown für den Brexit begonnen: Die Regierung in London hat Ende März ihre formelle Austrittserklärung in Brüssel eingereicht. Aller Voraussicht nach wird das Vereinigte Königreich damit im Frühjahr 2019 die EU verlassen. Die Briten sind nach wie vor tief gespalten darüber, ob der Alleingang nun eine historische Chance für das Land ist, wie die Brexit-Befürworter sagen, oder aber zum wirtschaftlichen Debakel wird, wie die Gegner warnen. Wer sich die Finanzmärkte anschaut, der stellt fest: Auch an den Märkten beurteilen in diesem Frühjahr die Anleger den Brexit ganz unterschiedlich.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Brexit-Pessimisten sehen sich durch den Devisenmarkt in ihren Befürchtungen bestätigt. Das britische Pfund hat seit dem Austrittsvotum beim Referendum am 23. Juni vergangenen Jahres einen dramatischen Schwächeanfall erlitten – und sich seither nicht erholt. Seit dem Volksentscheid hat die britische Währung gegenüber dem Euro um gut 10 Prozent abgewertet. Seit dem Sommer 2015 gerechnet, büßte sie sogar mehr als 20 Prozent an Wert ein. Auch gegenüber dem Dollar schwächelt das Sterling.

          Bild: F.A.Z.

          Die Teilnehmer am Devisenmarkt bestrafen die britische Währung also weiterhin mit einem Risikoabschlag für den bevorstehenden Brexit. Zwar hat sich die britische Wirtschaftskonjunktur bisher deutlich besser behauptet, als viele Ökonomen vor dem Referendum vorausgesagt hatten:

          Die befürchtete Rezession nach Schock-Votum für den Austritt ist bisher ausgeblieben. Aber erholt hat sich das Pfund dennoch nicht. Die Investoren am Devisenmarkt erwarten also offensichtlich weiterhin, dass der Brexit zu einem wirtschaftlichen Rückschlag in Großbritannien führen wird – nur eben später als angenommen. Analysten vergleichen die Entwicklung mit einem „schleichenden Plattfuß“ an einem Autoreifen, aus dem langsam aber unausweichlich die Luft entweiche.

          Investoren sehen EU-Austritt gelassen

          Interessant allerdings ist: Während der Devisenmarkt nach wie vor Brexit-Gefahr signalisiert, scheinen die Investoren am britischen Aktienmarkt den EU-Austritt derzeit deutlich gelassener zu sehen. Seit Jahresanfang sind sie erkennbar optimistischer geworden, dass die britische Wirtschaft den Brexit ganz gut verkraften werde. Die Aktienkurse von britischen Unternehmen, die stark vom Heimatmarkt abhängig sind, haben sich im ersten Quartal jedenfalls gut entwickelt.

          Bild: F.A.Z.

          Der breit angelegte Londoner Aktienindex FTSE250 enthält die Papiere von relativ vielen auf den Heimatmarkt orientierten kleineren Unternehmen – und ist seit Anfang Januar um mehr als 6 Prozent gestiegen. Damit hat das Börsenbarometer fast dreimal so stark zugelegt wie der britische Leitindex FTSE100.

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          Brexit-Skepsis dominiert Anleihemarkt

          Dieser wird stark von internationalen Großkonzernen mit häufig geringer Abhängigkeit von Großbritannien dominiert. Das bedeutet: Während die Anleger am Aktienmarkt in den Monaten nach dem Referendum Unternehmen mit Britannien-Fokus aus Furcht vor einem Konjunktureinbruch abgestoßen haben, sehen viele bei solchen Titeln mittlerweile wieder Kaufgelegenheiten. Am Anleihemarkt wiederum scheint weiterhin die Brexit-Skepsis zu dominieren.

          Die Renditen britischer Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit sind in den vergangenen Monaten jedenfalls trotz einer kräftig steigenden Inflationsrate auf der Insel deutlich gesunken. Sie sind von 1,5 Prozent Anfang Dezember auf derzeit 1,1 Prozent gefallen. Normalerweise würde man dagegen erwarten, dass die Anleiherenditen angesichts des Preisauftriebs klettern. Denn in solch einem Umfeld wächst in der Regel die Wahrscheinlichkeit, dass die Notenbank den Leitzins erhöht, um die Inflation einzudämmen.

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          Doch die Lesart vieler Anleihe-Investoren ist bislang wohl eine andere: Sie rechnen offenbar damit, dass die Notenbanker weiterhin mit einem Brexit-Dämpfer für die Konjunktur rechnen und deshalb davor zurückschrecken werden, den Leitzins zu erhöhen – was wiederum erklärt, weshalb die Anleiherenditen nicht steigen. Die widersprüchlichen Signale vom Devisen-, Aktien- und Anleihemarkt zeigen zumindest eines:

          Der Brexit ist nicht nur für Europas Politiker und die Diplomaten in London und Brüssel Neuland, sondern auch für die Anleger. Wenn der Austritt zum Erfolg wird, dann wird das über kurz oder lang wohl nicht nur britischen Aktienkursen, sondern auch dem Pfund Auftrieb geben. Deutsche Anleger, die jetzt auf der Insel kaufen, könnten also doppelt belohnt werden. Mehren sich dagegen die Hinweise, dass der Brexit dem Land wirtschaftlich schadet, dürften nicht nur die Londoner Aktienkurse schwächeln, sondern auch das Pfund noch stärker an Wert verlieren.

          Quelle: F.A.Z.

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