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Veröffentlicht: 15.12.2016, 16:28 Uhr

Umtausch von heute auf morgen Das indische Bargeld-Experiment

Im Hauruckverfahren schafft Indien einen Großteil seines Bargeldes ab, um die Korruption zu bekämpfen. Nun herrscht Chaos im Land. Und wieder einmal leiden die Armen.

von
© Imago Vor indischen Bankfilialen wie hier in Kalkutta gibt es lange Schlangen.

Der Teeplantagenbesitzer im indischen Darjeeling kann seinen Zorn kaum zurückhalten. Voller Wut platzt es aus ihm heraus: „Dank unserer angeblich so wirtschaftsfreundlichen Regierung müssen wir um unser eigenes Geld betteln. Ich fühle mich, als sei ich mitten in einer Art Sowjet-Albtraum gelandet.“ Was den Mann so aufbringt, ist die veritable Geld-Revolution, die in diesen Wochen Indien durcheinanderwirbelt.

Christoph Hein Folgen:

Vor einem Monat hatte Indiens Ministerpräsident Narendra Modi die größte Wette seines politischen Lebens gewagt: Über Nacht ließ er 86 Prozent des Papiergeldes Indiens für wertlos erklären. Die beiden gängigsten Banknoten im Wert von 500 Rupien (6,90 Euro) und 1000 Rupien (13,80 Euro) müssen bis zum 30. Dezember in neue Scheine getauscht werden. Der Austausch der Banknoten soll die grassierende Korruption verbannen. Jeder, der nun größere Summen wechselt, muss sich registrieren lassen. Modi will außerdem fälschungssichere Banknoten einführen. Und auf lange Sicht sein Land als erstes in der Welt zu einer bargeldlosen Wirtschaft machen.

Aber das ungeheuerliche Experiment, das von der Regierung als Schritt in ein neues Zeitalter beworben wird, hat zunächst zu Chaos und Betrug in Asiens drittgrößter Volkswirtschaft geführt. Es lässt ausgerechnet jene leiden, die ohnehin schon am wenigsten haben. Die allerdings sind das Leiden so gewohnt, dass sie - zumindest für indische Verhältnisse - noch nicht lautstark protestieren.

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Wie geht es zu in diesem Land? Vor den Bankfilialen und Geldautomaten haben sich über Wochen riesige Schlangen gebildet. Rund 70 Menschen verloren in dem Chaos vor den Schaltern bereits ihr Leben. Der Tausch geht nur in winzigen Portionen oder über die Registrierung der Einzahlung auf das eigene Konto vonstatten - damit wird der bisherige Barbesitz offengelegt für die Behörden.

„Minimaler Erfolg, maximales Leid“

Im Alltag wurschteln sich die Inder in jahrzehntelang erprobter Art durch, Gemüsehändler lassen Zwiebeln anschreiben und Autohäuser vergeben nach wie vor länger währende Kredite. Dass das von Modi verkündete Ziel, die Korruption mit seinem Bargeld-Experiment auszumerzen, aufgeht, wird rund um die Welt freilich immer lauter bezweifelt. Was dagegen sicher erscheint, ist ein Rückgang des Wachstums in Indien.

Dass trotzdem noch nicht im ganzen Land protestiert wird, hat auch mit Regierungschef Modi selbst zu tun, der ein großer Demagoge ist. Er ruft den Menschen zu: „Durch diese Entscheidung haben wir das Leben einiger völlig ruiniert - so habe ich sie bestraft. Weil sie die Armen geplündert haben, die Mittelschicht. Sie haben euer Geld gestohlen, um ihre Geschäfte zu machen. Deshalb habe ich diese Schlacht begonnen.“ Anders gesagt: Modi tut so, als richteten sich seine Maßnahmen vor allem gegen die Reichen des Landes. Die Menschen scheinen ihm zu glauben, und die Last des teilweise tagelangen Schlangestehens vor den Geldautomaten auf sich zu nehmen. Hier liegt die Perfidie: Die Armen im Lande glauben, der Austausch des Geldes komme ihnen zugute. Dafür werden sie Modi vielleicht sogar ihre Stimme geben.

Wie die Dinge wirklich liegen, sagen aber Oppositionspolitiker und Ökonomen ganz offen. Von „monumentalem Missmanagement“ spricht beispielsweise Manmohan Singh, der frühere Wirtschaftsreformer und indische Ministerpräsident. „Jene, die sagen, die Maßnahme schmerze kurzfristig, sei aber im langfristigen Interesse unseres Landes, seien an die Worte des Ökonomen John Maynard Keynes erinnert: Langfristig sind wir alle tot“, ätzt Singh.

Er bekommt Rückendeckung von zwei Nobelpreisträgern. „Ich verstehe die Idee, aber sie bringt die Wirtschaft fast zum Stillstand. Ich kann kaum langfristige Gewinne erkennen, aber es gibt ganz sicher hohe, wenn auch zeitlich begrenzte Kosten“, kritisiert Paul Krugman das Vorhaben Modis. Sein indischstämmiger Kollege Amartya Sen bezeichnet die Regierungspolitik schlicht als „despotisch und autoritär“. Sen wettert: „Diese Entscheidung bringt minimalen Erfolg, aber maximales Leid.“ Die Analysten von Deutscher Bank und Credit Suisse kamen unabhängig voneinander zu der Einschätzung, dass das Trockenlegen des Bargeldbestandes Indien rund einen Prozentpunkt Wachstum kosten werde.

Schwarzgeld waschen geht immer noch

Trotzdem gelingt es Modi, seine Maßnahmen als Erfolg zu verkaufen, weil jeder im Lande weiß: Die Bestechung floriert in Indien, weil die Voraussetzungen dafür stimmen. Indien ist nämlich eine Bargeld-Gesellschaft. Bislang werden rund 90 Prozent des Handels in Asiens drittgrößter Volkswirtschaft in bar abgewickelt. Von rund 15 Millionen Geschäften gibt es nur 1,4 Millionen mit Lesegeräten für Kreditkarten. Rund eine Viertelmilliarde Inder haben kein Bankkonto.

Da der Barverkehr kaum überwacht werden kann, und weil auch Politiker traditionell ihre Stimmen kaufen lassen und Steuerhinterziehung und Schwarzgeldbesitz bislang kaum geahndet wurden, hat sich ein ganz eigenes Model herauskristallisiert: In dem Land mit fast 1,3 Milliarden Einwohnern zahlen nur 20 Millionen (und damit nur 1,6 Prozent der Menschen) überhaupt Einkommensteuer. Die Steuereinnahmen Indiens liegen bei weniger als sechs Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Ein Prozent der Inder hält 58,4 Prozent des gesamten Wohlstands des Landes, die obersten zehn Prozent 81 Prozent - nur in Russland ist die Verteilung noch ungleicher.

Könnten Modis Pläne also nicht doch etwas bringen? Es sieht nicht danach aus. Denn Indien wäre nicht in dem Zustand, in dem es ist, hätten die Inder nicht Wege gefunden, die von der Regierung geschaffenen Hürden zu umschiffen. In Singapur beispielsweise, wo eine große indische Diaspora lebt, tauschen Geldwechsler die 1000-Rupien-Scheine für einen Wert von 40 Prozent - über ihr Hawala-Netzwerk (eine Art informelles, nicht immer legales Überweisungssystem) lassen sie das Geld dann in Indien in kleinen Portionen zum vollen Preis in neue Scheine tauschen und streichen 60 Prozent Gewinn ein. „Es ist überhaupt nicht einfach, Indien vom Schwarzgeld zu befreien. Die wirklich großen Spieler sind schwer zu bekommen“, kritisiert C. H. Venkatachalam, der Generalsekretär der Vereinigung der indischen Bankangestellten, das Vorgehen Modis.

Ein anderer Weg, sein Schwarzgeld auch unter den neuen Bedingungen reinzuwaschen, funktioniert so: Ein Fabrikant von Gasflaschen für den Haushalt erzählt im vertraulichen Gespräch, wie er seinen Bargeldbestand in Höhe von sieben Millionen Rupien (gut 960.000 Euro) los wird. Eine halbe Million Rupien konnte er bei Banken unterbringen, die ihm zurückdatierte Quittungen ausstellten. Der Priester eines Hindu-Tempels wechselte ihm 350 00 Rupien in großen Scheinen in 100-Rupien-Noten. Damit zahlte er 40 Angestellten, Fahrern und Wachen die Löhne für die nächsten Monate in bar aus. So können diese das Bargeld auf ihre Konten einzahlen, was aufgrund der geringeren Summen wenig Aufsehen erregt. Manche Fabrikanten geben ihren Arbeitern sogar frei, damit die nun die rasch in alten Geldscheinen vorausbezahlten Löhne auf ihre Konten legen. „Jeder Arme in Indien ist derzeit heiß begehrt bei Schwarzgeldbesitzern, deren Geld sich ohne dessen Einsatz in Luft auflösen würde“, sagt Prashant Thakur, ein Steuerbeamter in Kalkutta.

Notenbanker behalten kühlen Kopf

Modis Partei gibt an, dass Inder 250 Milliarden Dollar unversteuert auf Schweizer Konten versteckten - das aber sind eben nicht die kleinen Leute, die nun vor den Geldautomaten Schlange stehen. Umso unverständlicher, wieso Modi nun mit den neuen 2000-Rupien-Scheinen eine noch größere Banknote hat einführen lassen. Rund um die Erde werden, um Schwarzgeld zu bekämpfen, die großen Scheine gestrichen. „Wenn jetzt ein Beamter Geld von mir will, dann verlangt er halt die großen Banknoten. Das ist das einzige, was sich ändert“, sagt ein Geschäftsmann in Delhi.

Scheinheilig wirkt auch, dass die Regierung den Kampf gegen Schwarzgeld zum Beginn der bargeldlosen Wirtschaft deklariert. Gemeinsam mit Beratern und Software-Konzernen will sie das gesamte System umstellen - oder propagiert dies zumindest. Die treibende Kraft dahinter ist Nandan Nilekani, der Gründer des Datenkonzerns Infosys. Nilekani installierte mit riesigem Aufwand das Datenerfassungssystem Aadhaar, das jedem Inder einen Personalausweis und damit Zugang zu Sozialhilfen sichern sollte. Indien aber ist in Wahrheit nicht bereit für das bargeldlose Zeitalter: Das Land zählt bislang nur 250 Millionen Nutzer, die Smartphones besitzen, die für die Geldübertragung oder Bezahlung geeignet wären. Auf der anderen Seite gibt es rund 400 Millionen Menschen, die überhaupt kein Mobiltelefon benutzen.

Einen kühlen Kopf behalten haben in dem Chaos wenigstens die indischen Notenbanker: Sie entschieden am Mittwoch, den Leitzins von 6,25 Prozent entgegen Modis erklärten Willen nicht weiter zu senken. Zugleich senkte die Reserve Bank of India ihre Wirtschaftserwartungen: Der Bargeldentzug werde das „Wachstum nach unten drücken“.

Wann sie vom Einzug des Geldes gehört hatten, wollten die Banker freilich nicht sagen. Es wäre interessant gewesen. Denn es hält sich das Gerücht, der weltweit anerkannte Notenbank-Präsident Raghuram Rajan sei im September deswegen zurückgetreten, weil er sich der Modi-Reform entgegengestellt habe.

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