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Umtausch von heute auf morgen : Das indische Bargeld-Experiment

Vor indischen Bankfilialen wie hier in Kalkutta gibt es lange Schlangen. Bild: Imago

Im Hauruckverfahren schafft Indien einen Großteil seines Bargeldes ab, um die Korruption zu bekämpfen. Nun herrscht Chaos im Land. Und wieder einmal leiden die Armen.

          Der Teeplantagenbesitzer im indischen Darjeeling kann seinen Zorn kaum zurückhalten. Voller Wut platzt es aus ihm heraus: „Dank unserer angeblich so wirtschaftsfreundlichen Regierung müssen wir um unser eigenes Geld betteln. Ich fühle mich, als sei ich mitten in einer Art Sowjet-Albtraum gelandet.“ Was den Mann so aufbringt, ist die veritable Geld-Revolution, die in diesen Wochen Indien durcheinanderwirbelt.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Vor einem Monat hatte Indiens Ministerpräsident Narendra Modi die größte Wette seines politischen Lebens gewagt: Über Nacht ließ er 86 Prozent des Papiergeldes Indiens für wertlos erklären. Die beiden gängigsten Banknoten im Wert von 500 Rupien (6,90 Euro) und 1000 Rupien (13,80 Euro) müssen bis zum 30. Dezember in neue Scheine getauscht werden. Der Austausch der Banknoten soll die grassierende Korruption verbannen. Jeder, der nun größere Summen wechselt, muss sich registrieren lassen. Modi will außerdem fälschungssichere Banknoten einführen. Und auf lange Sicht sein Land als erstes in der Welt zu einer bargeldlosen Wirtschaft machen.

          Aber das ungeheuerliche Experiment, das von der Regierung als Schritt in ein neues Zeitalter beworben wird, hat zunächst zu Chaos und Betrug in Asiens drittgrößter Volkswirtschaft geführt. Es lässt ausgerechnet jene leiden, die ohnehin schon am wenigsten haben. Die allerdings sind das Leiden so gewohnt, dass sie - zumindest für indische Verhältnisse - noch nicht lautstark protestieren.

          Wie geht es zu in diesem Land? Vor den Bankfilialen und Geldautomaten haben sich über Wochen riesige Schlangen gebildet. Rund 70 Menschen verloren in dem Chaos vor den Schaltern bereits ihr Leben. Der Tausch geht nur in winzigen Portionen oder über die Registrierung der Einzahlung auf das eigene Konto vonstatten - damit wird der bisherige Barbesitz offengelegt für die Behörden.

          „Minimaler Erfolg, maximales Leid“

          Im Alltag wurschteln sich die Inder in jahrzehntelang erprobter Art durch, Gemüsehändler lassen Zwiebeln anschreiben und Autohäuser vergeben nach wie vor länger währende Kredite. Dass das von Modi verkündete Ziel, die Korruption mit seinem Bargeld-Experiment auszumerzen, aufgeht, wird rund um die Welt freilich immer lauter bezweifelt. Was dagegen sicher erscheint, ist ein Rückgang des Wachstums in Indien.

          Dass trotzdem noch nicht im ganzen Land protestiert wird, hat auch mit Regierungschef Modi selbst zu tun, der ein großer Demagoge ist. Er ruft den Menschen zu: „Durch diese Entscheidung haben wir das Leben einiger völlig ruiniert - so habe ich sie bestraft. Weil sie die Armen geplündert haben, die Mittelschicht. Sie haben euer Geld gestohlen, um ihre Geschäfte zu machen. Deshalb habe ich diese Schlacht begonnen.“ Anders gesagt: Modi tut so, als richteten sich seine Maßnahmen vor allem gegen die Reichen des Landes. Die Menschen scheinen ihm zu glauben, und die Last des teilweise tagelangen Schlangestehens vor den Geldautomaten auf sich zu nehmen. Hier liegt die Perfidie: Die Armen im Lande glauben, der Austausch des Geldes komme ihnen zugute. Dafür werden sie Modi vielleicht sogar ihre Stimme geben.

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