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Bröckelnder Eurokurs Steht der Euro am Wendepunkt?

 ·  Schien es am Morgen noch, als ob der Eurokurs die Marke von 1,50 Dollar überspringen wolle, so hat sich die Situation deutlich verändert. Schwache Konjunkturdaten und Äußerungen aus EZB-Kreisen lassen eine weitere Aufwertung ungewiss erscheinen.

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Manchmal hat man den Eindruck, die Börsianer hätten bisweilen Angst vor der eigenen Courage. Schien der Euro nach neuen Rekordkursen im asiatischen Handel noch unaufhaltsam der „magischen Marke“ von 1,50 Dollar je Euro zuzustreben, so macht er am Morgen in Europa unversehens kehrt - und das nicht zu knapp.

Zu Handelsbeginn fiel der Kurs nicht nur rasch unter die Marke von 1,49 Dollar, sondern gleich unter 1,48 Dollar und hatte bei 1,4785 Dollar die seit Dienstag verzeichneten Kursgewinne wieder mehr als abgegeben. Derzeit schwankt die Währung um die Marke von 1,48 Dollar.

Ordonez sieht erhöhe Konjunkturrisiken

Eine unmittelbarer Auslöser lässt sich zwar nicht ausmachen, aber die Kursverluste dürften im Zusammenhang mit Äußerungen des EZB-Ratsmitglieds Miguel Angel Fernandez Ordonez stehen. Grundsätzlich seien die konjunkturellen Unsicherheiten in der Eurozone größer als üblich, sagte der spanische Notenbankchef vor dem Haushaltsausschuss des Landes und verwies in diesem Zusammenhang auch auf die anhaltenden Spannungen am Geldmarkt.

Die Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten dürften zu einer stärkeren Wachstumsabschwächung in der Eurozone sorgen als bislang angenommen. Zudem äußerte der Notenbanker, dass die Abschwächung der Wirtschaftsaktivität im Zuge der Finanzmarktturbulenzen den Inflationsdruck im Euroraum dämpfen könnte, was gegen weitere Zinserhöhungen durch die EZB spräche.

Diese Äußerungen verstärkten den schwachen Eindruck, den einige Konjunkturdaten in den vergangenen Tagen hinterließen. So sind die Auftragseingänge in der Industrie des Euroraums im September unerwartet niedrig gewesen. Im auftragsorientierten verarbeitenden Gewerbe gingen 1,6 Prozent weniger Aufträge ein als im Vormonat, Volkswirte hatten im Mittel einen Rückgang von lediglich ein Prozent erwartet.

Schwache Auftragseingänge in Europa

Gegenüber dem Vorjahresmonat stiegen die Auftragseingänge in der Eurozone im September um 2,0 Prozent und damit wesentlich schwächer als erwartet. Volkswirte hatten einen Zuwachs um 6,2 Prozent prognostiziert.

Auf Monatssicht gingen die Auftragseingänge in allen Bereichen zurück. Im Fahrzeugbau sank der Ordereingang in der Eurozone um 0,8 Prozent und in der gesamten EU um 2,6 Prozent. Der Maschinen- und Anlagenbau verzeichnete ein Minus von 1,7 Prozent und die chemische Industrie von 3,3 Prozent.

Zudem äußerten sich Volkswirte enttäuscht über die detaillierten Daten zur Entwicklung des deutschen Bruttoinlandsprodukts im dritten Quartal und gaben gleichzeitig skeptische Einschätzungen zur weiteren Wachstumsentwicklung. „Die größte Überraschung bei den Detaildaten ist das geringe Wachstum der Ausrüstungsinvestitionen“, erklärte Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Unerwartet sei auch die deutliche Abwärtsrevision für diese Komponente im zweiten Quartal gewesen.

Zweifel am deutschen Wachstum

Jörg Lüschow von der WestLB sagte, angesichts der erheblichen Belastungen, die auf die Wirtschaft zukämen, dürfte sich die Wachstumsdynamik abschwächen. Besonders auffällig war nach Einschätzung der Commerzbank die deutliche Abwärtsrevision der Ausrüstungsinvestitionen im zweiten Quartal. Das hier zunächst gemeldete Quartalswachstum von 2,5 Prozent wurde auf nur noch plus 0,9 Prozent revidiert. Angesichts der zum Jahreswechsel anstehenden Abschaffung der degressiven Abschreibung seien stärkere Vorzieheffekte bei den Investitionen erwartet worden, sagte Krämer. Für die schwache Entwicklung führte er zwei Erklärungen an: Der Anreiz für die Vorzieheffekte sei überschätzt worden, zudem könnte das unerwartet niedrige Wachstum auch Folge der EZB-Zinserhöhungen sein.

Die meisten Experten gehen gegenwärtig von einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums aus. „Der starke Euro und der hochschießende Ölpreis vergrößern die Fragezeichen hinter dem zukünftigen Momentum“, sagte Andreas Rees von HVB/UniCredit.

Flauer französischer Konsum

Am Freitag nun vermeldete das Statistische Bundesamt einen drastischen Einbruch der Baugenehmigungen in den ersten neun Monaten des Jahres. Von Januar bis September in Deutschland der Bau von 136.000 Wohnungen genehmigt, das waren 31,4 Prozent oder 62.100 Baugenehmigungen weniger als im Vorjahreszeitraum. Diese haben sich damit von der Änderung der Besteuerung und der Abschaffung der Eigenheimzulage noch immer nicht erholt.

Auch anderenorts gab es gedämpfte Nachrichten. So ist der private Verbrauch in Frankreich im Oktober gegenüber dem Vormonat weitaus deutlicher zurückgegangen als erwartet. Wie die Statistikbehörde Insee berichtet, fiel der Verbrauch - gemessen an den Käufen industrieller Güter - gegenüber dem Vormonat saisonbereinigt um 1,1 Prozent. Volkswirte hatten im Durchschnitt eine Abnahme um 0,2 Prozent prognostiziert.

Das könnte die EZB in eine Situation bringen, in der sie ihre grundsätzlich restriktive Zinspolitik überdenken muss und sogar der amerikanischen Notenbank folgen und die Zinsen senken könnte. Notenbankpräsident Trichet hält sich zwar noch bedeckt, verschärfte aber in den vergangenen Tagen die Rhetorik hinsichtlich der Wechselkursentwicklung.

„Scharfe Bewegungen sind nicht gut für das globale Wachstum“, sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am Freitag am Rande eines Bankenkongress in Frankfurt. „Und was wir nicht wollen, sind brutale Wechselkursbewegungen.“

Lohn-Preis-Spirale möglich

Allerdings gibt es ebenso viel Argumente und Konjunkturdaten, die für weitere Zinserhöhungen und damit einen stärkeren Euro sprechen. So gab Ordonez bei derselben Anhörung im spanischen Senat zu bedenken, dass zuletzt neue Inflationsrisiken aufgetreten seien. Der Anstieg der Öl- und Lebensmittelpreise habe im Oktober zu einer Beschleunigung der Jahresteuerung in fast allen Ländern der Eurozone geführt.

Ordonez sieht sogar die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale im kommenden Jahr. In der jüngeren Vergangenheit habe die Eurozone Phasen mit erhöhten Ölpreisen zwar ohne signifikante Zweitrundeneffekte überstanden, dies könne aber diesmal anders sein. Und dies treibt die EZB weiter um: „Der (EZB)-Rat schenkt den gestiegenen mittelfristigen Inflationsrisiken erhöhte Aufmerksamkeit“, sagte Ordonez. „Und er hat seine Verpflichtung bekräftigt zu handeln, wann immer dies notwendig ist, damit die Inflationserwartungen verankert bleiben.“

Kräftig steigende Importpreise

Wasser auf die Mühlen dürfte dabei die Entwicklung der deutschen Importpreise sein, die im Oktober des laufenden Jahres auf Jahressicht kräftiger gestiegen sind als erwartet. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) am Freitag berichtet, stieg der Index der Einfuhrpreise im Vergleich zu Oktober 2006 um 2,3 Prozent. Von Dow Jones Newswires befragte Ökonomen hatten einen Anstieg um 2,0 Prozent prognostiziert.

Bei den Energieträgern war gegenüber Oktober 2006 ein Preisanstieg von 15,1 Prozent zu verzeichnen. Rohöl wurde um 24,4 Prozent teurer, die Preise für Mineralölerzeugnisse stiegen um 22,3 Prozent. Nur die Preissenkungen bei Erdgas (minus 8,2 Prozent) wirkten sich abschwächend auf die Teuerung aus.

Im Nahrungsmittelsektor registrierten die Statistiker Preissteigerungen insbesondere bei der Einfuhr von Getreide (plus 52,6 Prozent), Milch und Milcherzeugnissen (plus 24,8 Prozent), Rohkaffee (plus 8,4 Prozent) und Rohkakao (plus 4,4 Prozent). Für Geflügelfleisch musste 21,3 Prozent mehr als im Vorjahresmonat bezahlt werden.

Warten auf Amerika

Indes könnte es sich auch um eine leichte Erholung handeln, allzumal am Vortag wegen des Thanksgiving-Feiertages die Amerikaner auf den Märkten fehlten. Darauf weist auch Volkswirt Rainer Sartoris von HSBC Trinkaus& Burkhardt hin. „Dass es nach dem steilen Anstieg in den vergangenen Wochen zu derart scharfen Reaktionen kommt, ist nicht ungewöhnlich, zumal die Umsätze gering sind.“ Indes ist die Bewegung für ihn ein Warnzeichen, dass der Euro kurzfristig deutlicher nachgeben könnte. „Eine größere Konsolidierung könnte uns in den kommenden Wochen bis auf 1,45 Dollar führen“, sagte er.

Ob dies nun aber bereits die starke Gegenbewegung ist, ist angesichts der eher weichen Nachrichtenlage derzeit noch fraglich. Aktuell notiert der Euro immer noch über dem Tief von 1,4781 vom Dienstag und hat dies auch beim Tagestief von 1,4785 nicht unterschritten. Sollte er aber unter die Marke rutschen, so wäre die kurzfristige Unterstützung durchbrochen.

Die nächste Unterstützung liegt bei etwa 1,4660. Dies ist gleichzeitig eine kritische Marke. Sollte diese Unterstützung nicht halten, könnte der Euro in Richtung der Marke von 1,45 Euro fallen. Hält die Unterstützung dagegen, so muss die Marke von 1,4850 Euro als kurzfristiger Widerstand gelten.

Warten auf die Golfstaaten

Derzeit befindet sich der Markt in Wartestellung. Sollte die EZB ihre Rhetorik hinsichtlich des Wechselkurses weiter verstärken und sich die Inflationsrisiken abschwächen, so könnte dies das Ende der Rekordfahrt des Euro sein, wenn die amerikanische Konjunktur nicht noch stärker einbricht als befürchtet und den Dollar nach unten zieht.

Auch ist die Frage noch nicht beantwortet, ob der Dollar seinen Status als Leitwährung ganz oder teilweise einbüßen wird. Immer noch spekuliert der Markt auf eine Entkopplung der Währungen der Ölstaaten am Persischen Golf vom Dollar. Indes widersprach Hamud Bin Sangur al-Zadjali, der Zentralbankpräsident von Oman, auf dem Europäischen Bankenkongress am Freitag just einer solchen Spekulation. Man erwäge eine Aufwertung, aber nicht eine Änderung des Wechselkursregimes.

Gewissheit wird man letztlich aber erst nach den Beratungen des Golfkooperationsrats am 3. und 4. Dezember haben, auf dem auch die Wechselkursregime auf der Tagesordnung stehen. Sultan Bin Nasser al-Suwaidi, Zentralbankpräsident der Vereinigten Arabischen Emirate, und Finanzminister Ibrahim al-Assaf stellten in der vergangenen Woche die Bindung des Dirham an den Dollar zur Disposition. Saudi-Arabien will daran festhalten, während Kuwait die Bindung an den Greenback bereits im Mai aufgegeben hat und auf dem Weg der Aufwertung der importierten Inflation entgegenwirken konnte.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @mho
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