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Pfund verliert an Wert : Brexit-Angst am Devisenmarkt

Weniger fürs Geld: Vor einer Wechselstube in London Bild: AP

Das britische Pfund verliert gegenüber Euro und Dollar weiter an Wert. Der Markt steht derzeit ganz im Bann der Brexit-Unwägbarkeiten. Doch das muss nicht so bleiben.

          Es ist ein kurioses Zusammentreffen zweier Ereignisse: „Ich glaube, der Brexit wird am Ende eine großartige Sache werden“, verkündete der designierte amerikanische Präsident Donald Trump in einem am Sonntagabend veröffentlichten Interview. Doch praktisch gleichzeitig begann am anderen Ende der Welt, im asiatischen Devisenhandel, der Wechselkurs des britischen Pfunds zu fallen. Am Montag rutschte die britische Währung zeitweise erstmals seit Oktober unter die Marke von 1,20 Dollar. Auch gegenüber dem Euro geriet das Pfund am Montagmorgen stark unter Verkaufsdruck.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Dabei hatte Trump den Briten für den EU-Austritt demonstrativ den Rücken gestärkt: Er wolle dem Königreich rasch einen „fairen“ Freihandelsvertrag mit den Vereinigten Staaten anbieten, versprach er. Doch am Devisenmarkt bewegte etwas ganz anderes den Pfundkurs: An diesem Dienstag wird die britische Premierministerin Theresa May in einer groß angekündigten Rede zum Brexit Stellung nehmen – und Medienberichte am Wochenende bestärkten viele Anleger in der Vermutung, dass May einen „harten“ Brexit anpeilt, bei dem neue Handelshürden zwischen Königreich und Kontinent drohen.

          Bild: F.A.Z.

          Das Pfund ist zum Spielball der Politik geworden: Im Juni 2016 haben die Briten in ihrem Referendum überraschend und mit knapper Mehrheit für den Austritt aus der EU gestimmt. Doch schon in den Monaten zuvor ist die britische Währung gefallen, was Analysten maßgeblich auf die Ungewissheit im Vorfeld des Volksentscheids zurückführten. Seit dem Sommer 2015 hat die britische Währung gegenüber dem Euro rund ein Viertel an Wert eingebüßt. In Relation zum Dollar fiel das Pfund im Oktober auf den niedrigsten Stand seit mehr als drei Jahrzehnten, nachdem die Regierungschefin May auf dem Parteitag der britischen Konservativen erstmals eine harte Linie in den bevorstehenden Austrittsverhandlungen mit der EU signalisiert hatte. Erholt hat sich der Kurs seither kaum.

          Ungewissheit ist weiterhin groß

          Spötter sagen, die Akteure am Devisenmarkt bildeten mittlerweile faktisch die führende Oppositionspartei. Denn die eigentliche politische Opposition im Londoner Unterhaus – die sozialdemokratische Labour Party – steckt in einer existenzbedrohenden Führungskrise und ist nicht in der Lage, den Brexit-Kurs der Regierung wirkungsvoll zu hinterfragen. Der Pfundkurs reagiert dagegen mit Wucht auf jede neue Wendung im Ringen um den EU-Austritt.

          Die britische Wirtschaft ist seit dem Referendum zwar überraschend stabil geblieben: Die von Volkswirten zuvor prognostizierte Rezession ist bisher ausgeblieben. Stattdessen dürfte Großbritannien im vergangenen Jahr die am schnellsten gewachsene Volkswirtschaft unter den sieben größten Industriestaaten (G7) gewesen sein. Viele Konjunkturfachleute rechnen allerdings nach wie vor mit einem Brexit-Dämpfer – nur komme dieser eben nicht so schnell wie ursprünglich angenommen. Die Pfundschwäche ist Ausdruck dieser Befürchtung.

          Die Ungewissheit ist also weiterhin groß, und sie wird das Pfund auf Jahre hinaus begleiten: Vollzogen wird der Brexit voraussichtlich erst im Frühjahr 2019. Die Klärung wichtiger Handelsfragen kann noch viel länger dauern. Das Rätselraten über den Ausgang des Brexit-Abenteuers spiegelt sich auch in der ungewöhnlich großen Bandbreite der Analystenprognosen für das Pfund wider: Einer Umfrage der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge rechnen Fachleute zum Jahresende im Mittel mit einem Kurs von 86 Pence je Euro. Während manche Analysten erwarten, dass das Pfund bis auf einen Wert von eins zu eins zum Euro abschmieren wird, halten andere eine deutliche Erholung für wahrscheinlich.

          Im Moment steht der Markt zwar ganz im Bann der Brexit-Unwägbarkeiten. Aber das muss nicht so bleiben: Auch diesseits des Ärmelkanals gibt es 2017 große politische Risiken, die im Jahresverlauf den Euro stark schwächen könnten – und damit das Pfund stärken. Im März wird in den Niederlanden ein neues Parlament gewählt. Ein starkes Abschneiden des EU-Gegners und seiner rechtspopulistischen Partei PVV wäre ein Rückschlag für die EU und die Europäische Währungsunion.

          Zum Härtetest für die Zukunft der EU wird aber die französische Präsidentenwahl im Mai: Marine Le Pen, die Parteichefin des Front National, hat angekündigt, im Falle ihrer Wahl auch in Frankreich ein Referendum über den EU-Austritt abhalten zu wollen. Beobachter geben Le Pen zwar nur Außenseiterchancen – aber auch mit Donald Trump haben vor einem Jahr die wenigsten ernsthaft gerechnet.

          Quelle: F.A.Z.

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