Die brasilianische Notenbank hat überraschend die Zinsen gesenkt. Wie die Banco do Brasil am Mittwoch mitteilte, wird der geldpolitische Schlüsselsatz um 50 Basispunkte auf 12,00 Prozent herabgesetzt. Damit wurden die jüngsten Anhebungen des Leitzinses vom Juni und Juli rückgängig gemacht. Die überwiegende Mehrheit befragter Volkswirte hatte einen unveränderten Leitzinssatz prognostiziert.
In Reaktion auf den steigenden Inflationsdruck hatte die Zentralbank die Zinsen in diesem Jahr bereits fünf Mal angehoben. Dieses Mal stand allerdings die Verlangsamung des weltwirtschaftlichen Umfelds im Vordergrund. Demnach wollte die Notenbank den Auswirkungen der krisenhaften Weltwirtschaft rechtzeitig entgegenwirken. Die Probleme der entwickelten Länder würden länger andauern als erwartet und Regierungen könnten wenig unternehmen, um die Erholung zu beschleunigen, hieß es zur Begründung weiter.
Wachstum schwächt sich ab
Jüngst gab es von Banken-Volkswirten einige schlechte Wachstumsprognosen für das Land. Beispielsweise erwarte die Credit Suisse eine Abschwächung des Wachstums auf 2 bis 3 Prozent von 7,5 Prozent im Vorjahr. Die Zentralbank geht von 3,9 Prozent aus. Brasilien bekommt die Abschwächung des Wachstums in den Industrieländern zu spüren.
Aber auch die Nachfrage nach Rohstoffen aus China ist derzeit rückläufig. Das brasilianische Stahlinstitut IABr hat zudem auch seine Prognose für das Wachstum der Produktion und den Absatz von Stahlprodukten am heimischen Markt nach unten korrigiert. Indes soll diese noch immer um 10,5 Prozent steigen, vor allem aufgrund des anhaltenden Exportwachstums.
Auch die Stimmung bei Industrie und Verbrauchern hat sich eingetrübt. Der Index für die Konsumstimmung fiel im August um 1,1 Prozent, der Vertrauensindex aus dem Geschäftswesen auf den niedrigsten Stand seit 2009. Grund ist nicht zuletzt die hohe Inflation, die im August zum ersten Mal seit sechs Jahren die Marke von 7 Prozent überschritt und die damit verbundenen Zinserhöhungen.
Inflationsbekämpfung wird zweitrangig
Die Regierung hat darum Regierung den geplanten Budget-Überschuss vor Zinszahlungen jüngst auf 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erhöht, um der Zentralbank Spielraum für Zinssenkungen zu verschaffen, so Finanzminister Guido Mantega. Ziel der Regierung ist laut Präsidentin Dilma Rousseff, die Kreditkosten zu senken.
Das Wachstum gehe zurück und damit auch die Inflation, während die außenwirtschaftlichen Risiken stiegen, so Maristella Ansanelli, Chefökonomin bei der Banco Fibra, die im Oktober mit einer weiteren Zinssenkung rechnet. Die Zentralbank fürchte einen externen Schock, der die Abschwächungstendenzen verstärken könnte, kommentiert Alberto Ramos, Volkswirt für Lateinamerika bei Goldman Sachs, den Schritt.
Der Ausverkauf an den Börsen im Zuge der Schuldenkrise und der Abschwächung der Weltwirtschaft habe das Spiel für die Schwellenländer verändert, die bisher damit befasst gewesen seien, das Wachstum ihrer Volkswirtschaften zu dämpfen, sagt Marcelo Salomon, Chefökonom für Brasilien bei Barclays. Die Risiken hätten sich in Richtung De- und Disinflation verschoben. Alle Zentralbanken dächten jetzt über den richtigen Zeitpunkt für Zinssenkungen nach. Auch die Türkei hat in den vergangenen Wochen die Zinsen gesenkt, ähnliche Signale kamen zuletzt aus Mexiko.
Notenbankpräsident Alexandre Tombini erwartet einen Rückgang der Inflationsrate schon in diesem Monat und will diese bis Ende des kommenden Jahres auf 4,5 Prozent drücken. Banken-Volkswirte gehen allerdings nicht davon aus, dass dies gelingen wird und rechnen mit einer Rate von 5,2 Prozent. Die Kurse inflationsindexierter Anleihen preisen für 2013 eine Inflationsrate von 5,86 Prozent ein.
Aufwertungssorgen bleiben
Die größten Probleme bereitet der Gesamtwirtschaft weiter die Stärke der Landeswährung Real. Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände protestieren dauernd gegen die Politik der Notenbank. Diesmal begrüßten sie den Zinsschritt und fordern weitere. Sie hoffen dadurch auf eine Schwächung des Real. Die hohen Zinsen haben diesen seit 2008 um 46 Prozent aufwerten lassen, mithin die höchste Aufwertungsrate innerhalb der G20.
Dramatisch stellt es etwa der der Präsident des IABr, Marco Polo de Mello Lopes, dar. Obgleich die Stahlimporte in diesem Jahr fallen sollen, sieht er wegen der Höhe der steigenden Importe eine „deutliche Bewegung in Richtung Deindustrialisierung“. Daher erwäge man, die Regierung dazu aufzufordern, Importzölle zu erheben, um so die heimische Stahlindustrie zu schützen.
Sorgen um Inflationsentwicklung
Die Aufnahme des Zinsschritts war indes nicht unbedingt positiv. Der Real wertete gegen den Dollar leicht auf 1,5892 Real für den Greenback auf. Hintergrund sind auch die erwarteten geldpolitischen Maßnahmen der amerikanischen Notenbank, die den Dollar schwächen würden.
Zwar könne die Zinssenkung die Aufwertung dämpfen, doch werde sie wohl auch die Volatilität und die Inflationserwartungen erhöhen, sagt Andre Perfeito, Chefökonom bei Gradual Investimentos. „Die Märkte werden es wahrscheinlich nicht glauben. Es ist nicht klar, dass die internationale Krise so starke Auswirkungen auf Brasiliens Inflation haben wird“, lautet sein Urteil.
Denn die Inflationsursachen bestehen fort. So ist die Arbeitslosenquote mit 6 Prozent auf ein Jahrestief gefallen, derweil die Kreditmenge um 20 Prozent gewachsen ist. Der Umstand, dass gerade Brasilien in Lateinamerika die Führungsrolle bei Zinssenkungen übernehmen könnte, obwohl das Land die schlechtesten Inflationsprognosen habe, gefährde die schwer erkämpfte Glaubwürdigkeit der Notenbank, sagt Gustavo Rangel, Chef-Volkswirt für Brasilien bei ING Financial Markets.
Misstrauen gegen Regierungspolitik
Glaubwürdigkeit hinsichtlich der Inflationsbekämpfung ist auch ein Stichwort hinsichtlich der Regierungspolitik. Denn der geplante Budgetüberschuss beruht auf den aktuell hohen Steuereinnahmen, vor allem aber einer Wachstumsprognose von 5 Prozent für 2012, die es möglich machen soll die Staatsausgaben um 10 Prozent zu erhöhen.
Gleichzeitig sind die Renten um 13,6 Prozent gestiegen und sieht das Programm „Brasil Maior“ Steuererleichterungen von 11 Milliarden Euro in den kommenden zwei Jahren für die Industrie- und Technologiebranche vor. Damit soll die heimische Industrie gegen den starken Real geschützt werden. Obendrein sollen mehr als 11 Milliarden Euro zur Armutsbekämpfung ausgegeben werden, die Bildungsausgaben um 33 Prozent stiegen uam.
Vor allem aber hat sich die Regierung die Möglichkeit geschaffen, durch Umbuchungen bis zu 40 Milliarden Real aus dem Haushaltsplan auszubuchen, will diese aber nicht nutzen. Das werde für Unruhe sorgen, sagt Jankile Santos, Chef-Volkswirt bei der Investmentbank Espirito Santo. Das neue Gerede der Regierung sei das eine, und das andere, dass sie die Versprechungen wohl nicht erfüllen würden, urteilt Jorge Dib, Fondsmanager bei Grau Gestao de Ativos.
Es gibt also derzeit viele Unsicherheiten in Brasilien. Allerdings muss man mit Blick auf den Kurs des Real beide Seiten beachten. Schwächt etwa die Fed den Dollar weiter, so ist eine Abwertung des Real angesichts des Zins- und Wachstumsgefälles wenig wahrscheinlich.
Denkbar ist eine schwächere Aufwertung, die auch durch mögliche Kapitalverkehrskontrollen und die - nicht nur - in Brasilien populärer werdenden protektionistischen Maßnahmen gestützt werden könnte. Im allgemeinen aber steigt die Unsicherheit hinsichtlich der Entwicklung des Landes und damit auch des Wechselkurses.