Indien wagt eine Kehrtwende im Baumwollhandel. Eine Woche nachdem der zweitgrößte Produzent der Welt überraschend einen Ausfuhrstopp für Baumwolle verhängt hatte, öffnet Indien seine Grenze für den Rohstoff teilweise wieder. Eine Ministerkonferenz hatte am Sonntag den Beschluss der Exportbehörde kassiert. Am gestrigen Montag erklärte Handelsstaatssekretär Rahul Khullar, die Baumwolle, für die Ausfuhrlizenzen vorlägen, dürfte nun exportiert werden.
Den gesamten Ausfuhrstopp wird eine Ministerrunde in zwei Wochen prüfen. Bis dahin werden keine weiteren Exportlizenzen erteilt. Handelsminister Anand Sharma hatte aber schon am Sonntag erklärt, die Minister stünden einem Exportverbot kritisch gegenüber. Indien steht für etwa ein Fünftel des weltweiten Baumwollexports. Größte Anbauländer sind China vor Indien, den Vereinigten Staaten und Australien.
Größter Abnehmer China macht Nachbarland Druck
Hinter der Aufweichung des Exportstopps steht der einflussreiche Minister für Landwirtschaft, Sharad Pawar. Mehr als 60 Prozent der Inder sind von der Landwirtschaft abhängig. Zugleich hat das größte Abnehmerland China, wichtigster Textilhersteller der Welt, Druck auf das Nachbarland ausgeübt. Die Anordnung kam nach dem Erreichen einer Exportgrenze so rasch, dass indische Exporteure noch auf rund 3 Millionen Ballen Baumwolle für die Ausfuhr sitzen, für die Lizenzen vorliegen. Seit Oktober wurden 12 Millionen Ballen für den Export bereitgestellt; deutlich mehr als die angestrebte Grenze von 8,4 Millionen Ballen. Ein Ballen Baumwolle entspricht etwa 170 Kilogramm.
“Wir müssen dem Umstand Rechnung tragen, dass wir einen Überschuss an Baumwolle produzieren. Dieser Überschuss muss ausgeführt werden. Unsere Textilindustrie verhält sich halt manchmal kurzsichtig, wenn sie einen Bann verlangt“, sagte Navan Mirani, Vizepräsident der Baumwollvereinigung der viertgrößten Volkswirtschaft Asiens. „Eine Öffnung wird unseren Bauern sofort einen Preissprung von etwa 10 Prozent beim Verkauf sichern, zudem wird es sie reizen, für das nächste Jahr zu investieren.“ China als größter Abnehmer hatte seinen Unmut über den indischen Alleingang deutlich gemacht. „Wir hoffen, dass die indische Regierung ihre unangemessene Politik zurücknimmt“, hatte der staatliche gelenkte Baumwollverband vergangene Woche mitgeteilt.
Fallender Baumwollpreis erwartet
Die Märkte dürften auf das Aufheben des indischen Exportstopps mit fallenden Preisen reagieren. Als die Unterbrechung am Montag vergangener Woche bekanntgegeben worden war, sprangen die Preise in New York bis an ihr Tageslimit (F.A.Z. vom 7. März).
Die Analysten der Bank Morgan Stanley gehen davon aus, dass es nach der Wiedereröffnung des indischen Exports einen Überschuss von rund 2 Millionen Ballen amerikanischen Maßes von jeweils 218 Kilogramm auf der Welt geben werde. Farmer in den Vereinigten Staaten und Australien waren vergangene Woche hoch erfreut, die indische Lücke ausgleichen zu können. Im vergangenen Jahr war Baumwolle schwächster Rohstoff mit einem Preisfall von 37 Prozent.