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Agrarrohstoffe Zunehmend mehr Gegenwind für Äthanol

22.03.2007 ·  Während die Nachfrage nach Mais zur Herstellung von Äthanol in Amerika dessen Preis in die Höhe treibt, formiert sich eine bunte Mischung von Gruppierungen in der Hoffnung, die staatliche Förderung des alternativen Kraftstoff kappen zu können.

Von Moira Herbst
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Paul Hitch hat sein ganzes Leben mit der Aufzucht von Rindern und Schweinen auf einem Landstrich des sogenannten „Pfannenstiels“ von Oklahoma verbracht. Sein Urgroßvater gründete die Ranch im Jahre 1884, bevor Oklahoma zum Bundesstaat wurde, und nun bereitet sich der 63jährige Hitch darauf vor, den Familienbetrieb an seine beiden Söhne zu vererben.

Allerdings plagt ihn die Sorge, dass diese einem wachsenden Druck in der Branche ausgesetzt sein werden, der hauptsächlich auf die in die Höhe schießenden Preise für Mais zurückzuführen ist. Der Betrieb ist auf Mais als Viehfutter angewiesen. Im vergangenen Jahr haben sich die Maispreise infolge der enorm gestiegenen Nachfrage durch Äthanolproduzenten verdoppelt.

Hippies, Viehzüchter, Umweltschützer und Wirtschaftsliberale

„Dieser Äthanolrausch ist verrückt“, meint Hitch, der designierte Präsident der National Cattlemen's Beef Association. (NCBA). „Dieses ganze Gerede über Energieunabhängigkeit unter dem Deckmäntelchen des Patriotismus wird anderen Wirtschaftszweigen noch teuer zu stehen kommen.“

Die Äthanolbewegung ruft eine Reihe stimmgewaltiger Kritiker auf den Plan. Während Politiker, allen voran Präsident George W. Bush und Farmer im gesamten mittleren Westen hoffen, dass die Vereinigten Staaten durch die Umwandlung von Mais in Kraftstoff ihre Energieunabhängigkeit erlangen können, erheben Hitch und seine zusammengewürfelte Helferschar ihre Stimmen zum Protest. Rancher und Umweltschützer, Schweinezüchter und Hippies, Sonnenenergie-Idealisten und pragmatische Verfechter einer freien Marktwirtschaft sind in ihrem Bestreben vereint.

Sie haben verschiedene Gründe, sich gegen Äthanol zur Wehr zu setzen. Einigkeit herrscht jedoch in der Aussage, die Schwerpunktverlagerung auf maisbasierten Äthanol gehe zu rasch vonstatten und die aktive Beteiligung der Regierung durch Subventionen für Äthanolraffinerien sowie hohe Einfuhrzölle zur Abwehr von Alternativen, wie aus Zucker gewonnenen Äthanol werde aller Wahrscheinlichkeit nach in anderen Branchen für Chaos sorgen.

Im politischen Trend

„Die Regierung glaubt, sie sei in der Lage, einen Gewinner zu küren, doch sie sollte es den Verbrauchern überlassen, ihre eigenen Gewinner zu küren“, sagt Demian Moore, leitender Analyst des gemeinnützigen Steuerzahlerbunds „Taxpayers for Common Sense“. „Der Mais-Äthanol hat sich bislang nicht als verlässliche Alternative erwiesen, die ohne gewaltige Subventionen auskommen kann.“

In Washington gibt es reichlich Unterstützung für Äthanol. Neben Bush, der in seiner Rede zur Lage der Nation dazu aufrief, die Produktion stark anzukurbeln, hat Hillary Clinton, die New Yorker Senatorin und Präsidentschaftskandidatin, ihren früheren ablehnenden Standpunkt verworfen. Auch sie befürwortet nun Subventionen für Äthanol.

Barack Obama, gleichfalls Präsidentschaftsanwärter aus der Reihe der Demokraten, ist ebenso mit an Bord. Selbst John McCain, jahrelang ein lautstarker Kritiker, überdenkt zur Zeit seine oppositionelle Einstellung angesichts seines Versuchs, sich die republikanische Nominierung zu sichern. Archer Daniels Midland, Agrarindustriekonzern und größter Äthanolproduzent, übt im Kapitol eine gewaltige Lobbymacht aus, nachdem er im Verlauf der letzten drei Jahrzehnte Millionensummen an politischen Spenden verteilt hat.

Unterstützung für Brasilien

Doch während der Einfluss der Äthanolgegner noch nicht sehr groß ist, wächst ihr Zusammenhalt und ihre Macht. Vertreter der Interessenverbände NCBA, des National Chicken Council, der National Turkey Federation und des National Pork Producers' Council wurden allesamt zu Beginn des Monats beim Kongress vorstellig und forderten ein Ende der Subventionen für Mais-Äthanol.

Linksgerichtete Volkswirtschaftler wie Paul Krugmann von der Universität Princeton schließen sich den Fundamentalisten der freien Marktwirtschaft des Cato Institute an und weisen auf die wirtschaftlichen Tücken des Äthanols hin. Umweltschutzgruppen befürchten wiederum, dass die aggressive Maisproduktion aufgrund des verstärkten Einsatzes von Pestiziden und Düngemitteln sowie der Verwendung von mit fossilen Energieträgern betriebenen Maschinen gravierende Auswirkungen auf die Umwelt haben könnte. „Die Sorge ist sehr groß“, meint Doug Koplow, der für das Bostoner Beratungsunternehmen Earth Track energiepolitische Fragen analysiert.

Die Oppositionsgruppen haben ihre Zusammenarbeit erst in diesem Jahr aufgenommen, doch laut Hitch fängt der NCBA jetzt an, Kontakte mit anderen Gruppierungen aufzunehmen, um die Lobbyarbeit und weitere Aktivitäten zu koordinieren. Am 16. März hielten Vertreter der Rancher, der Geflügelzüchter, der Schweinefleischverarbeiter und der Milchproduzenten eine gemeinsame Telefonkonferenz, um Strategien rund um die Äthanolfrage zu erörtern. Sie kamen darin überein, eine inoffizielle Ad-hoc-Gruppe zu bilden, eine Informations-Website zu erstellen und darauf hinzuwirken, dass das für einen späteren Zeitpunkt in diesem Jahr erwartete Agrargesetz Maßnahmen vorsieht, Subventionen für im Inland produziertes Äthanol und Einfuhrzölle auf brasilianisches Äthanol abzuschaffen.

Ein Fünftel der Maisproduktion für Äthanol

Rancher und andere Äthanolgegner sind fest entschlossen, die Regierung zu einer Kursänderung zu bewegen, so lange es auch dauern mag. „Diese Äthanolgeschichte treibt uns alle halb in den Wahnsinn“, meint Hitch. „Wir können und werden in dieser Angelegenheit fest zusammenstehen“.

Das rasche Wachstum der Äthanolproduktion setzte erst mit dem Energiegesetz 2005 ein. Dieses Gesetz ordnet an, dass bis zum Jahr 2012 siebeneinhalb Milliarden Gallonen - oder rund fünf Prozent - des jährlichen Treibstoffverbrauchs der Vereinigten Staaten aus erneuerbaren Kraftstoffen zu decken ist.

In seiner diesjährigen Rede zur Lage der Nation schlug Bush vor, diese Zahl zu verfünffachen. Die neuere Förderung kommt zu der seit 1978 bestehenden Subventionierung des Preises für Äthanol von 51 Cent pro Gallone hinzu. In der Folge kam es zu einer Bauwelle von Äthanolfabriken. 113 Äthanol-Destillerien sind bereits in Betrieb, weitere 78 befinden sich im Bau. Die Nachfrage nach Mais steig so stark, dass die Äthanolproduktion im vergangenen Jahr etwa ein Fünftel des amerikanischen Maisangebots absorbierte.

Negativ für die Viehwirtschaft

Mehr Mais für die Äthanolproduzenten bedeutet natürlich weniger für das Vieh. Die Rancher in den weiten, flachen Bundesstaaten des amerikanischen Westens und die Schweinezüchter in den ländlichen Gebieten des Südens und mittleren Westens sehen ihre Geschäfte durch die in Washington ausgebrütete Politik gefährdet.

Laut Hitch stellen die vorwiegend aus Mais hergestellten Rohstoffe die größten Ausgaben für seinen Betrieb dar. Bedingt durch die Verdopplung der Kosten für Mais müssen Fleischverarbeitungskonzerne wie Tyson Foods und Smithfield Foods beim Einkauf der Tiere höhere Preise zahlen.

„Die aktuellen Ansätze und das Tempo ihrer Umsetzung bergen eine Menge Risiken für die traditionellen Verbraucher von Futtergetreide“, berichtete Tyson Foods-Manager Matthew Herman einem Subkomitee des Repräsentantenhauses zu Beginn dieses Monats. „Ohne angemessene Absicherungen vor den unbeabsichtigten Folgen ist die Zukunft der amerikanischen Viehzucht in großer Gefahr“.

Erde, Wind und Kraftstoff

Volkswirtschaftler behaupten, dass die Herstellung von Äthanol aus Mais ohne staatliche Beihilfen keinen Sinn ergeben würde. Nach Angaben von Doug Koplow beliefen sich die bundesstaatlichen und staatlichen Subventionen für Mais-Äthanol nach konservativen Schätzungen im Jahr 2006 auf fünf bis sieben Milliarden Dollar. Ein beträchtlicher Anteil dieser Gelder stammt aus der Steuerrückerstattung von 51 Cent pro Gallone Äthanol, der in den Raffinerien dem Benzin beigemischt wird.

Gleichzeitig verhängt die Regierung einen Einfuhrzoll von 54 Cent pro Gallone auf brasilianisches Äthanol, ein günstigeres und energieeffizienteres Produkt aus Rohrzucker. Einige Volkswirtschaftler sind der Meinung, dass amerikanische Politiker der politischen Unterstützung wichtiger Staaten wie Iowa einen höheren Stellenwert einräumen als einer klugen Energiepolitik.

„Was hat es mit dieser Vorstellung auf sich, brasilianisches Äthanol sei ein schmutziger Kraftstoff aus dem Ausland?“ fragt Jerry Taylor, leitender Wissenschaftler am liberalen Cato Institute. „Der Staat sollte sich aus den Energiemärkten heraushalten und einfach die besten Treibstoffe gewinnen lassen“.

Wenn der Staat künftig eine Rolle auf den Energiemärkten spielt, dann gibt es auch andere Akteure, die sich etwas mehr Aufmerksamkeit wünschen würden. Die Befürworter von Wind- und Solarenergie führen an, dass der Staat bei der Subventionsvergabe und der Festlegung von Vorschriften für deren Verwendung im Namen der Energie-Unabhängigkeit Windkraft und Solarenergie ebenso behandeln solle wie Äthanol.

Windenergie - und Solarbranche sehen sich benachteiligt

„Warum verabschieden wir Gesetze zur Förderung von Äthanol, nicht aber von Wind- und Solarenergie?“ gibt der Geschäftsführer der American Wind Energy Association, Randy Swisher, zu bedenken. „Diese Art der Politik ist einfach nicht konsequent“.
Wirtschaftlich gesehen könnten einige der Alternativen sogar noch attraktiver sein. Befürworter von Hybridfahrzeugen mit Elektroantrieb, Produzenten von Strom aus Wind- und Solarenergie sowie Energieversorger behaupten, sie könnten für weniger als einen Dollar das elektrische Äquivalent einer Gallone Benzin herstellen, was weniger als der Hälfte der Kosten für äthanolbasierte Kraftstoffe entspräche.

„Das Subventionsvolumen, das für Äthanol bereitgestellt wird, könnte problemlos eingesetzt werden, um dieses Land auf Hybridfahrzeuge mit Elektroantrieb umzustellen und letztlich einen erheblich größeren Beitrag zur Verringerung der Ölabhängigkeit leisten“, meint Jigar Shah, Hauptgeschäftsführer des Solarparkbetreibers SunEdison.

Äthanolproduzenten behaupten, eine praktikable Alternative zu herkömmlichen fossilen Brennstoffen anzubieten, die im Laufe der Zeit erschwinglicher würden. „Wir produzieren im eigenen Land einen sauberen, erneuerbaren Brennstoff, dessen Wert und Preis sich sehen lassen kann“, meint Gordon Ommen, Hauptgeschäftsführer von US BioEnergy, einem Unternehmen, das unlängst VeraSun Energy von seinem Platz als zweitgrößter Produzent von Äthanol auf Maisbasis nach Archer Daniels Midland verdrängt hat.

Übergangsphase bis 2012

Am 16. März feierte US BioEnergy den ersten Spatenstich für sein Äthanolwerk in Dyersville (Iowa). Mit drei laufenden und fünf im Bau befindlichen Werken verfügt US BioEnergy derzeit über Kapazitäten für 300 Millionen Gallonen pro Jahr.

Präsident Bushs Mann für alternative Energien, Andy Karsner, prognostiziert, dass der Widerstand gegenüber Äthanol mit der Zeit nachlassen wird. Während der Staat heute die Herstellung von Äthanol aus Mais fördere, so Karsner, werde es im Jahr 2012 Technologien geben, mit deren Hilfe man Äthanol aus Müll, Rutenhirse und anderen nicht zum Verzehr bestimmten Produkten herstellen könne.

Dieser sogenannte „Zellulose-Äthanol“ werde die Nachfrage nach Mais drosseln und somit die Situation entschärfen. „Mais-Äthanol ist ein notwendiger Vorläufer für die größer angelegte Produktion von Äthanol und alternativen Treibstoffen im allgemeinen“, so Karsner, dessen offizieller Titel Ministerialrat der Abteilung Energieeffizienz & Erneuerbare Energien des Energieministeriums lautet.

Rancher wie Hitch sind derweil besorgt, dass man die unbeabsichtigten Folgen des Äthanolbooms nicht ausreichend bedacht hat. Er befürchtet, dass die Vereinigten Staaten eine weitere Abhängigkeit erzeugen könnten, die einige schwerwiegende Nebenwirkungen mit sich bringt.

„Das Ganze ist zu einer regelrechten Manie geworden. Jetzt muss man erst mal eine Verschnaufpause einlegen und sehen, was wirklich machbar ist“, sagt er. „Im Augenblick läuft alles kreuz und quer“.

Moira Herbst ist Reporterin für Businessweek.com in New York.

Quelle: Business Week Online
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