10.03.2006 · Deutlich unter Druck steht seit Anfang Februar der Zuckerpreis. Nach dem rasanten Anstieg ist vor allem China entschlossen, den Auftrieb zu beenden. Auch Druck auf den Ölpreis lastet auf dem Markt.
Zwischen September des vergangenen Jahres und Anfang des Monats war Zucker eine der begeisterndsten Investment-Stories des boomenden Rohstoffmarktes. Innerhalb von nur fünf Monaten stieg der Preis um 135 Prozent und erreichte am 3. Februar ein 25-Jahres-Hoch.
Doch diese Herrlichkeit scheint nunmehr vorbei zu sein. Am Donnerstag schloß Zucker an der amerikanischen Warenterminbörse bei 16,28 Dollar und durchbrach damit nach einer Erholung zu Wochenbeginn abermals deutlich den kurzfristigen Aufwärtstrend. Rund 16 Prozent hat der Preis mittlerweile verloren.
Süße für brasilianische Auto-Technik
Der kurzfristige Preisauftrieb bei Zucker hängt weiterhin am Ölpreis. Doch der Preis für amerikanisches WTI-Öl steht unter Druck und hat seit Anfang Februar über zwölf Prozent nachgegeben. „Solange der Ölpreis hoch bleibt, bleibt auch der Zuckerpreis hoch“, sagt Richard Lucas, Analyst für Agrarrohstoffe beim Broker Ambrian Partners.
Lucas bezieht sich auf die Ersatzmöglichkeiten, die Zucker bei der Verarbeitung zu Äthanol als Treibstoff bietet und die von einem der größten Zuckeranbauern der Welt, Brasilien, bereits weidlich genutzt werden. Brasilien setzt schon seit den siebziger Jahren auf den Alternativtreibstoff und steckte anfänglich hohe Subventionen in den Aufbau der Alkoholtechnologie.
Ende der achtziger Jahre fuhren bereits neun von zehn neugebauten Autos in Brasilien mit Alkohol. Als die Ölpreise Ende der neunziger Jahre einbrachen und die Regierung die Subventionen für Alkohol strich, sank der Anteil der Schnapsautos. Doch seit Brasiliens Automobilindustrie 2003 die sogenannten Flex-fuel-Motoren einführte, die wahlweise mit Alkohol, herkömmlichem Benzin oder mit einer beliebigen Mischung aus beiden Brennstoffen betrieben werden können, steigt die Nachfrage wieder rapide an. Zuletzt entfielen bereits mehr als 70 Prozent der in Brasilien zugelassenen Neuwagen auf Autos mit Alkohol-Benzin-Mixantrieb.
Amerikaner setzen auf Mais im Tank
Auch in den Vereinigten Staaten wird Äthanol langsam zum Thema. Indes spekulieren die Amerikaner dabei verstärkt auf den einheimischen Mais, obwohl Brasilien Zuckeralkohol wesentlich preiswerter erzeugen kann. Unterstützend wirkt obendrein, daß der in den Vereinigten Staaten dem Sprit zugesetzte Stoff MTBE, der derzeit sukzessive nicht weiter verwendet wird, durch Äthanol ersetzt werden kann. Indes sind die Hoffnungen aufgrund hoher Lagerbestände für Mais doch eher gedämpft.
Was sich daran allerdings zeigt, ist, daß die Äthanol-Story noch jung ist und der Rohstoffmarkt dafür in den westlichen Ländern noch in der Entwicklung. Da Zucker gut gelaufen war, sieht man bei Mais Nachholbedarf, was auch zu Umschichtungen führt.
Der Biokraftstoff macht auch den Ölexporteuren Sorgen, und so versuchen auch diese mittlerweile, den Ölpreis nach unten zu reden. Die Grundsatzrede des amerikanischen Präsidenten Bush mit ihrer Abkehr vom Öl als alleinigem Grundstoff dürfte für mehr Sorgenfalten gesorgt haben, als gern zugegeben wird.
China wirft Zucker auf den Markt
Würden auch nur zehn Prozent der in den entwickelten Ländern zurückgelegten Straßenkilometer mit Biokraftstoffen gefahren, würde sich das nachhaltig auf den Ölpreis auswirken. Vor allem aber haben die erfolgreichen Energiesparmaßnahmen nach der ersten Ölkrise die Ölexporteure gelehrt, daß solche Entwicklungen säkular sind. Unter den Folgen haben die Länder lang genug gelitten, um es noch einmal zu riskieren.
Indes sind es nicht allein Öl und Mais, die den Zuckerpreis drücken, sondern auch die Zuckerimporteure, denen der Rohstoff mittlerweile schlicht zu teuer geworden ist. China, nach Indien der zweitgrößte Zuckerverbraucher der Welt, versucht derzeit den Preis durch Verkäufe aus den Reserven zu drücken. In dieser Woche erst hat das Handelsministerium eine Ausschreibung zur Verarbeitung von 400.000 Tonnen Rohzucker veröffentlicht, bevor diese zum Verkauf freigegeben werden. Die Hälfte davon stamme aus Regierungsbeständen.
„Die Tatsache, daß China Verkäufe aus seinen Zuckerreserven tätigt, um Preissteigerungen auf dem Binnenmarkt zu dämpfen, zeigt, daß die Nachfrage weiter hoch ist“, sagt Sudakschina Unnikrischnan, Analyst bei Barclays Capital. „Wir sind sehr bullish bei Zucker. Die Nachfrage wird das Angebot weiter überwiegen.“ Unnikrischnan rechnet mit einem Preis von bis zu 21 Cents für das Pfund noch in diesem Quartal.
Auswirkungen der Zuckermarktreform noch unklar
Langfristig ist auch die Reform der EU-Zuckermarktordnung ein maßgeblicher Faktor für den Zuckerpreis. Die derzeit auslaufende Marktordnung war übrigens zumindest mit Schuld am Zusammenbruch des Zuckerpreises Anfang der achtziger Jahre, als der Preis von damals 40 Cents je Pfund unter zehn Cents fiel.
Die EU wird die Preise für Zucker von 2006/07 an deutlich um 39 Prozent auf 385,50 Euro pro Tonne senken. Diese Preise sollen bis 2014/15 gelten. Dadurch wird die Zuckerherstellung in Ländern wie Italien, Griechenland, Irland und Portugal unwirtschaftlich werden und vermutlich eingestellt. Des weiteren werden die Garantiepreise um fast 40 Prozent bis 2010 absinken und somit auch der Rübenzucker, dessen Produktionskosten weit über dem von Rohrzucker liegen, auf dem Weltmarkt an Bedeutung verlieren, auf dem er sich überhaupt nur wegen der massiven Exportsubventionen behaupten kann.
Allerdings rechnen Experten 2006 noch einmal mit einer Art „Schlußverkaufsexport“, der die Ausfuhr noch einmal um eine Million Tonnen steigern könnte, bevor die Zuckerproduktion 2007 in der EU um bis zu fünf Millionen Tonnen fallen könnte. Damit würde die EU als Exporteur vom Weltmarkt verschwinden.
Und es ist noch fraglich, ob sich dadurch ein Defizit ergeben wird. Mozambique etwa plant, die Zuckerproduktion um 23 Prozent in den kommenden drei Jahren zu steigern, und auch andere Staaten wollen die Produktion erhöhen.
Marktdefizit gegen Dämpfungsrhetorik
Nichtsdestoweniger geht die International Sugar Organisation (ISO) davon aus, daß die globale Zuckerproduktion im laufenden Jahr deutlich stärker als ursprünglich erwartet hinter der Nachfrage zurückbleiben wird. Die Lagerbestände seien niedrig und die Nachfrage in Rußland steige. Das Defizit werde im Jahr 2005/2006 bei 2,225 Millionen Tonnen liegen. Im November war die Organisation noch von 1,015 Millionen Tonnen ausgegangen.
Doch wie bei Rohstoffen im allgemeine ist auch der Zuckerpreis ein - zumindest indirektes - Politikum, wie es in den Preisdämpfungsbemühungen Chinas zum Ausdruck kommt. Rohstoffe sind Grundlagen der Volkswirtschaft. Daher haben die Staaten allgemein wenig Interesse an dauerhaft steigenden Preisen.
Das kommt nirgends besser zum Ausdruck als in allen Versuchen, Öl-, Gas- und Strompreise durch Rhetorik zu dämpfen. Gefährden die Preisanstiege Wachstum und damit auch die politische Basis, so sind Regierungen nach wie vor gewillt, in die Preisbildung einzugreifen. Geschah dies früher oft auch durch Preisstopps und Verstaatlichungen, ist man heute zu indirekten Instrumenten übergegangen. Die Freigabe von Reserven ist auch schon immer ein beliebtes Instrument der indirekten Preissteuerung gewesen.
Zucker leidet an dieser Stelle daher doppelt. Zum einen soll der Ölpreis gedrückt werden, zum anderen auch von manchen Staaten der Zuckerpreis direkt. Solange also der Druck auf den Ölpreis anhält, dürfte Zucker der Durchbruch erst gelingen, wenn Äthanoltreibstoff zum Massenmarkt wird. Das aber könnte noch eine gute Weile dauern.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06 % |
| Silber | 28,24 $ | +0,57 % |
| Platin | 1.430,00 $ | +0,92 % |
| Palladium | 592,00 $ | +0,34 % |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14 % |
| Gas | 0,53 £ | −0,56 % |
| Kaffee | 1,68 $ | +1,27 % |
| Zucker | 0,20 $ | +0,36 % |
| Orangensaft | 1,09 $ | +0,32 % |
| AMEX GOLD BUGS | 601,37 | -- % |
| AMEX OIL | 1.151,96 | -- % |
| Rogers International | 24,14 | +0,50 % |