In der Börse von Chicago wuseln Hunderte von Händlern herum, in roten, gelben, grünen, blauen Jacken. In den Hallenboden sind Vertiefungen eingelassen, deren Form an die Amphitheater im antiken Griechenland erinnert. Aber die Stufen sind nicht aus Marmor, sondern mit PVC überzogen.
50 Leute stehen da in einem Rund, einer tiefer als der andere, sie brüllen und gestikulieren: Hier werden die Mais-Verträge gehandelt. An der Wand leuchten grüne, rote, weiße Zahlen - Preise für Optionen und Termingeschäfte, die nicht mal mehr der Börsensprecher entziffern kann. Der Boden ist übersät mit Papierschnipseln und Notizzetteln. Hier lebt die Börse noch so, wie sie einst war. Die Computer haben nur Teile des Geschäfts übernommen. Hier handeln Menschen noch selbst, an Werktagen, und zwar von 9.30 Uhr bis 13.15 Uhr.
Keine Zockerei!
Trotzdem ist die "Chicago Mercantile Exchange" immer noch die größte Rohstoffbörse der Welt. Nirgends werden mehr Optionen und Termingeschäfte gehandelt. Um das Getreide selbst geht es hier gar nicht, das wird woanders gehandelt, an vielen Orten auf der Welt. Aber in Chicago landet das Geld von den deutschen Sparern.
An der Börse ist eine Menge los. Schon während der kurzen Öffnungszeiten schließen die Börsenhändler Termingeschäfte über ein Mehrfaches der Mais-Jahresernte ab. Ist das nicht völlig übertriebene Zockerei? Nein, findet Börsenmanager David Lehman. Er arbeitet für die Firma, die die Börse betreibt und den ganzen Handel organisiert. In einem kleinen Besprechungsraum über dem Handelssaal sitzt er, durch das große Fenster zum Handelssaal dringen immer noch gedämpfte Rufe nach oben. Lehman erklärt leise, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, dass von den unten mit großem Geschrei abgeschlossenen Verträgen nur jeder Hundertste tatsächlich mit einer Getreidelieferung endet.
Sichern in alle Richtungen
Ist das nicht völlig übertriebene Zockerei? Nein, findet Lehman. All diese Termingeschäfte seien nötig. Wer immer den Mais im Lager hat, möchte sich gegen einen Preisverfall absichern - sonst würde er ja Geld verlieren. Und wer bald Mais braucht, möchte sich gegen die Preissteigerung absichern - damit er nicht zu viel zahlen muss. "Jede Tonne Mais wird mehrmals abgesichert", sagt Lehman, "weil sie so viele Leute in der Hand haben. Erst sichert sich der Bauer gegen den Preisverfall ab, dann kommt der Großhändler, dann der Verarbeiter und so weiter."
Es geht noch weiter: Jeder Beteiligte brauche gleich mehrere Termingeschäfte. "Wenn der Zwischenhändler die Tonne Mais für einen Monat auf dem Hof hat, kauft er zuerst einen Terminkontrakt, um sich gegen Preisverfall abzusichern", sagt Lehman. "Wenn er den Mais nach einem Monat wieder verkauft, hat er einen Terminkontrakt zu viel. Dann kauft er einen anderen Terminkontrakt, um den ersten auszugleichen." Diese Absicherung sei für die Händler viel leichter, weil sich immer Spekulanten finden, die mit ihnen diese Termingeschäfte abschließen.
Am Ende, sagt Lehman, seien zwar viele Terminkontrakte vereinbart. Aber tatsächlich geliefert werden müsse nur die Hälfte der amerikanischen Jahresproduktion.
Wettberichte machen Kurse
Dann muss der Börsenmanager zum nächsten Termin. Nur ein wichtiges Anliegen hat er noch: Er muss übers Wetter sprechen. "Es ist viel zu warm für die Jahreszeit. Normalerweise haben wir jetzt in Chicago Schnee und nicht zwölf Grad." Das hat er zur Begrüßung schon mal erwähnt. Durchs Fenster sieht man, wie sich das Fernsehprogramm auf dem großen Bildschirm im Handelssaal ändert: Plötzlich läuft nicht mehr der Börsensender, der da vorher eingeschaltet war. Stattdessen kommt der Wetterbericht - mit dem bestbezahlten Meteorologen ganz Amerikas, wie David Lehman erzählt.
Das Wetter ist hier nicht nur Smalltalk-Thema, hier dreht sich die ganze Arbeit nur ums Wetter. "Heute ist der Preis für Mais um drei Cent gesunken", sagt David Lehman. "In den nächsten zehn Tagen soll es nämlich in Nordargentinien ein bisschen mehr regnen."
Preisanstieg auch ohne Spekulation
Argentinien macht den Bauern Sorgen. Dort herrscht Dürre, 80 Prozent der Maisernte sind verloren. Auch als die Preise im Jahr 2008 das erste Mal in die Höhe schossen und die Deutsche Bank in Deutschland ihre Aufkleber auf die Brötchentüten klebte, da machten viele Experten das Wetter verantwortlich. Heftige Dürren in Australien und in Amerikas Kornkammer schienen damals die Ernten zu drücken, dabei waren die Getreidelager schon vom Vorjahr ziemlich mitgenommen - es herrschte schlicht Angst vor Knappheit, und dann steigen die Preise auch ganz ohne Spekulanten.
Ist es wirklich nur das Wetter, das die Preise an der Rohstoffbörse treibt? Der Börsenmanager will nicht über die Preisbildung reden, er müsse unabhängig bleiben. Die Preise, die machten die Händler.
Unbeliebt bei Bauern und Konsumenten
Auch im Trubel des Börsenparketts fällt Rohstoffhändler Scott Shallady auf. Er ist groß, kräftig und braungebrannt, auf seiner Jacke sind Kuhflecken aufgedruckt. In seinem Heimatdorf bewirtschaftet er selbst einen kleinen Bauernhof. "Wenn die Preise sinken, habe ich's im Pub schwer", sagt er. "Die anderen Bauern geben dann mir die Schuld."
Umgekehrt sind die Verbraucher sauer, wenn die Preise steigen. "Wir Börsenhändler müssen jeden Tag einen Freund gewinnen, nur damit wir den Verlust ausgleichen." Scott Shellady nimmt's leicht, er kennt das Geschäft. Die Kuhflecken-Jacke trägt er in Erinnerung an seinen Vater, der in den Sechzigern an der Chicagoer Börse Lebensmittel gehandelt hat. Shellady hat jetzt einen ähnlichen Job. Er handelt mit Soja, Weizen, Mais, mit allen Arten von Getreide. "Für den kleinen Bauern genauso wie für den großen Hedgefonds."
Arme Spekulanten
Shellady selbst hat einige Jahre für die Deutsche Bank in Frankfurt gehandelt mit Optionen auf europäische Wechselkurse. Er sagt: Die Spekulanten seien ähnlich arm dran wie er als Börsenhändler. "Wenn der Preis nach unten geht, dankt niemand den Spekulanten. Nur wenn er nach oben geht, sucht jeder einen Schuldigen."
Shellady ist seinen Spekulanten dankbar, schließlich verdient er Geld an den Aufträgen, die sie ihm geben. Und er nimmt sie in Schutz: Wie viele es auch seien, wie viel Geld sie auch mitbrächten - sie könnten Preise nicht dauerhaft nach oben treiben. Am Ende sei für den Preis entscheidend, wie viele Maiskörner es auf der Welt gibt und wie viele gebraucht werden. Da seien auch die Spekulanten den Marktkräften ausgeliefert.
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Mehr Menschen, mehr Biodiesel, weniger Fläche
Die Marktkräfte: Das ist nicht nur das Wetter. Ökonomen haben eine ganze Reihe von Gründen dafür gefunden, dass die Getreidepreise in den vergangenen Jahren immer wieder so weit in die Höhe gestiegen sind: Es sind zum Beispiel die vielen Menschen in Asien, die reicher werden und mehr Fleisch essen - Kühe aber bekommen oft Mais als Futter. Und es sind die Landflächen, die knapp werden, weil Autos mit Biodiesel angetrieben werden; der Rohstoff muss auch irgendwo angebaut werden. Es gibt viele solcher Marktkräfte.
Am Ende sind die Spekulanten höchstens ein kleiner Teil davon. Selbst Foodwatch geht in seiner großen kritischen Schrift die „Hungermacher“ nur davon aus, dass die Spekulanten die Maispreise um 10 bis 15 Prozent gesteigert haben - in einer Zeit, in der der Preis insgesamt um fast 100 Prozent gestiegen ist.
Doch einen kleinen Einfluss können die Spekulanten auf den Terminmarkt haben. In der Zeit, bevor die Ernte tatsächlich kommt, da können die Spekulanten den Preis zu weit nach unten treiben, wenn sie mit einer großen Maisernte rechnen. Oder eben zu weit nach oben - wenn sie Angst um die Ernten haben, so wie jetzt gerade. Das gibt selbst Scott Shellady zu.