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Agrarrohstoffe : Spekulation auf den Hunger der Welt

Bild: dpa

Die Preise für Weizen, Reis und Mais steigen seit Jahren. Gleichzeitig investieren Anleger Milliarden in Rohstofffonds. Gibt es da einen Zusammenhang?

          Bis ins Detail ist der Auftritt geplant, schließlich muss am kommenden Dienstag alles sitzen: Journalisten werden da sein, Kamerateams und Fotografen - und ihnen allen soll die Botschaft sofort ins Auge fallen: „Welternährung sichern. Spekulanten in die Schranken.“ Der Spruch soll auf einem Transparent stehen, zehn Meter lang und zwei Meter breit, das sie mitten im Frankfurter Bankenviertel in den Himmel halten wollen - genau dort, wo die Deutsche Bank und die Fondsgesellschaft Allianz Global Investors ihren Sitz haben.

          Geschäfte auf Kosten der Ärmsten dieser Welt

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das ist der Plan der Hilfsorganisation Oxfam sowie einiger verbündeter Gruppen, und man muss ihnen zugestehen: Aus ihrer Sicht ist es ein wirklich guter Plan. Denn am Ende, so viel ist jetzt schon sicher, werden weder die Deutsche Bank noch die Allianz bei der Sache gut aussehen können - egal, was sie auch tun. Beiden wirft Oxfam nämlich etwas vor, was zuverlässig stets größte Empörung auslöst: Die Finanzhäuser betreiben Agrarspekulation, also nach Ansicht von Oxfam unerhörte Wetten auf die Preisentwicklung von Weizen, Reis, Mais und Zucker. Zugespitzt gesagt, lautet der Vorwurf: Dort oben, in den Vorstandsetagen der Geldhäuser, machen sie dicke Geschäfte auf Kosten der Ärmsten dieser Welt. Und das angesichts von mehr als 840 Millionen Menschen, die an Hunger leiden - wer würde dies nicht abscheulich finden?

          Fast 80 Prozent der Deutschen sind nach Umfragen gegen jede Form der Nahrungsmittelspekulation. Bei dem Protestmarsch am Dienstag dürfte Oxfam darum große öffentliche Zustimmung gewiss sein. Doch so eindeutig, wie es scheint, ist die Sache keineswegs: Es gibt nämlich angesehene Wissenschaftler wie die Agrarökonomen Thomas Glauben und Sören Prehn sowie den Wirtschaftsethiker Ingo Pies aus Halle, die in zahlreichen Studien zu ganz anderen Ergebnissen kommen. Sie sagen Sätze, die jeder Spekulationsgegner als ungeheuerlich empfinden muss: „Das starke Auftreten der Investoren auf den Agrarmärkten ist kein Übel, sondern ein Segen.“

          Können sie damit recht haben? Treiben große Banken und Fondsgesellschaften durch ihr Tun also gerade nicht die Preise für Weizen, Mais und Reis ungehindert nach oben? Um dies zu beantworten, muss man zunächst einmal verstehen, wie der Terminmarkt für Agrarrohstoffe funktioniert. Dies ist nämlich der Ort, an dem Landwirte, Nahrungsmittelhersteller und Anleger zusammentreffen. Dort werden die sogenannten Futures gehandelt: Wertpapiere, die diesen Namen nur aus einem Grund tragen - weil sie auf die Zukunft ausgerichtet sind. Konkret bedeutet das: Zu Beginn des Jahres weiß ein Landwirt nie, wie gut seine Ernte ausfallen wird - darum kann er sich auf dem Terminmarkt beispielsweise gegen die Gefahr eines zu niedrigen Weizenpreises versichern. Auch Nahrungsmittelkonzerne möchten Unsicherheiten ausschließen und haben darum genauso ein Interesse an einer Versicherung - sie allerdings möchten das Risiko eines zu hohen Weizenpreises vermeiden. Darum brauchen Landwirte und Nahrungsmittelkonzerne für diese Absicherungsgeschäfte unterschiedliche Vertragspartner: Die Landwirte können nur mit jemandem ins Geschäft kommen, der mit einem steigenden Weizenpreis rechnet - die Lebensmittelkonzerne dagegen nur mit jemandem, der einen Rückgang des Weizenpreises erwartet.

          Die Sache mit dem Preis

          An dieser Stelle, das bestreiten nicht einmal die Oxfam-Anhänger, werden nun die Spekulanten gebraucht: Je nach Überzeugung kaufen sie entweder Wertpapiere auf einen steigenden oder einen fallenden Weizenpreis. Gäbe es sie nicht, stünden Landwirte und Lebensmittelkonzerne am Ende ohne Versicherung da. Ohne Investoren würde der Terminmarkt also nicht funktionieren, könnte sich kein Akteur absichern. Dem Markt fehlte es an Liquidität, wie die Fachleute das nennen.

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