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Agrarrohstoffe : Kakao als Spielball der Spekulation

  • Aktualisiert am

Ungeröstete Kakaobohnen Bild: F.A.Z.

Das Handelshaus Armajaro hat am Terminmarkt NYSE Liffe in großem Ausmaß Kakao-Terminkontrakte gekauft. Nun steht der Londoner Markt in der Kritik. Unternehmen und Handelsorganisationen beschweren sich über Marktmanipulationen.

          Bei der Londoner Terminbörse NYSE Liffe haben 16 Unternehmen und Handelsorganisationen Beschwerde über Marktmanipulationen am Kakao-Markt eingelegt. Seit Monaten fällt der Branche auf, dass massive Käufe am Futures-Markt den kurzfristigen Kakao-Preis so in die Höhe getrieben haben, dass am Markt die ungewöhnliche Preisstruktur der Backwardation herrscht.

          Dies bedeutet, dass der kurzfristig zu zahlende Kakao-Preis des Terminkontraktes Juli 2010 um mehr als 300 Dollar die Tonne über den Preis des Dezemberkontraktes gestiegen war und nach Aussage des Internationalen Kakao-Verbandes die Gefahr kurzfristiger Lieferschwierigkeiten signalisierte. Händler und Unternehmen, die sich derzeit mit Kakao eindecken müssen, sind daher gezwungen, momentan eine Prämie von 15 Prozent für Kakao zu zahlen.

          Verzerrungen am Kakao-Markt

          Ende vergangener Woche wurde bekannt, dass Armajaro, ein Londoner Handelshaus in Agrarrohstoffen, das gleichzeitig einen Hedge-Fonds betreibt, so viele Juli-Terminkontrakte auf Kakao gekauft und bis Fälligkeit gehalten hatte, dass das Unternehmen jetzt Anspruch auf Lieferung von 240 100 Tonnen hat. Das entspricht 7 Prozent der globalen Jahres-Produktion von Kakao. Das Volumen macht nahezu die gesamte Kakao-Menge aus, die in öffentlich registrierten Warenhäusern in Europa lagert (270 000 Tonnen). Die Verzerrungen am Kakao-Markt dürften die Stimmen stärken, die seit langem größere Transparenz mit Blick auf die Handelspositionen von Spekulanten an den Rohstoffmärkten einfordern. Der internationale Kakao-Verband, die International Cocoa Organization (ICCO), berichtet, dass seit Wochen Schiffsladungen mit Kakao wegen des in Europa höheren Kakao-Preises und zuvor niedriger Lagerbestände eher Europa als die Vereinigten Staaten ansteuern. So wurden im Juni 19 000 Tonnen Kakao mehr nach London und entsprechend weniger nach Amerika verschifft. Armajaro hat mehrere Untergesellschaften. Gegründet wurde das Unternehmen 1998 von Anthony Ward, einem ehemaligen Kakao- und Kaffee-Händler, der auch schon Aufsichtsratsvorsitzender des Europäischen Kakao-Verbandes war.

          Kakao Pflanzung, Elfenbeinküste

          Armajaro fungiert als Großhändler für Kakao und Kaffee und hat Niederlassungen in Südafrika, Ghana, Nigeria, der Elfenbeinküste, Malaysia und Vietnam - ist also bestens über die Produktion und den Zustand der Ernte informiert. Zu den Kunden zählen Lindt & Sprüngli und Kraft. Seit 2002 weitet Armajaro das Fondsgeschäft und seine Hedge-Fonds-Aktivitäten in Agrarrohstoffen aus. Im vergangenen Jahr stieß Michael Hutchinson zu Armajaro, der ehemalige Chef der Metallgesellschaft.

          Sebst der internationale Kakao-Verband warnt

          Der Hochsommer ist immer eine schwierige Zeit für den Kakao-Markt. Im September beginnt die Nachfrage für die Weihnachtsproduktion zu steigen, bevor die afrikanische Ernte auf den Markt kommt. Produktionsschwierigkeiten in der Elfenbeinküste haben in den vergangenen vier Jahren dazu beigetragen, dass die Nachfrage das Angebot übersteigt und der Kakao-Preis mittlerweile auf den höchsten Stand seit dreißig Jahren gestiegen ist. Am Montag notierte der Preis für die Rohsubstanz für Schokolade an der NYSE Liffe bei 2447 Pfund die Tonne, könnte aber bis September möglicherweise auf 3000 Pfund die Tonne steigen, meinen Händler.

          "Es ist nicht verboten, große Mengen Kakao zu kaufen. Aber die Frage ist, ab welchem Punkt ein Handelshaus beginnt, den Markt in die Enge zu treiben. Langfristig wird sich nichts daran ändern, dass sich der Kakao-Preis nach dem fundamentalen Verhältnis von Angebot und Nachfrage richtet. Aber kurzfristig kann so ein Verhalten eines Händlers extreme Preisverzerrungen mit sich bringen", warnt Laurent Pipiton vom ICCO. In einem Brief an die NYSE Liffe haben 16 Unternehmen und Handelsorganisationen die Liffe gewarnt, dass "eine Manipulation des Kontraktes" den "Londoner Markt in Verruf bringe." Im Gegensatz zu dem New Yorker Terminmarkt ICE (International Commodities Exchange) können Marktteilnehmer bei der NYSE Liffe nicht erkennen, ob sich vor allem Branchenunternehmen oder eher Spekulanten am Markt engagieren und welche Handelspositionen sie halten. Die ICE bringt alle zwei Wochen einen Bericht heraus, der genau aufzeigt, wie hoch die Marktpositionen von Handelshäusern und Unternehmen des Kakao-Marktes (Commercial) und wie hoch die Spekulationspositionen von Finanzinvestoren (Non-Commercial) sind. Die NYSE Liffe hat nun auf die Beschwerde der Kakao-Branche reagiert. Sie plant, "demnächst" ebenfalls entsprechende Transparenz zu schaffen und einen ähnlichen Bericht über die Struktur der Handelspositionen einzuführen. Sie betont aber, dass nicht alle Marktteilnehmer diese Transparenz bisher gewollt hätten. Bei der Liffe heißt es, Hinweise auf Marktmanipulation gebe es nicht.

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