05.12.2006 · Der Wohlstand in China und Indien wächst, auch die Ernährungsgewohnheiten ändern sich. Das sollte die Preise für Agrarrohstoffe steigen lassen. Bisher ging diese Spekulation allerdings nicht auf. In naher Zukunft wird das wohl so bleiben.
Von Bernd MikoschDie Rally der Rohstoffe ging an den meisten Agrarprodukten spurlos vorbei. Doch das scheint sich jetzt zu ändern, könnte man meinen: Während der Hausse der Industriemetalle im Frühjahr die Luft ausgegangen ist, zeigten die Kurse vieler Agrarrohstoffe in den vergangenen Monaten nach oben. Die Argumente, die für Weizen, Zucker oder Kaffee sprechen, liegen auf der Hand. Die Weltbevölkerung wächst und muß ernährt werden, die Ackerflächen lassen sich aber nicht beliebig ausweiten. Der Investor Jim Rogers, vielerorts als Rohstoff-Guru gefeiert, geht davon aus, daß sich durch den zunehmenden Wohlstand aufstrebender Volkswirtschaften wie China und Indien die Eßgewohnheiten ändern werden. Tatsächlich steigt dort der Fleischkonsum, und das wiederum bedingt eine höhere Nachfrage nach Futtergetreide.
„Aber auch die immer wichtiger werdenden alternativen Energiequellen spiegeln sich im Agrarsektor wider“, sagt Funda Tarhan vom Zertifikateteam der ABN Amro. „Zucker als Energielieferant bei ethanolbetriebenen Autos wird immer mehr ein Thema werden.“ ABN Amro rät allerdings eher zu einer langfristigen und breitgestreuten Anlage, zum Beispiel mit einem Index-Zertifikat. „Kurzfristig können die Kurse einzelner Agrarrohstoffe extrem schwanken“, sagt Tarhan. „In einem schlechten Erntejahr steigt der Preis, in einem guten fällt er. Da wir alle keine Landwirte sind, ist es enorm schwierig, zum Beispiel den Einfluß der Witterung auf die Rohstoffpreise konkret einzuschätzen.“
Keine langjährigen Aufwärtstrends zu erkennen
In der Vergangenheit haben Anleger mit Agrarrohstoffen auf lange Sicht kaum Geld verdienen können. Mit dem Verbraucherpreisindex bereinigte Kursbilder des amerikanischen Datenanbieters The Chart Store zeigen, daß der Weizenpreis von 1860 bis 1930 um die Marke von 20 Dollar je Scheffel pendelte und nie unter 10 Dollar gefallen ist. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sinkt der Preis im Trend dagegen - unterbrochen nur von einzelnen kurzen Ausschlägen nach oben. So hat der Weizenpreis seit 25 Jahren inflationsbereinigt die Schwelle von 10 Dollar je Scheffel nicht mehr überschritten, seit fast zehn Jahren bewegt sich der Kurs sehr volatil zwischen 2,50 und 5 Dollar. Auch bei anderen Agrarrohstoffen sind keine langjährigen Aufwärtstrends zu erkennen.
Offensichtlich hat die steigende Produktivität die wachsende Nachfrage in der Vergangenheit also mehr als wettgemacht. Warum sollte sich das ausgerechnet jetzt ändern? „Bis 2050 haben wir drei Milliarden Menschen mehr zu ernähren“, sagt Jürgen Zeddies, Professor am Institut für Landwirtschaftliche Betriebslehre an der Universität Hohenheim. Dazu komme die verstärkte Nutzung von Pflanzen als Energieträger. Eines Tages würden die landwirtschaftlichen Nutzflächen deshalb tatsächlich knapp werden. „Bis 2015 haben wir weltweit aber noch erhebliche Reserven“, sagt Zeddies. „In der Europäischen Union und Nordamerika laufen derzeit ja sogar Flächenstillegungsprogramme.“
Der Weizenpreis wird steigen - aber wohl nur wenig
Daß die Preise künftig im Trend weiter sinken werden, glaubt Zeddies indes nicht. „Großflächige Mechanisierungen und andere Effizienzsteigerungen, wie wir sie in den vergangenen Jahrzehnten gesehen haben, sind in diesem Ausmaß in Zukunft wohl nicht mehr möglich. Außerdem wird das Wasser zunehmend knapp.“
Das Food and Agricultural Policy Research Institute (Fapri), ein Forschungsinstitut der Iowa State University und der University of Missouri-Columbia, wagt in einer Studie einen Blick zehn Jahre in die Zukunft: Die Fachleute rechnen damit, daß der Weizenpreis in den kommenden zehn Jahren um insgesamt etwa 10 Prozent steigen wird. Bei Mais erwarten sie ein Plus von 30 Prozent - das klingt viel, entspricht, verteilt auf zehn Jahre, allerdings nur einem durchschnittlichen Jahreszuwachs von 2,7 Prozent. Den Zuckerpreis dagegen sehen die Experten um gut 10 Prozent sinken.
Berichte machen keine Hoffnung auf große Gewinne
Solche Langzeitprognosen sind ohne Frage mit großen Unsicherheiten behaftet. Zum Beispiel rechnet das Fapri damit, daß die Preise für fossile Energieträger wieder sinken, „aber deutlich über dem Niveau der Jahre 1997 bis 2002 verharren werden“. Bei steigenden Energiepreisen werde der Preis für Ethanol wohl stärker zulegen und auch den Zuckerpreis wieder nach oben treiben, erklärt Zeddies.
Preisprognosen bis 2015/16 unternimmt auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Zusammenarbeit mit der Welternährungsorganisation (FAO). Behalten sie recht, steigen die Preise der wichtigsten Agrarrohstoffe noch weniger.
Die offiziellen Berichte können den Anlegern also keine Hoffnung auf große Gewinne mit Agrarrohstoffen machen - zumindest nicht in den kommenden zehn Jahren. Solange müssen sie, wenn sie Geld verdienen wollen, wohl auf kurzfristige Trends setzen. Daß das funktionieren kann, zeigt das Beispiel Orangensaft: Der Preis für gefrorenes Orangensaftkonzentrat ist seit Jahresbeginn in Dollar gerechnet um mehr als 50 Prozent und damit erstmals seit 1980 über die die Marke von 2 Dollar je Pfund gestiegen. Das liegt übrigens nicht am Orangensaftkonsum der Chinesen, sondern vor allem an schlechten Ernteprognosen wegen Sturmschäden.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06 % |
| Silber | 28,24 $ | +0,57 % |
| Platin | 1.430,00 $ | +0,92 % |
| Palladium | 592,00 $ | +0,34 % |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14 % |
| Gas | 0,53 £ | −0,56 % |
| Kaffee | 1,68 $ | +1,27 % |
| Zucker | 0,20 $ | +0,36 % |
| Orangensaft | 1,09 $ | +0,32 % |
| AMEX GOLD BUGS | 601,37 | -- % |
| AMEX OIL | 1.151,96 | -- % |
| Rogers International | 24,14 | +0,50 % |