Home
http://www.faz.net/-gvz-qy1h
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Agrarrohstoffe (3) Die hohen Benzinpreise lassen auch Zucker teurer werden

11.01.2006 ·  Eine Hausse, wie sie derzeit abläuft, hat der Zuckermarkt seit Jahren nicht gesehen - und sie ist wohl noch nicht an ihrem Ende angelangt. Denn die Nachfrage nach Biotreibstoffen steigt steil an.

Von Arnd Hildebrandt
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Eine Hausse, wie sie derzeit abläuft, hat der Zuckermarkt seit Jahren nicht gesehen - und sie ist wohl noch nicht an ihrem Ende angelangt.

Getrieben von der Besorgnis darüber, daß die Produktion möglicherweise auf lange Zeit nicht mit dem Bedarf Schritt halten kann, hat der Markt Mitte November 2005 zu beschleunigten Preissteigerungen angesetzt. Bereits vom Herbst 2003 an hatten die Preise langsam, aber stetig Terrain gewonnen, seither haben sie sich in New York in der Spitze um etwa das Dreifache verteuert und liegen auf dem höchsten Niveau seit 1995.

Angebot wächst nicht mehr ausreichend

Die treibende Kraft dieser Hausse wurde weithin lange unterschätzt. Es sind die Preissteigerungen bei Rohöl und vor allem bei Benzin. Sie ließen die Nachfrage nach alternativen Treibstoffen stark anziehen. Hier ragt das aus Zuckerrohr gewonnene Äthanol heraus, das in Brasilien schon seit Jahrzehnten als Benzinzusatz und inzwischen sogar als Benzinersatz verwendet wird. Das Land ist der führende Produzent und Exporteur von Rohzucker.

Je mehr Zuckerrohr dort zur Herstellung von Äthanol anstatt von Zucker abgezweigt wird, desto geringer fällt der Exportüberschuß an Zucker aus. Inzwischen werden in nahezu allen Ländern, die Zuckerrohr produzieren und Überschüsse erzeugen, Anlagen zur Herstellung von Äthanol errichtet, so daß das Gesamtangebot an Zucker tendenziell wenigstens nicht mehr ausreichend wächst, um die Nachfrage decken zu können.

Terminhandel mit Rohzucker lockt Spekulanten

Die großen Handelsplätze für Zucker mit den dazugehörigen Terminbörsen sind New York und London. New York zeichnet sich durch das Geschäft mit Rohzucker („raws“) aus. Der Kontrakt dort trägt in Abgrenzung zu einem für das internationale Geschäft bedeutungslosen Binnenkontrakt die Bezeichnung „Weltzucker“. In London gründet sich das Geschäft überwiegend auf Weißzucker („whites“), die bereits raffinierte Verarbeitungsstufe des Rohzuckers.

Der Terminhandel vor allem mit Rohzucker hat von Zeit zu Zeit immer wieder starke Anziehungskraft auf die Spekulation ausgeübt. Herausragende Beispiele dafür waren die Jahre 1974/75 und 1979/80. Vermutete akute Verknappungstendenzen ließen die Preise 1974/75 binnen weniger Monate von etwa 10 Cent auf rund 65 Cent je Pound emporschießen. 1979 begannen sie ihren steilen Aufschwung bei etwa 8 Cent. Die Hausse endete so abrupt wie die vorausgegangene bei rund 45 Cent. In beiden Fällen stürzten die Notierungen unter ihre Ausgangspunkte ab. Manche Analysten halten angesichts der stark zunehmenden Nachfrage nach Äthanol eine neue, explosive Hausse für möglich. Aus charttechnischer Sicht könne sie beginnen, wenn die Notierungen in New York die Marke von 16 Cent klar überschreiten sollten, heißt es. Derzeit bewegen sie sich bei knapp 15 Cent.

Brasilien mit Abstand der bedeutendste Produzent

„Zucker wächst an jeder Ecke“, hieß es früher in Händlerkreisen, wenn eine einmal aufgekommene Haussestimmung mit Hinweis auf ein rasch wieder zunehmendes Angebot gedämpft werden sollte oder wenn sehr niedrige Preise eine Erklärung forderten. Gemeint war Zuckerrohr, das in tropischen und subtropischen Regionen erzeugt wird.

Führender Produzent war früher Kuba. Dort wurden noch in den achtziger Jahren aus diesem Rohstoff etwa 8 Millionen Tonnen Rohzucker jährlich hergestellt. Heute kann sich Kuba glücklich schätzen, wenn die Verarbeitung von Zuckerrohr einmal deutlich mehr als 2 Millionen Tonnen Rohzucker erbringt. Dafür ist Brasilien im Laufe der Jahre zum mit Abstand bedeutendsten Produzenten von Zuckerrohr und Rohzucker aufgestiegen. In der Weltsaison 2004/05 (Oktober/September) sollen dort knapp 30 Millionen Tonnen Rohzucker erzeugt und knapp 18 Millionen Tonnen exportiert worden sein.

Neue Zuckermarktordnung für die EU

Der große „Gegenspieler“ Brasiliens auf dem Weltmarkt ist - wenigstens statistisch - die Europäische Union (EU). Hier sollen 2004/05 mehr als 21 Millionen Tonnen Zucker erzeugt und 6,2 Millionen Tonnen ausgeführt worden sein. Entscheidende Unterschiede zwischen den beiden bedeutendsten Zuckeranbietern sind, daß in der EU Zucker aus Zuckerrüben gewonnen wird und daß die EU Weißzucker exportiert.

Im vergangenen Jahr ist jedoch auf Druck der Welthandelsorganisation (WTO) und zur Beschneidung wuchernder Subventionen eine neue Zuckermarktordnung für die EU beschlossen worden. Sie zeichnet einen deutlichen Rückgang des Zuckerrübenanbaus und auch des Exports von Weißzucker vor. Dies wird die bereits seit Jahren zu beobachtende Tendenz, nach der die Produktion von Zucker aus Zuckerrüben zugunsten der Erzeugung aus Zuckerrohr abnimmt, noch verstärken. Noch bis 1990 wurden rund 40 Prozent des Weltangebots aus Zuckerrüben gewonnen. Der Anteil ist seither auf rund 25 Prozent geschrumpft.

Nachfrage dürfte noch zunehmen

Zucker wird in mehr als hundert Ländern erzeugt. Der überwiegende Teil, nämlich etwa 70 Prozent der gegenwärtig bei knapp 150 Millionen Tonnen liegenden Jahresproduktion von Rohzucker, wird in den Ursprungsländern selbst verbraucht. Unter den Exporteuren bilden Brasilien, die EU, Australien, Thailand und Guatemala mit einem Gesamtanteil von rund 80 Prozent die Spitze. Die Rangfolge der Produzenten sieht etwas anders aus. Es führen zwar auch hier Brasilien und die EU, doch folgen dann Indien, China, die Vereinigten Staaten von Amerika und Mexiko. Zu den führenden Zuckerimporteuren zählten 2004/05 Rußland, Südkorea, Japan und, wegen einer unerwartet geringen Eigenproduktion, auch Indien.

Die Erzeugung von Äthanol bleibt auf unabsehbare Zeit das ausschlaggebende Wachstumselement des Zuckermarktes. Rund 60 Prozent der Weltproduktion von Äthanol gründen sich auf Zuckerrohr. Von 2000 bis 2005 soll die Äthanolerzeugung um 145 Prozent gestiegen sein. Es wird erwartet, daß die Nachfrage vor dem Hintergrund anhaltend hoher Preise für Benzin künftig mit Jahresraten von etwa 30 Prozent zunimmt, zumal eine wachsende Zahl von Ländern, gleich welchen wirtschaftlichen Entwicklungsstandes, gesetzliche Voraussetzungen für eine verstärkte Verwendung von Biotreibstoffen schafft. Dies erklärt die bisherige Hausse am Zuckermarkt - und läßt die Frage offen, ob in den kommenden Jahren ausreichend Zuckerrohr produziert werden kann, um den schier unstillbaren Bedarf der Äthanolproduzenten zu befriedigen.

Quelle: F.A.Z., 12.01.2006, Nr. 10 / Seite 20
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
  nach...
von... EUR USD JPY
EUR 1 1,2515 99,715 0,7988
USD 0,7990 1 79,665 0,6384
JPY 0,0100 0,0126 1 0,0080
1,2520 1,5664 124,81 1
25.05.2012 23:00 Uhr
  Vortag
1,2515 −0,14%
 OK
Tops & Flops Kurs Prozent
EUR/RUB 40,0510 +0,71 %
EUR/ZAR 10,5135 +0,32 %
EUR/PLN 4,3498 +0,32 %
EUR/SGD 1,6038 +0,20 %
EUR/CAD 1,2882 +0,09 %
EUR/SEK 8,9732 −0,20 %
EUR/NZD 1,6581 −0,20 %
EUR/CZK 25,2820 −0,28 %
EUR/HUF 299,2500 −0,33 %
EUR/NOK 7,5265 −0,41 %
25.05.2012
Name Kurs Prozent
Gold 1.569,50 $ +0,06 %
Silber 28,24 $ +0,57 %
Platin 1.430,00 $ +0,92 %
Palladium 592,00 $ +0,34 %
Rohöl Brent Crude 106,90 $ +0,14 %
Gas 0,53 £ −0,56 %
Kaffee 1,68 $ +1,27 %
Zucker 0,20 $ +0,36 %
Orangensaft 1,09 $ +0,32 %
AMEX GOLD BUGS 601,37 -- %
AMEX OIL 1.151,96 -- %
Rogers International 24,14 +0,50 %
von
nach