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Veröffentlicht: 28.05.2013, 12:17 Uhr

Agrar-Spekulation „Moral ist ökonomisch sinnvoll“

Mit der DZ Bank als Zentralinstitut der Volks- und Raiffeisenbanken hat sich ein weiteres Bankinstitut vom Geschäft mit Nahrungsmittelspekulationen getrennt. Ein Gespräch über Moral an den Finanzmärkten mit Markus Willaschek, Professor für Philosophie an der Universität Frankfurt.

© FAZ.NET Markus Willaschek

Herr Willaschek, die DZ Bank als Zentralinstitut der Volks- und Raiffeisenbanken trennt sich vom Geschäft mit Nahrungsmittelspekulationen. Wird die Finanzbranche endlich moralisch?

Es liegt im eigenen Interesse der Finanzbranche, sich moralische Maßstäbe zu geben. Früher hießen Banker mal Bankiers und hatten ein hohes Ansehen.

Ist denn Nahrungsmittelspekulation moralisch verwerflich, schließlich ist ein Marktpreis ein Knappheitsanzeiger?

Wir brauchen funktionierende Nahrungsmittelmärkte. Aber wenn Spekulation dazu führt, dass Menschen verhungern, kann das nicht richtig sein.

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Vielfach wird die Spekulation an den Finanzmärkten generell für moralisch verwerflich gehalten.

Das sehe ich nicht so. Wir brauchen Kapitalmärkte, die Kapitalgeber und Kapitalnehmer zusammenbringen. Investitionen mit Risiko erfolgen in einer Gewinnerwartung. Es muss also auch Gewinner geben dürfen. Spekulation ist damit nicht per se verwerflich. Spekulation ist aber moralisch nur vertretbar, wenn davon die gesamte Gesellschaft profitiert. Das ist leider nicht immer der Fall.

Finanzmärkte versuchen Kapital seiner ökonomisch optimalen Verwendung zuzuführen. Überfordert es sie nicht, dabei auch moralische Aspekte zu berücksichtigen?

Nicht unbedingt. Es gibt Pensionsfonds, die sehr langfristig investieren und deshalb sehr wohl moralische Aspekte bei der Geldanlage berücksichtigen. Es ist immer eine individuelle Investorenentscheidung, ob auch außerökonomische Werte beachtet werden.

Wer entscheidet eigentlich, was moralisches Wohlverhalten ist und was nicht?

Die Philosophie diskutiert seit 2500 Jahren, was gut, was moralisch richtig ist. Die moralischen Ansprüche sind extrem vielfältig und im Einzelnen oft umstritten. Bei allen Unterschieden im Detail gibt es aber einige moralische Standards, auf die sich wohl alle einigen können.

Und die wären?

 Vor allem, anderen Menschen keinen Schaden zuzufügen, auch keinen ökonomischen Schaden, und ihre Würde nicht zu verletzen, indem man ihre politische Freiheit und ihre Rechte respektiert.

Das lässt viel Interpretationsspielraum.

Es gibt in der Tat Grauzonen. Aber es gibt auch viele klare Fälle. Daher ist es wichtig, dass Unternehmen sich klare Mindeststandards setzen. Diese müssen dann konsequent umgesetzt werden, um glaubwürdig zu werden. Ein bisschen Wohlverhalten gibt es nicht.

Volkswagen müsste seine Fabriken in China schließen, weil dort politische Freiheit und Menschenrechte unseren moralischen Maßstäben nicht entsprechen. Menschen dort wie hierzulande verlören ihren Arbeitsplatz. Ist das moralisches Wohlverhalten?

Es gibt einen Zielkonflikt zwischen Moral und Ökonomie, der sich nicht vollständig auflösen lässt. Wenn aber etwas klarerweise moralisch falsch ist, dann darf keine ökonomische Abwägung erfolgen, dann darf man ein Geschäft nicht machen. Wobei eine gut geführte Autofabrik in China langfristig dazu beitragen kann, in China Freiheitsrechte und Wohlstand zu fördern. Damit wäre sie moralisch vertretbar. Die Finanzierung von Minengesellschaften, in deren Minen Menschen unter unwürdigen Bedingungen arbeiten, ist dies jedoch nicht.

Unternehmen stehen im globalen Wettbewerb. Fragwürdige Geschäfte macht dann ein anderer, und irgendwann existiert das moralische Unternehmen nicht mehr.

 Ich glaube, dass das konsequente Einhalten moralischer Standards ökonomisch sinnvoll und lohnend ist. Die Unternehmenskultur umzustellen, ist gerade in der Finanzbranche, die auf Vertrauen basiert, langfristig die richtige Strategie. Der immer wieder als Kronzeuge für freie Märkte angeführte Adam Smith hat übrigens seinem „Wealth of Nations“ mit der „Theory of Moral Sentiments“ ein bedeutendes moralphilosophisches Standardwerk zur Seite gestellt.

Die Kapitalmärkte sind an Rendite interessiert und werden das Unternehmen, das mehr und rentablere Geschäfte macht, bevorzugen.

Die Gesellschaft muss moralisch handelnde Unternehmen unterstützen. Das betrifft die politischen Rahmenbedingungen ebenso wie Investoren, die bei kurzfristigen Gewinnrückgängen nicht sofort das Vertrauen entziehen sollten. Auch muss die öffentliche Wahrnehmung honorieren, wenn ein Unternehmenslenker sich hinstellt und erklärt, warum er ein bestimmtes Geschäft nicht gemacht hat. Die Unternehmen können ein solches Verhalten dann offensiv kommunizieren.

Werden Unternehmen sich freiwillig moralischen Standards unterwerfen, oder bedarf es dazu eines gesetzlichen Zwangs?

Gesetzliche Verbote mögen in manchen Fällen notwendig sein, sie allein reichen aber nicht aus. Wer Gesetze nur befolgt, um Strafe oder Nachteile zu vermeiden, wird sie umgehen, wo immer dies möglich ist. Die Unternehmen und ihre Mitarbeiter müssen aus sich heraus von den moralischen Werten überzeugt sein. Ohne Einsicht und moralisches Urteilsvermögen der Beteiligten geht es nicht.

Die Managergehälter orientieren sich an Rendite und nicht an Menschenrechten.

 Die interne Unternehmenskultur muss sich ändern, sonst hat Wohlverhalten keine Chance. Gegen eigene ökonomische Interessen werden sich nur wenige moralisch verhalten. Die Anreizsysteme müssen moralische Aspekte berücksichtigen.

Sehen Sie hier schon Veränderungen bei den Unternehmen?

Das Beispiel der Chemiebranche hat gezeigt, dass es zwanzig Jahre dauern kann, bis ein Unternehmen verlorenes Vertrauen zurückgewinnt. In der Finanzbranche gibt es zumindest viele Ankündigungen, die Unternehmenskultur zu ändern.

Trauen Sie der Branche zu, das aus sich heraus zu schaffen?

Da moralisches Wohlverhalten im langfristigen Interesse der Unternehmen liegt, ja. Aber es wird nicht leicht sein, dies gegen kurzfristige Profitinteressen durchzusetzen. Hier ist noch viel Überzeugungsarbeit nötig, zu der auch die Philosophie vielleicht etwas beitragen kann.

Das Gespräch führte Daniel Mohr.

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