18.02.2012 · Mais ist das Grundnahrungsmittel der Ärmsten. Der Preis hat sich verdoppelt. Sind deutsche Volksbank-Kunden schuld am Hunger? Auf der Spur der Spekulation von Frankfurt über Chicago nach Afrika.
Von Thomas Scheen und Patrick BernauDie Reise auf der Spur der Spekulation beginnt in Frankfurt bei Michael Müller und mit der Frage: Ist er ein böser Mensch? Wenn ja, dann kann er das gut verstecken. Sein Lächeln ist offen, die kurzen Haare sind hochgegelt wie beim Börsenstar Dirk Müller.
Michael Müller handelt an der Börse - und zwar mit Lebensmitteln. Er steht in einem unscheinbaren Bürogebäude in Frankfurt, auf dem Schreibtisch stehen vier Computermonitore.
Zwei davon zeigen, was an den Rohstoffbörsen der Welt los ist: Was Aluminium kostet, Kupfer, Zucker und Mais. Wenn der Preis steigt, sind die Zahlen grün. Wenn er fällt, werden sie rot. Es ist Viertel nach vier, bisher ist der Tag für Müller ziemlich rot. Doch die Kurse werden noch ins Plus drehen. Es wird ein guter Tag für Müllers Kunden.
Politisch korrekt ist das nicht mehr. Das lernte die Deutsche Bank schon 2008. Da klebte sie in Frankfurt auf Brötchentüten die Frage "Freuen Sie sich über steigende Preise?". Damals stiegen die Preise für Weizen und Mais, und die Deutsche Bank machte Werbung für ihren Lebensmittelfonds. Schnell bekam sie vorgeworfen, mit ihrem Fonds die Lebensmittelpreise in die Höhe zu treiben. Hungersnot, Leid, Tod - an allem sollten die Spekulanten schuld sein.
Im vergangenen Jahr sind die Preise wieder gestiegen. Mais ist jetzt doppelt so teuer wie vor sechs Jahren. Mais, ausgerechnet. Das wichtigste Korn der Welt. Kein anderes wird in solchen Mengen angebaut, keines ist so zentral als Nahrung für die Armen. Der Maisbrei "Pap" ist in Afrika das Essen der Leute, die sich sonst nichts mehr leisten können. Südlich der Sahara ist Mais das tägliche Korn für rund die Hälfte der Bevölkerung. Wenn der Preis steigt, werden aus Armen Hungernde.
Der Deutsche Thilo Bode hat den Kampf gegen die Lebensmittelspekulation aufgenommen. Wenn der Chef des Vereins "Foodwatch" spricht, hört Deutschland zu. "Man kann im Kasino wetten, da schädigt man im schlechtesten Falle nur sich selbst. Aber die Börsen sind kein geschlossenes Kasino", schimpft er. Bode kritisiert, an den Warenbörsen der Welt werde viel zu viel spekuliert - viel mehr, als für die Nahrungspreise gut sei.
Inzwischen streitet halb Deutschland gegen Investitionen in Lebensmittel. Demonstranten protestieren vor der Deutschen Bank. Attac, evangelische Akademien und Co. organisieren Diskussionen in Berlin, Magdeburg und Braunschweig. Der Streit um Lebensmittelfonds reißt nicht ab. Doch welche Folgen hat die Geldanlage eines deutschen Volksbank-Kunden in einem Lebensmittelfonds wirklich? Wir sind dem Geld nachgereist, von Frankfurt über Chicago bis zu den Slumbewohnern in Johannesburg und zu den Bauern in Kenia, die von den hohen Preisen profitieren.
In Frankfurt geht für Michael Müller ein ganz normaler Tag zu Ende. Er verwaltet den Rohstoff-Fonds von Union Investment, die Fonds für die Kunden der deutschen Volksbanken anbieten. Wenn also in Geislingen an der Steige ein Rechtsanwalt sein Erspartes zur Volksbank bringt, dann landet gelegentlich ein Teil davon im Uni-Commodities-Fonds von Michael Müller. Und der investiert es in Rohstoffe. Also auch in Lebensmittel, eben in Mais.
Dafür hat er eine Menge Geld. Offenbar wollen viele Deutsche an dem Rohstoff-Preistrend wirklich verdienen. Erst vor sechs Jahren ist Müllers Fonds aufgelegt worden, heute stecken schon 331 Millionen Euro darin. 62 Millionen Euro davon sind in Getreide investiert.
Nicht viele Rohstoffmanager in Deutschland investieren so viel von ihrem Geld in Getreide wie Michael Müller. Die Idee ist simpel und gut für Anleger: Wer viele unterschiedliche Geldanlagen hat, der leidet weniger, wenn es an der Börse mal kracht. Also sollten möglichst viele unterschiedliche Rohstoffe in den Fonds. Wenn die Rohstoffe nicht nur das Vermögen stabilisieren, sondern auch noch ihr Preis steigt - umso besser. Die meisten Rohstoff-Fondsmanager investieren vor allem in Öl und Gas. Doch Union Investment verteilt das Geld möglichst gleichmäßig auf alle Rohstoffe. Allein im Mais stecken 22 Millionen Euro.
Inzwischen ist das politisch heikel. Entsprechend nervös ist Müller, wenn ein Journalist zu Besuch kommt. Solange Müller über die Technik seiner Arbeit spricht, ist alles noch ganz wunderbar: Wenn er die Aufgaben seiner vier Monitore erklärt. Und wenn von den Reisen schwärmt, auf denen er und seine Kollegen Bauernhöfe und andere Rohstoffproduzenten auf der ganzen Welt besuchen, um deren Kalkulation zu verstehen: Wo liegt die Untergrenze des Maispreises, bei dem die Bauern lieber anderes Getreide anbauen oder ihre Felder sogar ganz brach liegen lassen?
Wenn das passiert, wird der Preis wieder steigen - das ist eine Gewinnchance für Müller, jetzt kann er kaufen. Umgekehrt sollte er tunlichst dann verkaufen, wenn der Preis eine bestimmte Grenze überschreitet. Dann sinkt er nämlich bald, denn die Maisbauern widmen dann mehr Felder zur Maisproduktion um, und auch die Käufer weichen aus - zum Beispiel bekommen Kühe anderes Futter, und am Ende bleibt mehr Mais für die Menschen übrig. Müller und seine Kollegen haben all das genau verstanden.
Aber ob Müller einen Einfluss auf die Lebensmittelpreise hat, das ist ein heikles Thema. Er stottert, immer wieder guckt er auf den Sprechzettel, den die Fondsgesellschaft ausgegeben hat. "Wir achten auch darauf, möglichst antizyklisch zu agieren", sagt er dann und meint: Er kauft den Mais eben dann, wenn er billig ist. Wenn der Preis aber hoch ist, dann verkauft er. So macht er für seine Anleger am meisten Gewinn. Mit seinem gestelzten Satz will Müller sagen: Wenn er überhaupt den Preis beeinflusst, dann arbeitet er eher gegen die Spitzen.
Doch dass er überhaupt irgendetwas am Preis ändert - das will er nicht richtig gelten lassen. Denn Müller selbst hat überhaupt keine Maiskörner. "Erst durch das Aufbewahren in großen Mengen kann es zu einer Verknappung des Angebots kommen", sagt er. Doch richtigen Mais nimmt der Mann höchstens in seiner eigenen Küche in die Hand. Als Fondsmanager könnte er damit überhaupt nichts anfangen, Müller hat kein Maissilo. Deshalb investiert er auch gar nicht direkt in Mais. Er schließt nur Geschäfte ab mit Investmentbanken, die das Geld weitertragen an die Rohstoffbörse, zum Beispiel in Chicago.
Nicht mal die Investmentbanken kaufen Maiskörner. Sie kaufen nur das Recht auf eine Maislieferung in ein paar Monaten, „Termingeschäfte“ nennen das die Finanzprofis. Den Mais selbst nehmen die Banker nicht an. Stattdessen verkaufen sie die Lieferung weiter, spätestens ein paar Tage bevor sie bei ihnen einträfe, zum Beispiel an einen Großhändler oder einen Popcorn-Hersteller - an jemanden, der den Mais tatsächlich verwenden kann. Dabei machen sie immer wieder Verlust, den am Ende die Fondskäufer tragen müssen. Kleinanleger haben sich schon oft darüber geärgert - aber mit dem Mais können sie halt auch nichts anfangen. Der würde nur schlecht.
Am Ende des Besuchs in Frankfurt steht eines fest: Michael Müller treibt heute sicher nicht den Maispreis in die Höhe, höchstens den für Mais in ein paar Monaten. Aber ist der Unterschied überhaupt wichtig? Und was bedeutet das für die Armen? Die Antwort suchen wir in Chicago, am Terminmarkt.
Thomas Scheen Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.
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