14.07.2007 · Der Dax hat ein Rekordhoch erreicht. Während sich nun viele Anleger freuen, befinden sich einige, wie die der Allianz, der Telekom oder von Infineon, noch immer auf einem langen Leidensweg - und hoffen, dass sie nun profitieren.
Von Stefan RuhkampJahrelang hat Holger Müller am Stammtisch geschwiegen, wenn es um das Thema Börse ging. Wenn die Sportkumpanen über Kursgewinne und Dividenden fabulierten, ging er - peinlich berührt - lieber Bier holen oder an den Spielautomaten. Aus gutem Grund: Als Telekom-Aktionär wäre ihm nur die Rolle des dummen August geblieben, zu armselig ist die Kursentwicklung der vermeintlichen Volksaktie. Müllers Zurückhaltung hat die Freunde allerdings auch um eine nette Pointe gebracht.
Denn um ein Haar wäre der Kleinsparer aus seinem ersten Aktienengagement als reicherer Mann hervorgegangen. Im Frühjahr 2000 hatte er - vielleicht aus einer Ahnung heraus - die beim Börsengang der Deutschen Telekom gekauften Aktien zum Verkauf gestellt. Wie es Anlegerschützer empfehlen, setzte Müller ein Limit. Mindestens 106 Euro wollte er für jede Aktie. Langjährigen Telekom-Aktionären sagt das etwas: Am 8. März 2000 erreichte die Aktie bei sagenhaften 104,90 Euro das Rekordhoch, ehe sie einbrach und beim Tiefpunkt im Sommer 2002 einen Wert von 8 Euro erreichte. Heute kostet eine Aktie rund 13,60 Euro.
Allianz-Aktie immer noch weit unter Höchstwert
Für Menschen, die nie eine Telekom-Aktie hatten, ist es kaum zu verstehen, aber Müller schämt sich für den Fehlgriff und möchte deshalb seinen wirklichen Namen nicht in der Zeitung lesen. Er steht für eine ganze Generation von Anlegern. Auf den Kurseinbruch reagierte Müller wie mancher Anleger zunächst mit Optimismus, später mit Wut und Enttäuschung. Schließlich trat Desinteresse ein. Und erst jetzt, da sich der Aktienmarkt den alten Rekorden nähert, werden die Depot-Leichen wieder zum Thema.
Ähnliche Geschichten ließen sich auch von den Aktionären anderer Dax-Gesellschaften erzählen. Denn die Rückkehr des Deutschen Aktienindex auf lange Zeit unerreichbar geglaubte Höhen hat ihre Schattenseiten. So liegt der Kurs der Allianz-Aktie trotz der jüngsten Kursgewinne immer noch rund 50 Prozent unter dem Höchstwert des Jahres 1999. Ähnlich schlecht sieht es bei den Aktien der Münchener Rück aus, was aber wenigstens mit der allgemeinen Abneigung der Investoren gegenüber Versicherern zu rechtfertigen ist. Aktionäre des Reisekonzerns TUI klagen hingegen auch über Kursverluste von fast 50 Prozent.
Keine Ausschüttungen für Infineon-Anleger
Schlimm hat es zudem die Infineon-Teilhaber getroffen. Was war das vor sieben Jahren für eine Begeisterung um den Börsengang des Siemens-Sprösslings? Gestandene Berufsinvestoren balgten sich um die neuen Aktien, und die Zuteilung unter den Kleinanlegern wurde zu einer ernsthaft diskutierten Frage der Gerechtigkeit. Infineon kam am 14. März 2000 an die Börse, bis auf einige Tage genau auf dem Höhepunkt der Aktien-Euphorie.
Der Kurs verdoppelte sich am ersten Handelstag auf 70 Euro und erreichte drei Monate später das Rekordhoch von 92 Euro. Es folgte die Kursschmelze auf 5 Euro und bis heute die Erholung auf gut 13 Euro. Auf Ausschüttungen warten die Infineon-Anleger seit Jahren. Damit haben sie Anspruch auf den noch zu schaffenden Mitleidspreis der Deutschen Börse; noch vor den Telekom-Aktionären, die immerhin Dividenden erhalten.
„Ich entschuldige mich aus tiefstem Herzen“
Andererseits bietet die Telekom mehr Stoff für Häme. Das liegt an ihrer Herkunft als ehemaliger staatlicher Monopolist und dem Anspruch, eine „Volksaktie“ darzustellen. Der Telekom-Börsengang war im Jahr 1996 so etwas wie das Erweckungserlebnis des deutschen Kapitalmarkts. Erst durch die bis dahin größte europäische Privatisierung wurden die folgenden massenhaften Börsengänge und das überbordende Interesse am Neuen Markt, dem Wachstumssegment der Deutschen Börse, möglich. Die als Volksaktie angepriesenen Anteile am ehemaligen Monopolisten wirkten auf viele Kleinanleger wie eine Einstiegsdroge. Beim Börsengang im Jahr 1996 machten mehr als zwei Millionen mit. Für manchen war es die erste Erfahrung auf dem Aktienmarkt. Und wie das mit Drogen so ist - der erste Rausch war umwerfend.
Heute ist das wegen des anschließenden Katers vergessen. Selbst der ehemalige Reklame-Schauspieler Manfred „die Telekom geht an die Börse und ich geh mit“ Krug sagt sich vom alten Arbeitgeber los und behauptet neuerdings, Reue zu empfinden. Krug, der das Gesicht der enorm erfolgreichen Werbekampange der Telekom zum Börsengang war, sagte im vergangenen Februar - gut zehn Jahre nach dem Telekom-Börsengang: „Ich entschuldige mich aus tiefstem Herzen bei allen Mitmenschen, die eine von mir empfohlene Aktie gekauft haben und enttäuscht worden sind.“
Telekom ist immerhin fleißiger Dividendenzahler
Zu spät und umsonst. Für die meisten der rund zwei Millionen Anleger, die beim ersten Börsengang zugegriffen haben, bleibt unter dem Strich eine Anlage, die wenig mehr als ein Sparbuch abgeworfen hat. 1996 zahlten Kleinanleger für die ersten 300 Aktien 28 D-Mark. Blieben sie mindestes drei Jahre treu, buchte die Telekom für zehn Titel aus dem Börsengang eine weitere gratis ins Depot. Rechnet man diese Vergünstigung hinzu, kommen Kleinanleger, die vor zehn Jahren umgerechnet 1432 Euro für 100 Aktien ausgegeben haben, heute auf einen Depotwert von rund 1500 Euro. Immerhin ist die Deutsche Telekom zumindest in guten Zeiten ein fleißiger Dividendenzahler. Seit dem Börsengang hat sie für hundert Aktien etwa 400 Euro an Dividenden überwiesen. Das ergibt für Erstzeichner insgesamt eine jährliche Rendite von gut 3 Prozent.
Und damit sind sie noch gut bedient. Denn wer bei einer der zwei weiteren Aktienplazierungen der Telekom geordert hat, hat dafür 37,50 oder sogar 63,50 Euro je Aktie bezahlt. Selbst wenn man die Dividenden mitrechnet, wird es wohl Jahrzehnte dauern, bis das Geld zurückgeflossen ist. Wenigstens heilt die Zeit viele Wunden: Holger Müller sagt, seit einiger Zeit könne er wieder über sein Aktienengagement lachen. Nur zum Verkauf kann er sich nicht durchringen - und schon gar nicht zum Kauf anderer Aktien.
Aktien für jedermann - eine Illusion!
Gerd Diethelm (G.Diethelm)
- 14.07.2007, 20:46 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |