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Schuldenkrise : Das würde der Grexit kosten

Es ist nicht nur Griechenlands Problem Bild: dpa

Das Gespenst des „Grexit“ geht um. Die Angst vor den Folgen ist groß. Entwarnung kommt aber von den Rating-Agenturen. Sie halten die Lasten für tragbar - sofern es bei Griechenland bleibt.

          Die Hiobsbotschaften in punkto Griechenland sind derzeit vielfältig. Am Dienstag erregte eine Aussage der Rating-Agentur Moody’s Aufsehen, wonach ein Euro-Austritt Griechenlands auch die Kreditwürdigkeit Deutschlands belasten könnte. „Deutschlands direkte Belastung bei einem griechischen Austritt ist zwar überschaubar, aber die Kreditwürdigkeit der Regierung würde negativ betroffen sein, wenn sich größere Euro-Länder wie Italien oder Spanien dann wieder größeren Schwierigkeiten gegenübersehen.“

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Allerdings hält Moody’s diese Ansteckungsrisiken für geringer als noch 2012, weil die Reformen des Eurosystems und die aktive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) die Eurozone widerstandsfähiger gemacht hätten.

          Diesen Standpunkt teilt auch die Rating-Agentur Standard & Poor’s (S&P). In einer schon früher veröffentlichten Analyse bezifferten die Analysten die möglichen Verluste für die Europartner unter der Annahme, dass keine Rückflüsse erfolgen, auf mehr als 300 Milliarden Euro oder 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das sei tragbar und verteile sich zudem über eine Reihe von Jahren. In der Rechnung eingeschlossen sind dabei die EFSF-Hilfen ebenso wie die Target-2-Salden der EZB, die von der EZB und anderen nationalen Zentralbanken gehaltenen griechischen Staatsanleihen und Kredite der Europäischen Investitionsbank (EIB).

          Geschätzte Lasten des Grexit für den Euroraum
          Bilaterale Kredite EFSF-Kredite Eurosystem EIB Gesamt Prozent des BIP
          Deutschland 15.165 48.400 8.466 1.102 84.815 2,90%
          Frankreich 11.389 36.346 15.873 1.102 64.711 3,00%
          Italien 10.008 31.939 13.782 1.102 56.830 3,50%
          Spanien 665 21.223 9.897 661 38.432 3,60%
          Niederlande 3.194 10.193 4.481 306 18.174 2,80%
          Belgien 1.943 6.199 2.774 306 11.221 2,80%
          Österreich 1.555 4.963 2.198 152 8.867 2,70%
          Finnland 1.004 3.205 1.406 87 5.702 2,80%
          Portugal 1.102 106 1.951 53 3.213 1,80%
          Slowakei -- 1.772 865 18 2.655 3,50%
          Irland 347 -- 1.300 39 1.685 0,90%
          Slowenien 244 840 386 16 1.487 4,00%
          Großbritannien -- -- -- 1.102 1.102 0,00%
          Luxemburg 140 446 227 8 821 1,70%
          Estland -- 427 216 5 648 3,30%
          Zypern 110 218 169 8 505 2,90%
          Litauen -- -- 462 10 473 1,30%
          Lettland -- -- 315 6 322 1,30%
          Malta 51 162 73 3 288 3,60%
          Schweden -- -- -- 203 203 0,00%
          Dänemark -- -- -- 155 155 0,00%
          Polen -- -- -- 141 141 0,00%
          Tschechien -- -- -- 52 0,00%
          Ungarn -- -- -- 49 49 0,00%
          Rumänien -- -- -- 36 36 0,00%
          Kroatien -- -- -- 25 25 0,10%
          Bulgarien -- -- -- 12 12 0,00%
          Gesamt 52.900 166.438 76.526 6.759 302.623
          Beträge in Millionen Euro; Lasten des Eurosystems umfassen Staatsanleihen, Taget-2-Salden und sonstige Kreditgewährungen Quelle: S&P

          Mehr als die Hälfte entfielen dabei auf die EFSF-Kredite, die Nachtragshaushalte der garantierenden Staaten erforderlich machen, aber sich zeitlich verteilen würden. Der zweitgrößte Block sind bilaterale Kredite im Volumen von 53 Milliarden Euro, die aus der Zeit vor dem ESM und dem EFSF stammen. Spürbar wäre der Ausfall aber erst in einigen Jahren, denn fällig werden diese Kredite erst zwischen 2020 und 2041.

          Die Kreditausfälle der EIB könnten von dieser selbst getragen werden. Würden die Verluste der Zentralbanken nicht auf die Staatshaushalte überwälzt, fielen die Belastungen noch einmal um rund 80 Milliarden Euro. Das Eigenkapital des Eurosystems beziffert S&P auf Milliarden Euro, wobei Verluste durch das Ausscheiden der griechischen Zentralbank nicht eingerechnet sind. Da eine Zentralbank kein Eigenkapital benötigt, sei es möglich, dass diese Verluste nur auf dem Umweg niedrigerer Notenbankgewinne spürbar würden.

          Animation : Was bedeutet eigentlich "Grexit"?

          Die relativ größte Last müsste mit 4 Prozent Slowenien tragen, während Irland mit 0,9 Prozent relativ glimpflich davon käme. Für Deutschland beziffert die Agentur die Last auf 2,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, was ziemlich genau in der Mitte läge.

          Die Belastungen entsprächen denen, die einige Mitgliedsstaaten getragen hätten, als sie ihr eigenes Bankensystem während der Eurokrise hatten stützen müssen, schreibt S&P weiter. Die Nettolasten für Belgien, Österreich, die Niederlande und Spanien hätten zwischen 3 und 4,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen, während die Bruttolasten Großbritanniens und Deutschland sogar mehr als 8 Prozent erreicht hätten.

          Die Renditeentwicklung griechischer Anleihen hat wenig mit dem Markt für andere europäische Staatsanleihen zu tun
          Die Renditeentwicklung griechischer Anleihen hat wenig mit dem Markt für andere europäische Staatsanleihen zu tun : Bild: FAZ.NET

          Als kritischen Punkt sehen die Analysten ebenso wie Moody’s eine mögliche Ansteckung, also wenn dem „Grexit“ noch ein „Italexit“ oder „Spexit“ folgte. Das könne dann geschehen, wenn sich die Finanzierungsbedingungen für ein oder mehrere Staaten verschlechtern sollten. Doch an dieses Szenario glauben die Analysten nicht. Da so die Lasten des „Grexit“ moderat blieben und sich über Jahre verteilen würden, sieht S&P derzeit auch keine Konsequenzen für die Ratings andere Euroländer. Zwar werde es deutliche Auswirkungen auf die Anleihemärkte haben, aber das Ansteckungsrisiko sei gering.

          Griechenland sei mittlerweile von den Kapitalmärkten deutlich entkoppelt, auch wenn möglich sei, dass einige Banken im Falle des „Grexit“ Unterstützung bedürften.

          Quelle: FAZ.NET

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