03.06.2010 · Anleger warten auf eine ideale Korrektur, die es so nicht gibt
Die meisten Privatanleger stehen zurzeit an der Seitenlinie. Sie schauen dem aktuellen Auf und Ab an der Börse nur zu. Diese Ansicht vertritt Joachim Goldberg, Geschäftsführer der Frankfurter Analysegesellschaft Cognitrend: "Sie schauen tatenlos zu und warten auf eine Bilderbuchkorrektur, die es so nicht geben wird. Irgendwann ist der Aktienmarkt davongelaufen, die Kurse sind stark gestiegen, und die Privatanleger haben den richtigen Zeitpunkt für einen Einstieg wieder einmal verpasst."
Glaubt er trotz der Unwägbarkeiten um die hochverschuldeten Länder im Euro-Raum wie Griechenland und Spanien und die sich immer höher verschuldenden übrigen Staaten denn an weitere Kurssteigerungen? "Es ist erstaunlich, aber der Aktienmarkt hält sich trotz der Schuldenkrise vergleichsweise stabil", sagt Goldberg und wertet dies als ein gutes Zeichen: "Der Markt zeigt Stärke." Gleichwohl helfe ihm die nach wie vor hohe Liquidität dabei. So war der Dax nach seinem Jahreshoch im April von 6341 Punkten binnen weniger Tage um 12 Prozent auf fast 5600 Punkte gefallen. Inzwischen liegt der Index wieder etwas oberhalb von 6000 Punkten.
"Diese Kursrückgänge waren sehr heftig und scharf", sagt Goldberg: "Und sie wurden stets von negativen Nachrichten vor allem aus dem Euro-Raum ausgelöst. Das macht den Privatanlegern Angst." Doch das aktuelle Niveau erscheine ihnen nun schon wieder zu hoch für einen Einstieg in den Aktienmarkt. Wann würden Privatanleger denn wieder Aktien kaufen? "Eine für sie ideale Korrektur sollte den Dax langsam und in kleinen Schritten bis auf 5400 Punkte führen, also 10 Prozent weniger als 6000 Punkte", sagt Goldberg. Dann hätten Anleger genügend Zeit, sich einen Einstieg in den Aktienmarkt in aller Ruhe zu überlegen: "Doch wäre dies in der Tat der Fall und die Kurse würden danach nicht schnell steigen, dann sollte man sich Gedanken darüber machen, ob es überhaupt eine Erholung gibt."
Erstaunlich gut hätten dagegen die institutionellen Investoren den negativen Nachrichten und Kursrückgängen standgehalten. Denn sonst würden die Aktienkurse viel tiefer stehen, ist sich Goldberg sicher. Etwas Sorgen bereitet dem Anlageexperten allerdings der gerade unter professionellen Anlegern zuletzt wieder deutlich gestiegene Optimismus, der ein Kippen der positiven Markttendenz wahrscheinlicher machen könnte. Aber noch sei dieser Optimismus nicht besonders nachhaltig. Die Stimmung der Aktienanleger gilt als eine Art Kontraindikator. Ist die Zuversicht sehr hoch, dann sind viele Investoren schon in Aktien investiert. Häufig fehlt dann neue Kursphantasie, Verluste an den Aktienbörsen können die Folge sein. Umgekehrt sieht es im Falle eines übergroßen Pessimismus aus, der wiederum für steigende Kurse sprechen könnte.
Für Goldberg sehen die Privatanleger in Europa die aktuelle Situation zu negativ: "Sie ist wahnsinnig präsent. Alles findet in unmittelbarer Nähe statt." In solchen Phasen neige man üblicherweise dazu, alles überzubewerten. Mit der Zeit werde aber ein Gefühl der Gewöhnung eintreten. Dann müssten Nachrichten schon sehr viel schlechter ausfallen als bisher, um den Markt noch zu beeindrucken: "Und es ist schon so einiges, was dieser bislang verkraftet hat."
Auch die Politik trägt nach Ansicht Goldbergs einen großen Teil zur Verunsicherung der Anleger bei. Beispielhaft nennt er die Einführung eines Verbots von Leerverkäufen für bestimmte Wertpapiere in Deutschland und die Diskussionen über dessen Weiterungen. Es scheine so, als wisse die Politik nicht, was sie tue, und verstehe die Finanzmärkte nicht wirklich. Studien belegten, dass ein Fehlen von Leerverkäufen sogar Spekulationsblasen begünstigen würde. Kritisch wertet Goldberg auch die umfassenden "Sparanstrengungen" der europäischen Regierungen, mit dem Ziel, die Verschuldung zu senken. "Sie kommen beim Anleger nicht so an, als hätten sie irgendeine Aussicht auf Erfolg, und genau das wäre psychologisch wichtig, um wieder Vertrauen zu schaffen."
Und was sollten Anleger in diesem Umfeld tun? "Sie sollten nicht länger auf ihre Wunschkorrektur warten, wenn sie langfristig, auch unter dem Eindruck möglicher Inflationsgefahren, von Aktien überzeugt sind, sondern jetzt kaufen", sagt Goldberg: "Langfristig ist es nicht entscheidend, ob die Kaufkurse etwas niedriger oder höher sind. Kurz- oder mittelfristig überwiegen aber die Unwägbarkeiten." Deswegen sollten Anleger auch an die Begrenzung möglicher Verluste denken. Denn die Kurse dürften vorerst volatil bleiben, was sich erst mit der Zeit bessern werde. "Doch das Chance-Risiko-Verhältnis ist derzeit nicht so hoch wie sonst üblich", gesteht der eigentlich unbeirrbare Optimist zu und rechnet mit einer monatelangen Seitwärtsbewegung der Märkte. 7000 Punkte im Dax in einem Jahr seien jedoch durchaus möglich. Sein Resümee: "Es gibt nicht mehr Unwägbarkeiten als sonst. Sie sind einfach nur präsenter."
Kerstin Papon
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3195 | −0,67% |
| Rohöl Brent Crude | 117,61 $ | −0,91% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |