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Schöne Wohnung statt Nullzins : Warum es so schwierig ist, Handwerker zu finden

  • Aktualisiert am

Ein Handwerker! Wohl dem, der einen hat. Bild: dpa

Wer derzeit renovieren will, sollte früh mit der Planung beginnen. Kurzfristig einen Handwerker zu finden, ist so schwierig wie lange nicht mehr.

          „Das Handwerk blickt auf ein Rekordjahr 2016 zurück“, heißt es im jüngsten Konjunkturbericht des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH). Das Geschäftsklima sei so gut wie noch nie. Vor allem  Ausbauhandwerker, wozu etwa Maler, Tischler, Schreiner oder Trockenbauer gehören, sind gefragt. 94 Prozent der vom Verband befragten Betriebe gaben an, dass die Geschäfte gut oder zumindest zufriedenstellend liefen.

          Aber auch in anderen Bereichen sieht es nicht viel schlechter aus. Im Lebensmittelhandwerk sind es 93, im Bauhandwerk 90 Prozent. Leicht zurück hängt das Kfz-Handwerk mit 85 Prozent. Aber auch hier hat sich die Lage etwas verbessert, waren es im Vorjahr doch nur 80 Prozent gewesen.

          Der Anteil der Betriebe mit sinkenden Umsätzen ist von 21 auf 18 Prozent gesunken, weiter freuen sich 23 Prozent über ein Wachstum.

          Sieben bis zehn Wochen Wartezeit sind normal

          Doch was die Betriebe freut, ist für die Kunden häufig ein Ärgernis. Vor allem bei Bau- und Ausbauarbeiten müssten sie derzeit bis zu zehn Wochen auf einen Termin warten, sagt ein ZDH-Sprecher. „Bei Baumaßnahmen sollte man deswegen spätestens drei Monate vor dem Termin den Betrieb kontaktieren“, rät er. Und bei Notfällen? „Kleine Aufträge oder Nothilfen werden auch kurzfristig erledigt.“

          Ähnliche Angaben machen die Handwerkskammern in Berlin und München. In der Hauptstadt liegt die Wartezeit im Baugewerbe ebenfalls bei rund zehn, in München bei mehr als acht Wochen. „Die Auftragsbücher werden immer dicker“, sagt auch Karl Brenke, Konjunktur-Referent beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). „Das liegt vor allem am wachsenden Sanierungs- und Wohnungsbedarf.“

          Für die Handwerksbetriebe liest sich das positiver: Die durchschnittliche Auftragsreichweite hat sich gegenüber dem Vorquartal um vier Tage auf knapp 52 Tage erhöht. Das heißt: Bis die aktuellen Aufträge abgearbeitet sind, hat der durchschnittliche Betrieb mehr als sieben Wochen zu tun. kein Wunder also, wenn man vergebens auf einen Rückruf wartet.

          Verantwortlich ist gerade in den Ballungszentren auch der Immobilienbooms, allzumal auch bei Sanierungen der Trend nach oben geht. „Viele Hausbesitzer und Hausbauer investieren lieber in eine energetische Sanierung, anstatt ihr Kapital zu Nullzinsen zu parken“, schreibt die Berliner Handwerkskammer in ihrem aktuellen Frühjahrsbericht.

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          „Das führt natürlich dazu, dass Kunden derzeit zum Teil sehr lange auf ihren Termin warten müssen“, sagt DIW-Experte Brenke. Er geht zudem davon aus, dass die Preise deutlich steigen werden. „Denn gleichzeitig nimmt die Zahl der Betriebe gerade im Baubereich immer weiter ab.“

          Das liegt aus Brenkes Sicht zum einen daran, dass ausscheidende Betriebe keinen Nachfolger finden. „Zudem werden Lehrlinge gerade im baunahen Bereich knapper, etwa bei den Heizungsbauern.“ Das sei dem demografischen Wandel geschuldet sowie dem Umstand, dass ein wachsender Teil der Jugendlichen ein Studium anpeile.

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          Auch der ZDH sieht Fachkräftemangel in der gesamten Handwerkerschaft als eine Ursache der langen Wartezeiten. „Die Betriebe suchen händeringend nach Personal, um ihre hohen Auftragsbestände abarbeiten zu können.“ Hätten die Betriebe genügend Fachkräfte und Auszubildende beschäftigen können, wäre 2016 ein noch höheres Wachstum möglich gewesen, so der Verband.

          2017 wird es für die Kunden wohl nicht besser werden: Die überwiegende Zahl der Handwerksbetriebe erwartete zuletzt eine bessere Geschäftsentwicklung - besonders das Ausbauhandwerk. Alles deute auf ein weiter hohes Tempo der Handwerkskonjunktur hin, so der ZDH: Anhaltender Zuzug die Ballungszentren,  höhere Bauinvestitionen der öffentlichen Hand, eine steigende Erwerbstätigkeit, auch wenn die realen Einkommen wohl weniger deutlich wachsen sollten.

          Quelle: dpa

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