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Veränderte Geldanlagen : Ein Leben ohne Zins

Niedrigzinsen, Nullzinsen, Negativzinsen: Die Geldpolitik der EZB führt zu dramatischen Veränderungen. Bild: Imago

Sinkende Preise und schrumpfende Wirtschaft. Die Europäische Zentralbank fürchtet eine Deflation. Daher soll der Niedrigzins zum Normalzustand werden. Gerade das verändert unser Geldanlegen dramatisch.

          Sobald jemand dieser Tage anfängt, über den Zins zu sprechen, verfällt er schnell in den Duktus eines Märchenerzählers. Dann beginnt er seine Ausführungen sinngemäß mit den Worten: Es war einmal. Was darauf folgt, erscheint wie eine Erzählung aus vergangener Zeit, als der Zins noch eine gewisse Höhe hatte und die guten alten Regeln aus den Wirtschaftslehrbüchern noch galten.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In Wirklichkeit stecken wir seit Jahren in einer Tiefstzinsphase fest, die historisch einmalig ist und länger andauert, als es selbst Fachleute zu Beginn vermutet haben. Entsprechend schwer tut sich die Welt damit, den Zustand einzuordnen. Ob die zinslose Zeit bleibt oder ob es zu einem Zurück in die Nähe alter Höhen kommt, daran scheiden sich die Geister. Von heute aus betrachtet, ist ein Ende der zinslosen Zeit nicht absehbar.

          Wer darauf gehofft hatte, dass die amerikanische Notenbank ein anderes Signal aussendet, musste nach der Rede von Janet Yellen ernüchtert sein. Die Präsidentin der Federal Reserve hat am Freitag zwar eine Leitzinserhöhung in diesem Jahr in Aussicht gestellt; allerdings nur, wenn sich Konjunktur, Arbeitsmarkt und Inflation weiter so entwickeln wie zuletzt. Zugleich stellte Yellen in Jackson Hole aber klar, dass sie langfristig mit niedrigen Zinsen rechnet. Daran muss man sich wohl oder übel gewöhnen.

          Niedrigzinsen, Nullzinsen, Negativzinsen

          Niedrigzinsen, Nullzinsen, Negativzinsen: Das Vokabular spiegelt die geradezu irrwitzige Lage wider, in der wir uns befinden. Wer sich verschuldet, bezahlt fast nichts dafür. Oder er erhält sogar Geld, wie eine Reihe von Staaten und Unternehmen, deren Anleihen negative Renditen aufweisen und bei Anlegern trotzdem reißenden Absatz finden. Der ökonomische Grundsatz, dass Zinsen eine Belohnung für verliehenes Geld sind, ist damit ausgehebelt. Ebenso wenig gilt ein anderer Grundsatz, wonach Geduld sich auszahlt. Im Gegenteil: Wer heute spart, der wird bestraft. Sparprodukte wie Tagesgeld oder Lebensversicherungen werfen kaum noch etwas ab, Großkunden müssen sogar Negativzinsen zahlen, wenn sie ihre Einlagen bei der Bank hinterlegen. So wie die Finanzinstitute ihrerseits Strafzinsen von minus 0,4 Prozent zahlen müssen, wenn sie ihre Einlagen bei der Europäischen Zentralbank (EZB) parken. Die Frage ist: Wie konnte es so weit kommen? Und: Was soll das Ganze bringen?

          Um das zu verstehen, muss man die Notenbanken in den Blick nehmen. Sie hatten lange Zeit eine recht klar umrissene Aufgabe: Sie mussten entscheiden, wann die Zinssätze auf welche Weise an die Realwirtschaft angepasst werden sollten. Im Idealfall erhöhten die Zentralbanken die Zinssätze, ehe sich die Konjunktur überhitzte; sie senkten sie, um die Folgen einer Wirtschaftsflaute möglichst gering zu halten. Infolge der Finanz- und Euro-Krise 2008 jedoch haben die Notenbanker ihr Mandat ständig erweitert, so kauft die EZB inzwischen Staats- und Unternehmensanleihen in Höhe von 80 Milliarden Euro monatlich.

          Besser heute als morgen Geld ausgeben

          Am 10. März dieses Jahres ließ die EZB einen weiteren historischen Schritt folgen: Ihr Präsident Mario Draghi verkündete, den ohnehin schon verschwindend geringen Leitzins auf nullkommanull zu senken, wie es zuvor Notenbanker anderer Länder getan hatten. Damit will Draghi Privatleute und Unternehmen mit aller Macht dazu bringen, besser heute als morgen Geld auszugeben, damit die schleppende Konjunktur in der Eurozone in Schwung kommt. Kreditzinsen sind ja auch billig. Wirklich helfen tun solche Zinssenkungen nicht. „Man kann dadurch immer nur temporäre Vorzieheffekte bei der Nachfrage erzielen, die rasch verpuffen und dann wieder neue Zinssenkungen verlangen“, sagt Hans-Werner Sinn, der langjährige Leiter des ifo-Instituts: „Es ist wie bei einer Droge.“ Die Frage ist, ob und wie ein Süchtiger den Ausstieg schafft.

          Drastischer Fall: Rendite der Bundesanleihe
          Drastischer Fall: Rendite der Bundesanleihe : Bild: F.A.S.

          In Deutschland würde man das Ende der Nullzinsen lieber heute als morgen sehen. Zumal das Kalkül der EZB augenscheinlich nicht aufgeht. Ihr erklärtes Ziel, die Inflation nahe zwei Prozent zu bringen, verfolgt die Zentralbank seit drei Jahren vergeblich. Die Teuerungsrate bewegt sich weiter nahe null, im Juli lag sie bei 0,2 Prozent. Das Wirtschaftswachstum in der Eurozone bleibt verhalten, die Investitionen sind trotz leicht erhöhter Kreditvergabe ebenso überschaubar. In vielen Ländern geben Privatleute das Geld nicht mit vollen Händen aus, sondern sparen aus Verunsicherung über ihre Altersvorsorge eher mehr.

          Ungewöhnlich ist das nicht, wie ein Blick nach Japan zeigt. Dort versucht die Notenbank schon seit 25 Jahren, die Konjunktur mit Minizinsen und anderen Mitteln in Schwung zu bringen. Vergeblich: Japans Wirtschaft dümpelt weiter dahin.

          Sorge um Deflation

          Hier in der Eurozone machen Draghi und seine Mitstreiter unermüdlich weiter, getrieben von der Sorge, dass es zu einer Deflation kommen könnte. Soll heißen, dass die Preise sinken, die Wirtschaft schrumpft, die Arbeitslosigkeit steigt. Jedoch bleiben nicht nur die erwünschten Effekte aus, sondern es kommt zunehmend zu Nebenwirkungen. Weil das viele Geld irgendwie angelegt werden will, werden Vermögensklassen wie Aktien, Anleihen und Immobilien immer teurer. Sogar Gold hat seit Jahresbeginn deutlich im Wert gewonnen, obwohl es keine Rendite abwirft. Verrückte Anlagewelt.

          Die Crux der Währungsunion ist es, dass die EZB Politik für alle Mitglieder machen muss. Doch die Volkswirtschaften entwickeln sich unterschiedlich. In Deutschland floriert die Konjunktur, die Einkommen steigen, die Zahl der Erwerbtätigen ist so hoch wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr, der Konsum ist hoch. Dagegen ächzt Spanien unter der Arbeitslosigkeit, Italien leidet unter hoher Verschuldung, maroden Banken und einer stagnierenden Wirtschaft.

          Folgt man einer bekannten Regel des amerikanischen Ökonomen John B. Taylor, so ist der EZB-Leitzins für deutsche Verhältnisse viel zu niedrig. Die Deutsche Bank errechnete gemäß der Regel einen für Deutschland angemessenen Leitzins von 4,4 Prozent. Für Italien wäre ein Zinssatz von minus 0,3 Prozent angemessen. Das heißt: Italien profitiert von der Politik des Italieners Draghi, während sich die Deutschen damit wohl oder übel arrangieren müssen. „Die Geldpolitik kann uns nur Zeit kaufen für die notwendigen Reformen“, sagte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble der F.A.S. „Den Einstieg in den Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik erreichen wir nur durch Strukturreformen und mehr Investitionen.“

          Kritik wird immer größer

          Doch daran hapert es seit Jahren, weil Nullzinsen und Anleihekäufe der EZB Reformdruck von den schwächelnden Ländern nehmen. „Je mehr europäische Regierungen die Reform ihrer Politik aufschieben, desto länger wird ein Niedrigzinsumfeld herrschen – und desto größer wird der Schaden für heutiges und künftiges Wohlergehen“, sagt Mohamed El-Erian, früherer Chef der Fondsgesellschaft Pimco und Berater des amerikanischen Präsidenten Barack Obama.

          Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU): „Auf Dauer sind die Folgen von Niedrigzinsen oder gar negativen Zinsen schädlich – etwa bei der Vorsorge fürs Alter.“
          Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU): „Auf Dauer sind die Folgen von Niedrigzinsen oder gar negativen Zinsen schädlich – etwa bei der Vorsorge fürs Alter.“ : Bild: Andreas Pein

          Keine Überraschung ist es, dass die Kritik an der Niedrigzinspolitik nirgendwo größer ist als hierzulande. Denn die Nebenwirkungen werden immer eklatanter. Banken und Sparkassen, die stärker von der Zinshöhe abhängen als die Institute anderer Länder, verdienen immer weniger Geld, weil ihre Zinsüberschüsse dahinschwinden. Versicherer müssen ins Risiko gehen, um Erträge zu sichern. Wie gewohnt auf Anleihen zu setzen wird schwieriger, sind doch die Renditen oft im Minus. Laut Schätzungen weisen Anleihen im Wert von rund zwölf Billionen Euro eine negative Rendite auf. Sparer sehen ihr Geld von der hohen Kante rutschen, weil viele Produkte kaum noch Rendite abwerfen. Stattdessen werden sie von ihren Banken zur Kasse gebeten, die schwindende Margen über höhere Gebühren wettmachen wollen. Dass alle diese Entwicklungen die Finanzstabilität als Ganzes gefährden, werden Experten wie Bundesbank-Präsident Jens Weidmann nicht müde zu betonen.

          Mehr Wagnis ist nötig

          Deutsche Kritik kontert Draghi stets mit dem (richtigen) Hinweis, dass der nominale Zins zwar historisch niedrig ist, der reale Zins – also die Verzinsung minus die Teuerungsrate – aber höher ist als im Durchschnitt der 90er Jahre. Mit anderen Worten: Früher bekam man fürs Ersparte zwar mehr Zinsen, musste aber auch für Waren mehr bezahlen.

          Wer trotz der Minizinsen heute eine erkleckliche Rendite erzielen will, muss in der Geldanlage mehr wagen. Dazu hat die Deutsche Bank eine Rechnung aufgemacht: Wer 2004 eine Rendite von vier Prozent erzielen wollte, dem gelang dies mit einem Portfolio aus 85 Prozent Anleihen und 15 Prozent Aktien. Heute sind vier Prozent Rendite nur möglich, wenn Anleihen und Aktien gleich gewichtet werden. Dadurch aber steigt die Schwankungsanfälligkeit extrem. Im Zweifel entscheiden sich die Anleger für die Sicherheit. Zwar haben in einer Umfrage der Fondsgesellschaft Union Investment 41 Prozent behauptet, Aktien oder Fondsanteile zu kaufen (und damit 12 Prozent mehr als 2014). Andererseits haben Anleger in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 2,5 Milliarden Euro aus Aktienfonds abgezogen.

          Wann kommt die Zinswende?

          Bleibt die Frage, was passiert, wenn sich die von der EZB gewünschten Effekte eines Tages einstellen? Dass Zentralbanken vor den Folgen einer zügigen Zinserhöhung zurückschrecken, zeigt die amerikanische Fed. Um die Konjunktur nicht abzuwürgen, ließ die Notenbank ihrer zaghaften Leitzinserhöhung im Dezember keinen weiteren Schritt folgen. Ob es im September so weit sein wird oder im Dezember, lässt Yellen offen. Dabei wäre die Zeit in Amerika reif.

          Die EZB wird, wenn sie ihrerseits die Zeit für eine Zinswende gekommen sieht, nicht forscher vorgehen. Zu groß die Gefahr, dass hochverschuldete Eurostaaten sowie Banken in arge Nöte geraten. Auch für Anleger droht Ungemach: Eine Zinserhöhung würde Anleihen mit langen Laufzeiten belasten, Aktieninhaber müssten mit fallenden Börsenkursen rechnen. Hierzulande würde auch der private Konsum zurückgehen und die Konjunktur bremsen.

          Ob wir es wollen oder nicht: Unser Leben ohne Zins hat gerade erst begonnen.

          Quelle: F.A.S.

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